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„Wir können nichts anderes“

Tokio Hotel meldet sich nach zweijähriger Pause mit einem neuen Album und einer Tour zurück. Ein Gespräch mit den Bandmitgliedern

Bill und Tom Kaulitz, Georg Listing und Gustav Schäfer sitzen auf einem schwarzen Ledersofa in den Hallen von Black Box Music in Pankow, zu ihren Füßen döst Bulldogge Pumba. Am 3. März erscheint nach über zweijähriger Pause mit „Dream Machine“ das neue Album von Tokio Hotel. Bereits seit Dezember proben die Bandmitglieder hauptsächlich in Berlin für die dazugehörige Tour. Größer als mit ihrem Debüt „Schrei“ von 2005, das wissen die Magdeburger selbst, können sie mit ihrer fünften Platte kaum noch werden. Damals waren sie um 15, 16 und 17 Jahre alt. Ihren Lebensmittelpunkt haben die vier mittlerweile auf andere Dinge ausgerichtet. Ein Gespräch über Prioritäten, den großen Lebensplan und das Berliner Nachtleben.

Berliner Morgenpost: Euer letztes Album war Medienberichten zufolge eher mäßig erfolgreich. Setzt euch das unter Druck?

Bill Kaulitz: Wenn man sein erstes Album macht, ist man total unschuldig. Niemand hat Erwartungen, es gibt keinen Druck. Dahin wollten wir dieses Mal beim Songschreiben zurück, weil man dann einen ganz anderen Zugang zur eigenen Kreativität bekommt. Wir sind in der luxuriösen Situation, dass wir noch immer eine sehr feste Fan Base haben. Deshalb hatten wir auch 2015 ein super Tourjahr. Wir können sehr entspannt sein.

Tom Kaulitz: Und wir werden immer weiter Alben machen. Egal ob da mal eins dabei ist, was sich schlechter verkauft. Das ist ja auch immer Ansichtssache. Die letzte Platte hat Gold gemacht und fast überall die #1 bei iTunes erreicht und abgesehen von Alben machen wir immer Musik. Ein Album ist nur eine Zusammenfassung dieser Zeit. Es gibt für uns keine Alternative. Wir können ja auch nichts anderes.

Erfolg im Sinne von Bekanntheit ist für euch heute vermutlich nicht mehr besonders erstrebenswert.

Bill Kaulitz: Für uns ging es nie ums berühmt werden. Wenn wir keine Platte zu vermarkten haben, sieht man uns auch nicht in Talkshows oder auf roten Teppichen. Diesen ganzen Zirkus machen wir dann gerne mit, aber es geht uns ums Auftreten und ums Musik machen. Ich fand es problematisch, als es irgendwann mehr um uns als Personen als um die Musik ging. Das war gerade in Deutschland extrem. Deshalb sind wir nach Los Angeles abgehauen und haben vier Jahre lang nichts gemacht. Das war menschlich und karrieretechnisch für uns die einzige Lösung. Jetzt können wir Auftritte wieder anders genießen. Eine Zeit lang waren wir nur unterwegs und vollkommen isoliert vom normalen Leben und normalen Menschen.

Georg Listing: Wir waren gemeinsam in dieser Blase, aber bei Gustav und mir war das schon noch ein bisschen entspannter. Wir mussten nicht ins Ausland fliehen.

Gustav, du bist im vergangenen Jahr Vater geworden. Hinterfragt man da nicht das Bandleben? Möchte man da noch zurück in die Blase?

Gustav Schäfer: Man wird auf jeden Fall entspannter. Ich zerbreche mir heute nicht mehr so den Kopf. Und ich habe meinen Alkoholkonsum ein wenig eingeschränkt (lacht).

Bill Kaulitz: Ich denke, die Balance ist für uns alle wichtiger, jetzt wo wir ein bisschen älter sind. Früher kamen wir aus der Schule und haben danach Musik gemacht. Etwas anderes gab es nicht. Wir hatten gar keine sozialen Kontakte außerhalb der Band. Heute ist das anders. Gustav ist Papa und verheiratet, Georg hat sein Leben mit seiner Freundin, jeder macht sein Ding. Wir springen jetzt gerne in die Blase und gehen auf Tour, weil wir wissen, wir kommen da wieder raus.

Freundschaften verändern sich häufig, wenn Menschen Eltern werden. Was hat das mit der Dynamik in eurer Band gemacht?

Tom Kaulitz: Das stimmt, aber ich glaube, das ist bei Frauen extremer. Ich hatte auch diese Befürchtung, aber bisher ist alles so geblieben wie es war. Wenn man so eine Mädelsclique ist und plötzlich bekommen zwei Kinder, dann ist nicht mehr alles „Sex and the City“. Dann ist zu Hause sitzen und stillen angesagt. Bei uns ist nach wie vor „Sex and the City“ (lacht).

Wie sieht es bei den anderen von euch mit der Familienplanung aus?

Tom Kaulitz: Bill und ich haben so eine Lebensplanung gar nicht.

Bill Kaulitz: Ich fühle mich manchmal wie 100. Dann denke ich, ich habe schon alles gesehen und erlebt. Dann wünsche ich mir so ein Erlebnis, das noch einmal alles erschüttert und verändert. Ein anderes Mal fühle ich mich wie zwölf und mich erschreckt diese Vorstellung. Dann denke ich, ich kann auf keinen Fall schon heiraten und Kinder bekommen. Ich habe aber auch so eine Beziehung, wie Gustav sie hat, noch nicht erlebt. Das verändert natürlich alles. Vielleicht hat das Leben für mich einfach etwas anderes vorgesehen.

Für eure Tour probt ihr seit Dezember hauptsächlich in Berlin. Was verbindet ihr mit der Stadt?

Bill Kaulitz: Berlin ist für uns das deutsche Pendant zu L.A. Es ist wahnsinnig international. Leute aus der ganzen Welt kommen nach Berlin, weil es dort so eine große Freiheit gibt. Das Nachtleben ist toll, ich liebe das Berghain. Es ist für mich das beste Nachtleben der Welt.

Könnt ihr euch hier freier bewegen als im Rest Deutschlands?

Bill Kaulitz: Ja, in Berlin ist es am entspanntesten für uns. In Magdeburg würde ich nie auf der Straße langlaufen. In Berlin geht das schon mal.

Schon mal an einen Umzug nach Berlin gedacht?

Bill Kaulitz: Ich glaube nicht, dass wir jemals dauerhaft in Berlin sesshaft werden. Aber Tom und ich haben schon oft darüber nachgedacht, uns hier einen Zweitwohnsitz zuzulegen. Die Stadt inspi­riert uns sehr, deshalb verbringen wir sehr gerne Zeit hier.

Wie fühlt es sich an, so lange am Stück zurück in Deutschland zu sein?

Tom Kaulitz: Das ist wie mit der gesamten Karriere. Wir können das jetzt ganz anders genießen, weil wir danach wieder weg können. Als wir noch hier gewohnt haben, war das wie ein Gefängnis. Ich habe alles nur noch scheiße gefunden. Jetzt komme ich gerne hierher.

Bill Kaulitz: Wir können Deutschland jetzt wieder vermissen. Und es ist immer ein bisschen wie Urlaub. Wenn wir sagen, wir fliegen nach Hause, dann meinen wir damit mittlerweile Los Angeles.

Und dort wohnt ihr immer noch beide zusammen?

Bill Kaulitz: Genau. Schon immer. Wir haben einen Männerhaushalt. Aber Tom ist mega-ordentlich.

Tom Kaulitz: Das liegt aber auch daran, dass wir so selten zu Hause sind. Wir essen drei Mal täglich im Restaurant. Der Kühlschrank ist leer, da ist nur Alkohol drin. Da braucht man dann auch die Geschirrspülmaschine nie anzumachen.

In nicht allzu langer Zeit werdet ihr alle 30. Gibt es dazu Gedanken?

Bill Kaulitz: Früher habe ich gedacht, so alt werde ich gar nicht. Aber mir macht das Älterwerden auch gar nichts aus. Ich würde niemals die Zeit zurückdrehen wollen.

Georg Listing: Ich möchte gerne sehr alt werden. So entspannte 200, wenn ich gesund bin natürlich.

Und was muss bis dahin noch erledigt werden? Haus bauen, Baum pflanzen, Sohn zeugen?

Bill Kaulitz: Ich möchte unbedingt heiraten. Irgendwann. Und ich möchte mal einen eigenen Club besitzen, den geilsten in Europa. Und eine Modelinie.