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Es lebe die Revolution

Am Sonntag ging es bei den Premieren um radikale Veränderungen. Von Karl Marx bis zur Befreiung Indiens

Irgendwann sollte man die Fesseln sprengen. Kapitalismus? Pah. Kolonisierung? Pah. Es ist Zeit, die Gesellschaft zu revolutionieren. Wer da nun zuerst an Trump denkt und gleich begeistert die Faust in die Luft reckt, der irrt zwar nicht unbedingt, aber diese Revolution findet erstmal auf der Leinwand statt – und zwar gleich doppelt. Am Sonntag feierten auf der Berlinale die Filme "Der junge Karl Marx" und "Viceroy's House" ihre Premieren.

Den Anfang machte die indische Regisseurin Gurinder Chadha, die in einem nachtblauen Sari über den roten Teppich schritt. Mit ihrem Historienepos über die Entkolonisierung Indiens setzte sie ein politisches Zeichen im Berlinale-Palast. "Es ist das erste Mal, dass die Geschichte Indiens so auf die Leinwand kommt", sagte Hauptdarsteller Manish Dayal. "Downton Abbey"-Patriarch Hugh Bonneville kam ebenfalls nach Berlin. Er spielt den letzten englischen Vize-König Lord Mountbatten, der das Land in die Unabhängigkeit führen soll. Wer die Geschichte kennt, der weiß, dass die Aufgabe der Kolonialherrschaft keineswegs unblutig endete, sondern in bittere Kämpfe zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs mündete. Daran droht die Liebe des Hindu Jeet (Manish Dayal) und der muslimischen Angestellten Aalia (Huma Qureshi) zu scheitern. Qureshi zeigte sich in Berlin in einem Traum aus Tüll, während sich "Akte X"-Star Gillian Anderson in einem tief dekolletierten Kleid präsentierte.

Am späteren Abend hat der haitianische Regisseur Raoul Peck nachgezogen. Auf der Berlinale fühle er sich wohl, es sei ein wichtiges Festival, sagte er. Für ihn ist das auch fast ein Heimspiel: Peck hat hier studiert und war häufig auf der Berlinale zu Gast. Mit seinem "Karl Marx" reist er in die Geschichte zurück, bis 1844. In seinem Film, der im Friedrichstadt-Palast Premiere hatte, treffen Karl Marx und Friedrich Engels aufeinander. Klar, dass sich Katja Kipping, Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, Dietmar Bartsch und Petra Pau von der Linkspartei diese Premiere nicht entgehen lassen wollten. Im Kino begegnet einem jedoch nicht der stattliche Mann mit Rauschebart, sondern seine jugendliche Version. Das habe ihn überhaupt erst motiviert, in diese Rolle zu schlüpfen, sagte Schauspieler August Diehl. Zuerst habe er nämlich gedacht: Marx, war der mal jung? "Aber dann hab ich mich für ihn begeistert, als ich merkte, er hatte Humor, er hatte Probleme, er war ein echter Mensch und keine Statue", so Diehl. In die zweite Hauptrolle dieses Biopics schlüpfte der Dortmunder "Tatort"-Kommissar Stefan Konarske. "So einen echten Dandy wie diesen Engels habe ich noch nie gespielt, hat echt Spaß gemacht", sagte er. Nur jetzt, auf dem roten Teppich an der Friedrichstraße, da sei das doch etwas kalt in so einem dünnen Anzug. Da helfen bloß Kniestrümpfe unter der Hose, verrät Konarske.

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