Spaziergang

Ronald Zehrfeld: „Ich würde gern Kulenkampff spielen“

| Lesedauer: 13 Minuten
Jan Draeger
Schauspieler Roland Zehrfeld

Schauspieler Roland Zehrfeld

Foto: Reto Klar

Der Berliner Schauspieler ist in dem Film "Landgericht" zu sehen, der als Zweiteiler am Montag und Mittwoch ins Fernsehen kommt.

Ein Hinterhof im Winskiez in Prenzlauer Berg. Hier entsteht gerade das Foto mit Ronald Zehrfeld. Auf einmal kommen bei ihm Erinnerungen auf. An eine Kindheit viel weiter im Osten der Stadt, in Schöneweide. An eine Zeit, als Hinterhöfe sein Spielplatz waren. Über Mauern ist er damals geklettert, durch Löcher gekrochen. Auf einigen dieser Hinterhöfe stand ein Pflaumen- oder ein Apfelbaum, der Achtjährige und seine Freunde bedienten sich natürlich. Und dann gab es noch den Bäcker, der die Kuchenbleche zum Abkühlen rausstellte. „Da mopsten wir uns Stücke, der Bäcker ist hinter uns hergerannt.“

Manchmal vermisst er diese Bilder. Wenn man im Ostteil der Stadt aufwuchs, begegnet man den Orten von damals nur noch selten, vieles ist modernisiert. In Schöneweide, wo er seine Kindheit verbrachte, sind die Mauern in den Hinterhöfen mittlerweile hochgezogen, „fein rekonstruiert“. Er sagt, dass er es gut finde, dass Veränderungen stattfinden. Ein bisschen Melancholie, ja – aber: „Ich bin im Jetzt“.

Und das ist Prenzlauer Berg, durch den wir, nachdem die Fotos im Kasten sind, spazieren werden. Hier wohnt er seit zehn Jahren. Freunde, die schon seit Anfang der 90er-Jahre hier leben, hatten ihn mehrfach aufgefordert: „Wann kommst du endlich vom Dorf in die Stadt?“ Von Schöneweide nach Prenzlauer Berg – „für Berliner mag das eine Riesenentfernung sein“, fügt er als Erklärung an. „Ich habe Schöneweide lange die Stange gehalten. Aber als unser Kind kam, entschlossen meine Frau und ich uns, in die Stadt zu ziehen.“

Sein Büro hat er in einer ehemaligen Bäckerei

Auf unserem Weg grüßt er immer mal wieder. Mit Schauspielkollege Christian Kahrmann, dem einstigen „Benny Beimer“ aus der Lindenstraße, wird ein bisschen gefachsimpelt. Zehrfeld lebt im Winsviertel, passenderweise in einer ehemaligen Bäckerei. Die Backstube wurde zur Wohnküche umfunktioniert, vorne in dem früheren Laden hat er sein Büro. Hier schaut er Filme, liest Drehbücher, bereitet sich auf seine Rollen vor. Dass man reinschauen kann, stört ihn nicht, im Gegenteil, er könne ja auch rausschauen. Ab und zu bleiben Leute vor dem Schaufenster stehen und fragen: „Mensch, hier hab ich früher angestanden. Was machen Sie denn hier?“ Auch das findet er angenehm: „Ist doch schön, wenn sich so was entwickelt.“

Er ist der Nachbar im Kiez, wirkt so gar nicht wie einer, der sich hinter seiner Popularität versteckt. Mit seiner Rolle als junger Arzt in dem preisgekrönten Drama „Barbara“ wurde Ronald Zehrfeld 2012 an der Seite von Nina Hoss einem breiteren Publikum bekannt. In der Serie „Weißensee“ gab er einen oppositionellen Pfarrer, in den „Dengler“-Krimis den harten Ermittler. Die stämmige Statur, der Bart und das Wuschelhaar vermittelte manchmal das Bild eines urwüchsig Unbändigen, trug auch dazu bei, dass man in ihm eine deutsche Version von Russell Crowe sah.

Doch Zehrfeld beherrscht auch die leisen Töne – und kann dabei sogar anders aussehen. Vor zwei Jahren zeigte er sich in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ nicht nur bedächtig, sondern auch glatt rasiert. Er spielte den jungen Staatsanwalt Karl Angermann, der seinem Chef helfen will, Nazis in den fünfziger Jahren vor Gericht zu stellen. Eine Nachkriegsgeschichte, die auf Tatsachen beruht. Die Rolle brachte ihm im vergangenen Jahr den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Nebendarsteller.

Nun ist er in einem Film zu sehen, der als Zweiteiler am Montag und Mittwoch ins Fernsehen kommt. „Landgericht“ erzählt die Geschichte des jüdischen Richters Richard Kornitzer, der in Berlin unter dem Naziregime seiner Existenz beraubt wird und in der Bundesrepublik nach dem Krieg um sein Recht kämpft. Die Vorlage schuf die Schriftstellerin Ursula Krechel, die mit dem Roman 2012 den Deutschen Buchpreis gewann.

Eindringliche Genauigkeit

Zehrfeld verkörpert den jüdischen Richter mit eindringlicher Genauigkeit. Kornitzer überlebt den Krieg, im Exil auf Kuba, er hatte es geschafft, mit Bestechungsgeldern Deutschland noch rechtzeitig zu verlassen. Auch seine Familie überdauert den Schrecken. Die Kinder waren mit einem „Kindertransport“ nach England in Sicherheit gebracht worden, seine Frau, nach dem Nazi­gesetz eine Arierin, gelingt die Ausreise nicht, sie bleibt am Bodensee. Nach dem Krieg versucht sie, die Familie wieder zusammenzuführen. Ihren Mann sieht sie nach neun Jahren wieder. Doch den Kindern sind die Eltern fremd geworden, sie haben in England eine neue Heimat gefunden. Das so glückliche Überleben hat am Ende seinen Preis: die Familie ist zerrissen.

Kornitzer fällt die Rückkehr schwer. In seinem alten Beruf, in dem er wieder arbeiten kann, muss er sich mit Leuten auseinandersetzen, die schon während des Nationalsozialismus Posten besetzten. Nach dem Krieg herrscht das große Schweigen, was war, wird vielleicht gedacht, aber nicht ausgesprochen.

Zehrfeld sagt, dass er, als er in diese Zeit eintauchte, merkte, dass er gern seinen Großeltern noch ein paar Fragen gestellt hätte. „Allerdings sind sie schon verstorben. Es wurde wenig darüber gesprochen, erst am Sterbebett wurde etwas erzählt. Am Ende spürten die Betroffenen, was für eine tierische Last sie mit sich herumtrugen.“

Was hat ihn bewogen, diesen Richard Kornitzer zu spielen? Neu für ihn war, eine Figur über einen Zeitraum von 30 Jahren zu spielen, mit Wandlungen und Brüchen.

„Richard Kornitzer wusste, was er wollte, machte Karriere, hatte eine wunderbare Ehe, war gut ausgestattet. Dann kommen plötzlich die politischen Veränderungen, und er wird mit Umständen konfrontiert, die er selber nicht händeln kann. Auf Kuba darf er wieder Leichtigkeit erfahren, Liebe kennenlernen. Was für ihn ein Geschenk ist, so tragisch es klingen mag. Weil – wäre es normal in Deutschland gelaufen – hätte er sich nie so gefühlt. Dann kommt der Brief von seiner Frau, die er schon lange für tot gehalten hat. Auf einmal ist diese Verantwortung, dieses graue Deutschland zurück. Die Vielschichtigkeit – das ist, glaube ich, der Reiz gewesen, diese Figur zu spielen.“

Es ist nicht leicht, bei diesem Spaziergang von Richard Kornitzer wieder zu Ronald Zehrfeld zu finden. Um den es ja hier eigentlich geht. Was ist seine Geschichte? Gibt sie vielleicht auch einen Filmstoff her? Er hat den „Friedelhain“, wie man den Volkspark Friedrichshain hier liebevoll nennt, für unseren weiteren Weg auserkoren. Und während wir nun an kahlen Bäumen vorbei durch den winterlichen Park laufen, erzählt er von sich. Sein Elternhaus in Schöneweide war ein offenes, er hat zu seinen Eltern bis heute ein liebevolles Verhältnis. Er spricht von „Ma“ und „Pa“. Als die Mauer fiel, war Zehrfeld 13 Jahre alt und er fühlte vielleicht das einzige Mal Unrecht in seinem Leben. Er war ein begeisterter Judoka zu der Zeit, hatte zwei Jahre zuvor die DDR-Jugendmeisterschaft gewonnen. Er träumte von Olympia, aber die Aufnahme in die westdeutsche Mannschaft blieb ihm verwehrt, weil er zu jung war.

Im Rausch der Freiheit und ein fast verhauenes Abitur

Eine Riesenenttäuschung. Und doch stürzte er sich in die folgenden 90er-Jahre wie in einen Rausch hinein. „Berlin war ein Schmelztiegel der Kulturen. Die Russen waren noch da. Engländer machten Musik. Friedrichshain war noch dreckig und Häuser wurden besetzt. Ich war in einem Alter, in dem kein Berg zu hoch, kein Fluss zu breit war, ich durfte alles aufsaugen. Es kam mir nicht in den Sinn, dass man sterben könnte, das Leben war so endlos. Das hat eine unwahrscheinliche Kraft gehabt.“ Das Abitur am Archenhold-Gymnasium hatte er 1995 noch fast verhauen. Danach machte er Zivildienst auf der Insel der Jugend: Plakate kleben, Bars aufräumen, mit Kindern spielen, ein Filmfest organisieren, einen Arbeitskreis Medienpädagogik leiten – das gehörte zu seinen Aufgaben. Er sagt, wäre er nicht Schauspieler geworden, wäre aus ihm wahrscheinlich ein Lehrer geworden, für Sport, Geo und Bio.

Nach dem Zivildienst reiste er nach Indien, drei Monate, ein bisschen Sinnsuche. Aber dann stand auf einmal eine Begabung im Raum. Und eine Ernsthaftigkeit. Er spielte in Theatergruppen, schon zu Schulzeiten. Und immer mehr sahen in ihm ein schauspielerisches Talent. Der Dramatiker und Regisseur Rolf Kemnitzer förderte ihn, vermittelte ihm die Teilnahme an einem Theaterworkshop in Spanien. Er war 20 Jahre alt zu diesem Zeitpunkt, und die Leiterin des Workshops wurde der erste Mensch nach den Jahren des unbeschwerten Seins, die ihn forderte. „Sie hat mir Fragen zu meinem Leben gestellt: Was ich eigentlich will? Was Schauspielerei für mich ist? Diese Frau vermochte es, in mich hineinzugucken, obwohl sie mich erst eine Woche kannte.“

Zehrfeld bewarb sich an der Ernst-Busch-Schauspielschule. Kam in die Endrunde, wo er aber scheiterte. „Ich war zu aufgeregt, stand mir selber im Weg.“ Trotzdem waren die Prüfer angetan von ihm. „Sie sagten, dass sie mich im nächsten Jahr gern wiedersehen möchten.“ Seine Mutter hatte nach der Absage die Hoffnung, dass ihr Sohn jetzt was Richtiges studieren würde. Er erklärte aber zu Hause: „Ma, Pa, macht euch keine Sorgen. Ich bin noch motivierter, das durchzuziehen.“ Ein Jahr später wurde er an der Ernst Busch angenommen.

Irgendwie schloss sich ein Kreis. Zehrfeld wuchs zwei Straßen neben der Schauspielschule auf. „Am Tag der offenen Tür haben sie was vorgespielt oder auf der Straße gefochten. Katarina Witt stand mit dem Westwagen an der Schule. Am Eisladen sprach man über Schiller und Shakespeare. Es war eine fremde Welt, aber gleichzeitig hatte sie so was Anziehendes.“

Und jetzt gehört er dazu. Nicht viele schaffen es, aus diesem Beruf so viel herauszuholen, dass sie davon leben können, dass sie sich ihre Rollen aussuchen können.

„Berlin ist im Winter unerträglich“

Wir stehen jetzt am Ausgang des Parks, versuchen ein wenig die Kälte abzuschütteln. „Berlin ist im Winter unerträglich“, sagt Zehrfeld. „Toll ist es erst, wenn die Leute aus den Kellern rauskommen und die Hundescheiße wieder anfängt zu stinken.“

Im Sommer, erzählt er, während wir durch die Käthe-Niederkirchner-Straße laufen, sei er oft hier. Er zeigt auf die jetzt kahlen Kirschbäume, die dann, wenn sie blühen, die Straße wunderschön aussehen lassen.

Bevor wir uns verabschieden, frage ich ihn, ob es eine Person gibt, die er gern einmal spielen würde. Er überlegt lange, und sagt schließlich: „Hans-Joachim Kulenkampff.“ Er mag diesen Showmaster, der in den 50er- und 60er-Jahren noch die Familie im Wohnzimmer am Sonnabend vor dem Fernsehen versammeln konnte. Hat die alten Sendungen im Netz gesehen. „Das ist doch was: Kulenkampff und das alte Fernsehen zu zeigen. Er hatte Größe und Charme. Aber wie hat er gedacht damals? Wie war er privat? Hatte er Abgründe?“

Ronald Zehrfeld als Kulenkampff, das kann man sich vorstellen. Irgendwie klang es ja auch schon wie eine Bewerbung für die Rolle.

Zur Person

Anfänge: Ronald Zehrfeld wurde am 15. Januar 1977 in Berlin geboren. Er wuchs in Schöneweide auf. Seine Eltern waren beide bei der DDR-Fluggesellschaft Interflug angestellt. Nach dem Abitur am Archenhold-Gymnasium machte er Zivildienst. Bereits während der Schulzeit hatte er an verschiedenen Theaterworkshops teilgenommen. Im zweiten Anlauf wurde er an der Ernst-Busch-Schauspielschule angenommen.

Karriere: Peter Zadek holte ihn zur Bühne, erst ans Deutsche Theater, dann auch ans Berliner Ensemble. Unter der Regie von Dominik Graf stand er für „Der Rote Kakadu“ vor der Kamera. 2016 wurde er für seine Rolle in Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Aktuell: Ronald Zehrfeld spielt in dem Fernsehdrama „Landgericht“ den jüdischen Richter Richard Kornitzer. Sendetermine sind am Montag und Mittwoch im ZDF jeweils um 20.15 Uhr.

Privat: Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Prenzlauer Berg.

Spaziergang: Er begann im Winsviertel, ging über die Pasteurstraße zum Volkspark Friedrichshain. Zurück liefen wir durch die Käthe-Niederkirchner-Straße. Im „Spreegold“ in der Hufelandstraße kehrten wir ein.

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