„Mordkommission Istanbul“

"Das Wichtigste ist, die eigene Freiheit zu verteidigen"

Saralisa Volm drehte der Anschlagsgefahr zum Trotz für die ARD in der Türkei. Ein Treffen.

Schauspielerin Saralisa Volm

Schauspielerin Saralisa Volm

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Im Oktober 2015 stand Saralisa Volm drei Wochen lang in der Türkei für die ARD-Serie „Mordkommission Istanbul“ vor der Kamera. Während die Berlinerin an der Seite von Erol Sander und Oscar Ortega Sánchez am Bosporus die Folge„Ein Dorf unter Verdacht“ (12. Januar, 20.15 Uhr) drehte, verübten zwei Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Ankara einen Anschlag mit 102 Toten und über 500 Verletzten. Seitdem wurde das Land von zahlreichen weiteren Attentaten heimgesucht.

Saralisa Volm ist Mutter von drei Kindern – das jüngste erst ein halbes Jahr alt. Die Frage, ob sie die Rolle im Hinblick auf die politische Situation annehmen solle, ob sie auch heute noch in die Türkei fahren würde, habe sich ihr dennoch nie gestellt, sagt sie. „Ich bin nicht der Typ, der sich angesichts einer latenten Terrorgefahr entscheidet, zu Hause zu bleiben.“ Daran habe sich auch nichts geändert, seitdem diese Realität kurz vor Weihnachten auch in ihrer Wahlheimat angekommen ist. „Ich bin total dankbar, dass Berlin so ruhig mit dem Anschlag umgegangen ist. Das heißt ja nicht, dass man die Sache an sich nicht schlimm findet“, sagt sie. „Aber was ist denn die Alternative? Dass wir nicht mehr ausgehen? Dass wir nicht mehr auf Weihnachtsmärkte gehen?“

Für fünf Jahren nach Berlin gezogen

Vielleicht verdankt die 31-Jährige ihre entspannte Einstellung der Tatsache, dass sie bereits seit zehn Jahren teilweise in Berlin lebt und den Geist der Stadt verinnerlicht hat. Vielleicht aber auch ihrer allgemeinen Freiheitsliebe. Geboren wurde die Schauspielerin in Hechingen in Baden-Württemberg, aufgewachsen ist sie im bayerischen Freising. Nach Stationen in München und Hamburg ist sie vor fünf Jahren komplett in die deutsche Hauptstadt gezogen – Rückkehr ausgeschlossen. „Wenn ich Freunde besuche, die an den Stadtrand gezogen sind, frage ich mich immer: Wo ist der Späti? Wie überlebt man hier?“, sagt sie. Manchmal fürchte sie, ihr Mann oder ihre Kinder könnten sich eines Tages eine ländlichere Umgebung wünschen. Bei ihr hingegen werde die Verbindung zu Berlin immer stärker. Manchmal gehe sie auf Empfehlung von Freunden in einen Park oder wandern. In sich selbst trage sie die Sehnsucht nach der Natur aber nicht. „Ich bin ein Betonmensch, ich liebe die Stadt“, sagt sie.

Als Schauspielerin entdeckt wurde Saralisa Volm erst 2006 von Regisseur Klaus Lemke, mit dem sie in den kommenden Jahren „Finale“ und „Dancing with Devils“ drehte. 2011 war sie zusammen mit Clemens Schick in dem erotischen Kurzfilm „Hotel Desire“ zu sehen. Entscheidet sich die 1,78 Meter große Brünette für eine Rolle, verschmilzt sie ein Stück weit auch mit ihr, liest Bücher oder hört Musik, die mit dem Charakter zu tun haben. „Mir fällt es schwer, schnell zwischen den Welten zu wechseln. Ich nehme immer ein bisschen etwas aus der Rolle mit“, sagt sie. Deshalb schottet sie sich während eines Filmdrehs immer auch ein bisschen von ihrem Alltag ab.

Beim Drehen zieht sie schon mal von zu Hause aus

Wenn sie in Berlin vor der Kamera steht, zieht sie für diese Zeit schon mal aus. „Das ist für meine Familie besser, weil man nach dem Drehen ein bisschen als Zombie nach Hause kommt“, so Volm. Auf diese Weise schaffe sie sich auch als dreifache Mutter ihren eigenen Raum. „Ich glaube, es wäre für meine Kinder nicht besser, wenn ich meinen Job nicht mehr machen würde. Die Frustration zu Hause wäre dann sehr hoch.“ Zum ersten Mal schwanger wurde Saralisa Volm bereits im Alter von 23 Jahren. Dennoch habe sie nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, eine eigene Familie gehörte in ihrem Lebensplan einfach immer dazu. „Ich kenne mein richtiges Erwachsenenleben gar nicht ohne Kinder“, sagt sie. „Es gab keinen richtigen Bruch, mit dem sich alles verändert hat.“

Auch in der aktuellen Folge „Mordkommission Istanbul“ spielt Saralisa Volm eine Mutter. Es geht um den Tod eines Bloggers, der für seine investigativen Beiträge über Demokratie, Gleichberechtigung Homosexueller und Frauenrechte bekannt war. Die Serie kommt der Realität in der Türkei, wo kritische Journalisten Repressionen und Verhaftungen fürchten müssen, damit sehr nah. Die Anspannung sei auch am Set spürbar gewesen, sagt Volm. Ein Fahrer habe ihr von der Sorge um seine Frau berichtet, die auf Twitter sehr aktiv sei. Zwei weitere Folgen wurden aufgrund von Vorsichtsmaßnahmen in Izmir gedreht. Derzeit prüfen ARD Degeto und Ziegler Film mögliche alternative Drehorte.

Für Saralisa Volm ist klar, dass nicht nur sie, sondern auch ihre Branche, sich von der Bedrohung durch den Terror nicht einschränken lassen dürfen. „Im Film sollte die komplette Bandbreite dessen vorkommen dürfen, was es auch in der Realität gibt“, sagt sie. „Das Wichtigste, was man jetzt tun kann, ist, die eigene Freiheit zu verteidigen – und das mit so viel Raison und Klarheit und Liebe, dass es wirkt.“