Gespräch

Axel Stosberg: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Der Sänger der Shanty-Band Santiano im Morgenpost-Gespräch über den späten Erfolg, Echtheit und Ehre.

Axel Stosberg ist Sänger der deutschen Shanty-Band Santiano

Axel Stosberg ist Sänger der deutschen Shanty-Band Santiano

Foto: Reto Klar

Santiano ist ein Wunder. Das erste Album der deutschen Shanty-Band „Bis ans Ende der Welt“ erreichte binnen weniger Wochen Goldstatus und machte aus der „ältesten Boyband“ Popstars. Mit 45 Jahren fanden sich Axel Stosberg und seine Kollegen im Popbusiness wieder. Nun erscheint „Von Liebe, Tod und Freiheit“ (LP und DVD), das in der Waldbühne aufgezeichnet wurde, sowie das Kinderhörbuch „König der Piraten“. Ein Gespräch übers Loslassen als Erfolgs­geheimnis, sein Fremdeln mit der Unterhaltungsindustrie und warum er sich nicht den Mund verbieten lässt.

Sie sind die „älteste Boyband“ Deutschlands. Haben Sie damit gerechnet, mit 45 Jahren und älter noch Popstar zu werden?

Axel Stosberg: Wer rechnet denn damit, dass die Musik noch einmal so zuschlägt, dass man davon leben kann? Die Jungs hatten so lange auf Stadtfesten gespielt, dass man irgendwann sagt ... Achtung, jetzt kommt das Geheimnis: Ach was, ich lass mal los. Und wenn man loslässt und absichtslos wird, dann kommt es zu einem.

Waren Sie denn absichtslos, als sie zu dem Produzentenfest gegangen sind, wo Sie entdeckt wurden?

Wir hatten alle unsere Jobs und unser Auskommen. Ich war Schauspieler am Ohnsorg-Theater, davor war ich sieben Jahre Uhrmacher und davor sieben Jahre Masseur. Ich habe zwar immer schon gesungen, aber nur als Amateur. Bei guten Partys machen Musiker zur späteren Stunde immer ihre eigene Musik. Das ist nicht immer schön, aber wir haben so richtig gut Lieder geschmettert, dass Mark und Hardy uns ins Studio eingeladen haben. Sie hatten schon lange ein Projekt mit Seemannsliedern in der Schublade liegen.

Haben Sie dann schon den Erfolg gewittert?

Wir haben „Santiano“ eingesungen und sind dann lächelnd wieder in unsere Beru­fe zurückgekehrt. Und dann war Universal so beeindruckt, dass sie eine ganze Platte machen wollte. Da fing es zum ersten Mal an, ernst zu werden.

Hochstimmung kam auf?

Dass das größte Plattenlabel der Welt mit uns eine Platte machen wollte, war schon mal ein Ritterschlag. Wir haben uns gefreut und die innere Erwartungshaltung stieg: Jetzt kommt man in dem hohen Alter ja doch mal zu einer eigenen Platte, dachten wir. Im Februar wurde das Album veröffentlicht, drei Wochen später waren wir Nummer eins der Albumcharts und nach sechs Wochen hatten wir Goldstatus mit 100.000 verkauften Platten.

Wie war das?

Es fühlte sich wie eine Dampfwalze an, die über einen hinwegrollte. Dann kam der erste Fernsehauftritt bei Carmen Nebel. Wir mussten völlig unbekanntes Terrain betreten. Wir mussten auf einmal eine Band sein. Aus Einzelpersonen mussten wir ein Kollektiv bilden, dass super miteinander harmoniert.

Vermutlich nicht leicht bei fünf gestandenen Mannsbildern?

Wir haben uns ordentlich die Hörner abgestoßen. Das krachte auch mal ordentlich. Ins Detail gehe ich nicht, aber fünf brunftige Kerle, die aufeinandertreffen, ist nicht so einfach. Doch jeder hat schnell seine Position gefunden und seine Kernkompetenz erkannt.

Hat das reife Alter dabei geholfen?

Definitiv. Die Ruhe und die Gelassenheit helfen enorm. Deshalb sind wir auch so bodenständig geblieben. Wo willste denn hin, wenn man Kinder hat, die Frau wartet und das Haus gemacht werden muss? Wo soll man da abheben und hinfliegen?

Ist es gut, dass der Erfolg so spät kam?

Ich persönlich finde es echt klasse. Dadurch kann ich meiner Familie und mir selber so viel Gutes tun und so viel Sicherheit geben. Das hätte ich mit 20 Jahren gar nicht nötig gehabt, da hätte ich nicht an Sicherheit gedacht, sondern die Kohle auf den Kopp gehauen. Jetzt bin ich 50 Jahre und freue mich, dass ich nicht mehr nur auf eine spärliche Rente hoffen kann.

Haben Sie sich einen Traum erfüllt?

Die Jungs haben das gemacht. Björn und Pete haben sich ein Segelboot gekauft. Pete ist schon 67 Jahre, der klatscht richtig Applaus, dass er in dem Alter noch zu diesem Geldsegen gekommen ist. Meine Frau und ich haben es gewagt und uns ein Haus gekauft, es ausgebaut und einen schönen Ort für uns und die Kinder geschaffen. Träume, die ich mir noch erfüllen will, haben mit Geld nichts zu tun.

Was etwa?

Ich habe Lust, ins Fernsehen einzusteigen, was ich als Theaterschauspieler nicht gemacht habe. Reinschnuppern bei einem Fernseh- oder Kinofilm wäre schon noch mal ein Traum von mir.

Kam der nachhaltige Erfolg, weil Sie „echt“ geblieben sind?

Man muss sagen, dass die Idee mit den Seemannsliedern nicht von uns kam. Die hat man uns geschenkt. Und wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber wir waren nicht verbissen, wir waren locker und daher konnte uns das Thema einholen und umarmen.

Wie empfinden Sie die Unterhaltungsindus­trie?

Schrecklich. Das ist nicht meins; dieses Gehabe und Getue. Wir integrieren uns schlecht in diese Entertainment-Familie. Wir wissen uns zwar zu benehmen und auch die Momente zu schätzen. Aber abseits der Show ist mir zu viel Getue.

Es ist eine Blase, die nicht nährt.

Es riecht alles nach Seife. Ist immer frisch und gegelt. In der ganzen Szene wird auch viel zu sehr der Mund gehalten. Man ist viel zu vorsichtig mit dem, was man äußert. Bloß kein politisches Statement, keine Haltung zeigen, gegenüber dem Mist, der gerade passiert. Meine Zukunft ist kürzer, als meine Vergangenheit und ich habe keine Lust mich durchzuwinden, weil ich Angst davor habe anzuecken oder einen Shitstorm abzubekommen. Dann werde ich eben nicht von jedem gemocht!

Sie bleiben die Piraten, über die sie singen?

Wir lassen uns unser Statement nicht verbieten – auch wenn sich das viele wünschen würden. Wir sind keine politische Band, doch wir haben unsere Haltung.