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Katharina Schüttler: „Das Glück muss in mir selber liegen“

Die Schauspielerin Katharina Schüttler über Castings, Karriere und ihre neue Rolle als Alleinerziehende auf Jobsuche.

Schauspielerin Katharina Schüttler (Joerg Krauthoefer)

Schauspielerin Katharina Schüttler (Joerg Krauthoefer)

Foto: Joerg Krauthoefer

Katharina Schüttler sitzt in einem leuchtend roten Pullover am Fenster im obersten Stockwerk des „Soho House“ an der Torstraße in Mitte und überstrahlt das graue Winterwetter. Die Schauspielerin spricht langsam und überlegt und wirkt dabei, als könne sie nur wenig aus der Ruhe bringen. Die Entspannung sei mit der Zeit gekommen, sagt die 37-jährige Mutter von zwei Kindern, die seit ihrem elften Lebensjahr vor der Kamera steht. Am 14. Dezember spielt die Wahlberlinerin in dem ARD-Film „Seit du da bist“ (20.15 Uhr) die alleinerziehende Alina, die ihr Kind verschweigt, um ihren Traumjob zu bekommen. Ein Gespräch über Lügen, notwendige Opfer für den Beruf und die Suche nach dem Glück.

Alina ist ein sehr positiver Mensch. Können Sie das auch von sich behaupten?

Katharina Schüttler: Ich mag ihre positive Stärke, das Im-Leben-Stehen, ohne Dinge zu hinterfragen. Aber ich glaube, ich bin ganz anders als sie. Ich habe es genossen, eine Figur zu spielen, die immer nur das Gute sieht. Auch wenn da sicher eine gewisse Blindheit dabei ist. Ich zweifle viel mehr und überdenke die Konsequenzen meiner Entscheidungen. Alina macht eher. Durch die Schauspielerei tauche ich in sehr viele unterschiedliche Sichtweisen ein und betrachte die Welt immer wieder mit anderen Augen. Von jeder Figur kann ich etwas mitnehmen. Das finde ich ganz toll.

Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie einfach mal gemacht haben, ohne an die Konsequenzen zu denken?

Das ist interessant. Spontan fällt mir keine ein. Aber es muss doch irgendwas gegeben haben in meinem Leben, wo ich einfach mal gehandelt habe, ohne vorher darüber nachzudenken. Ich hoffe, dass es das gegeben hat. Aber mir fällt gerade nichts ein. Ich lege immer erst alles auf die Waagschale, um es von allen Seiten zu beleuchten.

Haben Sie mal gelogen, um eine Rolle zu bekommen?

Nein. Aber ich hatte auch noch nie das Gefühl, dass ich das musste. So wie Alina das macht, das würde ich mich nie trauen. Mir fällt Lügen eher schwer. Ich finde, das hat mit Schauspielerei nichts zu tun. Wenn ich mir selbst nicht glaube, dann geht gar nichts mehr.

Alina verschweigt ihre Tochter, um für Ihren Arbeitgeber attraktiver zu sein. Hatten Sie einmal das Gefühl, dass das Mutterwerden Ihnen berufliche Nachteile gebracht hat?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich glaube nicht, dass das so war. Ich finde es einfach sehr schön. Ich habe vorher immer gedacht, dass das passiert, weil einem das jeder sagt. Aber ich habe genau das Gegenteilige erfahren. Ich habe nur eine sehr kurze Pause gemacht und damals mit meinem sehr kleinen Baby „Unsere Mütter, unsere Väter“ gedreht. Da hat meine Karriere noch mal einen richtigen Schub bekommen. Ich hatte eher das Gefühl, dass es etwas freigesetzt hat.

Castings sind für Schauspieler das, was für andere Menschen Bewerbungsgespräche sind. Für Sie ein Graus?

Ich finde, dass Castings auch großen Spaß machen können. Man castet ja auch selbst die Situation, den Regisseur und die anderen Darsteller. Man schaut, ob es sich gut anfühlt. Wenn man als Schauspieler Angst hat, hat man eigentlich schon verloren. Wenn man denkt, an dieser Rolle hängt jetzt wahnsinnig viel dran.

Und es gelingt Ihnen immer?

Ich würde schon sagen, meistens. Was nicht heißt, dass ich nicht etwas unbedingt wollen kann. Entspannung bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Ich weiß mittlerweile einfach, dass mein Leben nicht davon abhängt. Ich werde durch eine Rolle nicht zu einem besseren oder schlechteren Menschen, ich werde nicht glücklicher.

Hätte es für Sie denn eine Alternative gegeben zu der Entscheidung, überhaupt Schauspielerin zu werden?

Die Entscheidung gab es eigentlich nicht. Ich bin mit elf Jahren durch Zufall zu meinem ersten Film gekommen. Obwohl, vielleicht war es kein Zufall, vielleicht habe ich das auch damals schon unbedingt gewollt. Danach habe ich mir die Frage einfach nicht mehr gestellt.

Mussten Sie für diese Entscheidung Opfer bringen?

Wenn man als Kind schon anfängt zu arbeiten, gibt man ein Stück weit seine Unschuld auf. Das hat gute und schlechte Seiten. In einem Alter, in dem man eigentlich noch eine kindliche Unbedarftheit hat, steht man plötzlich in dieser Medienwelt. Und es wird Professionalität von einem erwartet. Man beschäftigt sich mit Erfolgen und Misserfolgen zu einer Zeit, in der man noch denkt, das hat etwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun. Man ist eigentlich noch auf der Suche nach sich selbst. Ich weiß nicht, ob so etwas schon wünschenswert ist in diesem Alter.

Wie gehen Sie als Schauspielerin mit Zeiten von Arbeitslosigkeit um?

Ich habe das lange nicht gehabt. Ich glaube, dass es hilfreich ist, sich nicht über seinen Job und den Erfolg zu definieren. Das Schwierige ist aber, dass damit natürlich auch immer die finanzielle Situation zusammenhängt. Wie lange kann ich der Angst standhalten und die Zuversicht aufrechterhalten, dass wieder etwas kommt? Das fällt mir heute leichter als früher.

Kann man das als Künstler denn überhaupt trennen? Ist das ist nicht eine viel stärkere Identifikation mit dem Job, als wenn man 9 to 5 ins Büro geht?

Für mich war es ein ganz einschneidendes Erlebnis, als ich in Hannover „Lolita“ gespielt habe. Als ich auf der Schauspielschule war, habe ich immer gedacht, wenn ich am Schauspielhaus auf der großen Bühne vor 700 Leuten eine Hauptrolle spiele, dann werde ich glücklich sein. Als ich mich dann mit 22 in dieser Situation wiedergefunden habe, habe ich mich aber immer noch gefragt: Wo ist denn jetzt diese Tür zum Glück, die aufgeht? Das hat mich total verwirrt, aber es war auch eine heilende Erfahrung. Damals habe ich gemerkt, dass das Glück in mir selber liegen muss.

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