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Für Joja Wendt ist das Klavierspielen ein Stück Freiheit

Der 52-Jährige aus Hamburg gehört zu den bekanntesten Pianisten. Und er behauptet, dass jeder spielen lernen kann. Ein Besuch.

Joja Wendt: „Was das Klavierspielen angeht, bin ich ein Straßenköter“

Joja Wendt: „Was das Klavierspielen angeht, bin ich ein Straßenköter“

Foto: Amin Akhtar

Joe Cocker hat ihn entdeckt, Chuck Berry und Pur haben mit ihm Arenen gefüllt. Er hat Filmmusik komponiert, beim Rockfestival in Wacken und dem chinesischen „Wetten, dass..?“ mitgemacht und im Sommer beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt gespielt. Joja Wendt ist einer der gefragtesten Pianisten Deutschlands. Und er behauptet, dass jeder so über die Tasten sausen kann wie er – zumindest, wenn man zu ihm in die Klavierlehre geht. Wir haben eine Musikstunde bei ihm besucht und mit ihm über seine Passion gesprochen.

Wenn seine Hände über die Tasten rasen, Töne aus ihnen herauskitzeln, sich überkreuzen und dann auseinanderstieben, lächelt der 52-Jährige – und erzählt dann, fast um die schönen Melodien zu kompensieren, einen Witz. Klar, der Hamburger will nicht nur Pianist, sondern Entertainer sein. Steif am Piano sitzen und mit ernstem Gesicht Beethoven spielen, das sollen andere. Kaum hat er sich an das In­strument gesetzt, fliegen seine Hände über die Tasten. Hier fühlt er sich wohl.

Gratwanderung zwischen den Stilen

Dass ich zwei linke Hände hätte und schmerzhaft unmusikalisch sei, will er nicht glauben. Nein, das gäbe es beim Klavierspielen nicht. Es komme auf die Übung an und auf das Gefühl fürs Instrument. Aha. Zuerst erklärt er, was eine Oktave ist. Dass man die gleichen Tonfolgen in verschiedenen Klangfarben spielen kann, dass sich „Alle meine Entchen“ so immer etwas anders anhöre. Das spielen wir dann auch. Klappt einigermaßen. Wendt applaudiert. Mit solchen Stücken hat er auch angefangen.

Damals, als er vier Jahre alt ist und seine große Schwester zum ersten Mal spielen sieht: „Ich war fasziniert von diesem Anblick und von dem Klang“, sagt er und lächelt, „das wollte ich auch lernen.“ Wendt wächst mit acht Geschwistern auf. Die versammeln sich gern um das Klavier: Hier vertonen sie ihre Märchen, drücken auf die tiefen Tasten, wenn es unheimlich wird, und auf die hohen, wenn kleine Vögel zwitschern sollen.

Für Wendt wird daraus schnell mehr als ein Zeitvertreib. Kommt er genervt aus der Schule, setzt er sich sofort an das Instrument und entlässt all das, was ihn bedrückt, in die Tasten. „Klavierspielen war schon immer ein Ventil für mich“, sagt er und schaut auf seine Hände, „und auch ein Ort der Freiheit.“Lemper und Cicero spielen beim Berliner "Classic Open Air"

Lemper und Cicero spielen beim Berliner "Classic Open Air"

Also nimmt er Klavierunterricht, um richtig spielen zu lernen. Denn für ihn ist klar: Wenn er das System der Noten und die Regeln der Musik einmal verstanden hat, dann kann er sie biegen und brechen wie er mag. Dann ist er frei.

Deswegen studiert er Musik, geht in die Niederlande und nach New York. Und er spielt, spielt, spielt – alles für diesen Traum: „Irgendwann sollte jemand freiwillig einen Abend opfern, um mich bei einem Konzert spielen zu hören und dafür auch noch Geld zu zahlen“, sagt er und verschränkt die Arme, „und dafür musste ich das Publikum gewinnen.“ Das hat er geschafft, auch wenn er nie bei Musizierwettkämpfen mitgemacht und nie den Chopin-Wettbewerb gewonnen hat.

Wer seine Klaviershows kennt, der weiß, er spielt Jazz, Klassik, Popballaden. Er ist sich für kein Stück zu schade – „was das Klavierspielen angeht, bin ich ein Straßenköter“ –, denn ihm kommt es nicht auf die Musik an, sondern auf die Stimmung. Dass er die Menschen mit ein paar Tönen zum Lachen oder Zweifeln bringen kann. Dass er jede Botschaft in Noten verpacken kann. Klavierspielen ist für ihn kein Selbstzweck. Es ist der Leim, der Menschen zusammenbringt. So wie damals die Geschwister am Klavier.

Als Klavierspieler auf einem Heavy-Metal-Festival

Oder wie vor drei Jahren, als er vor langhaarigen Muskelpaketen beim Heavy-Metal-Festival in Wacken auftritt. Hat er noch nie gemacht, gefällt ihm also erst mal. Klar, sein Herz habe schon ein bisschen schneller geschlagen. Er wusste ja nicht, ob die, die sonst zu Iron Maiden und Motörhead pogen, jetzt auch sein Klavier mögen würden.

Aber als er die ersten Töne von „Asturias“ anschlägt – wild, laut, dunkel hört sich das an, so gar nicht nach Jazz oder Klassik, sondern eher nach Hardrock am Klavier–, da schütteln die ihre Mähnen und johlen. „Das war schön, dort zu spielen und zu sehen, dass eben quer durch alle Genres das musikbegeisterte Publikum zusammenhält“, sagt er heute und grinst.

Für mich geht es jetzt aufs nächste Level. Wendt spielt ein paar Töne, ich drücke stockend Tasten nach. Sehr gut, lobt er und reißt die Augen auf. Dann improvisieren wir, ich an den schwarzen, er an den weißen Tasten. Wendt kompensiert mein wahlloses Geklimper, er bringt Rhythmus in unser Spiel, wippt mit dem Kopf. Das macht Spaß, und es hört sich tatsächlich schön an. Findet auch Wendt. Ich soll weitermachen, sagt er. Klaviertechnisch, da kann aus mir wohl doch noch etwas werden.

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