Berliner Spaziergang

Dieter Nuhr und seine Vorliebe für das "ranzige" Berlin

Der am Niederrhein geborene 56-jährige Comedian scheut auch kontroverse Themen nicht. Ein Treffen inmitten von Fischen und Quallen.

Kabarettist Dieter Nuhr hat ein feines Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen

Kabarettist Dieter Nuhr hat ein feines Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen

Foto: Reto Klar

Vielleicht sollten wir alle für einige Stunden ins Aquarium gehen. Das gedämpfte Licht, die feuchte Wärme, der bläuliche Schein aus den Wassertanks, in denen die Fische ihre Runden schwimmen. Manche exotisch bunt, andere fast unsichtbar, dank ihrer perfekten Tarnung.

Fische mit Punkten, Streifen, silberglänzenden Panzern. Dieter Nuhr schaut durch die dicke Scheibe, hinter der ein Rochen elegant durch das Wasser schwebt, ganz flach und tellergroß, nur hinten der spitze, gefährliche Schwanz. „Es hat so etwas Entspanntes, da reinzugucken, oder?“, sagt er. Zutiefst beruhigend. Das tut gut in diesen beunruhigenden Zeiten.

Comedypreis für Nuhr und Kebekus – Böhmermann geht leer aus

Als wir uns zum Spaziergang am Elefantentor vor dem Berliner Zoo treffen, steht die US-Wahl unmittelbar bevor. Noch ist nicht klar, wer das Rennen machen wird. Aber der Kabarettist – oder sollte man ihn populärer Comedystar nennen? – Dieter Nuhr hat ein feines Gespür für Entwicklungen.

Er will ergründen, wie eine Gesellschaft tickt. „Das ist das, was mich interessiert. Was geht gerade vor?“ In Deutschland, aber auch in den USA. Seine Aufzeichnung „Nuhr in Berlin“ wird ab übermorgen auch in den USA zu sehen sein – Netflix sei Dank. Sie bieten unseren deutschen Kabarett-Nuhr dem amerikanischen Publikum mit Untertiteln an.

„Es ist ein Experiment.“ Nuhr hat keine Ahnung, ob sich da drüben irgendjemand für ihn, für seine Witze, für seine Betrachtung des deutschen Alltags interessiert. Aber was hat er zu verlieren? Nichts. Also geht er als unser erster Comedy-Exportschlager „Made in Germany“ an den Start.

Der Fisch liegt reglos auf dem Bodenbecken

„Goldstaub Harnischwels. Habe ich im Leben noch nicht gehört. Sieht ziemlich bekloppt aus. Als wenn er fliegen wollte.“ Nuhr geht ein bisschen in die Knie, um den Fisch, der flach auf dem Boden des Beckens liegt, besser sehen zu können. Ein großes Exemplar, schwarz-golden marmoriert.

Das Tier reagiert überhaupt nicht, obwohl man jetzt auf Augenhöhe ist. „Ich glaube, dass der ehrlich gesagt beleidigt ist, dass er kein Vogel geworden ist“, sagt Nuhr und geht weiter. Im Hintergrund ruft ein Kind aufgeregt: „Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!“ Hat es etwa den Fernsehstar entdeckt? Nein. Die Piranhas.

Überhaupt hat Dieter Nuhr eine so zurückhaltende Art, dass man schon mehrmals hingucken muss, um ihn als Promi zu erkennen. Das fiel vom ersten Moment an auf. Meistens werden berühmte Menschen zu Interviews von einem Assistenten begleitet. Nicht Nuhr. Er taucht einfach auf, wie aus dem Nichts. Grauer Mantel, Schal, schwarze Hose und Turnschuhe. Modisch, aber nicht überdreht.

Dieter Nuhr muss sich "Hassprediger" nennen lassen

Die schwarze Hose hat so eine hippe Knieverstärkung, die Turnschuhe mit den kleinen Totenköpfen auf der Schuhzunge entzücken vermutlich Sneakers-Freaks. Er ist der Typ Mann, der optische Statements an zwei Stellen setzt: Turnschuhe und Uhr. Sonst ist alles Understatement, auch die schwarze Lesebrille, die er ab und zu mal aufsetzen muss. Der Mann ist 56. „Kommt bei Ihnen auch noch“, sagt er aufmunternd zur Redakteurin. Die muss grinsen. Na, herzlichen Dank.

Er hat eine Wohnung in Berlin, wohnt drei Monate im Jahr in dieser Stadt. „Teilzeitberliner.“ Den Rest der Zeit lebt er mit seiner Familie am Waldrand in Ratingen bei Düsseldorf oder in Spanien am Meer. Das ist Dieter Nuhrs Lebensdreieck: Großstadt – Wald – Meer.

Wobei er sich über den Metropolen-Hype der schnoddrigen Berliner auch lustig macht. „Der Berliner unterschätzt, dass es Leben außerhalb der Stadt gibt“, spottet er. Was mag er an Berlin? „Dieses etwas Kaputte, Ranzige. Alles wirkt so zurückgeworfen auf das wirklich Verrottende.“ Solche Sätze haut er raus, einfach so.

Warum Dieter Nuhr in einem Dauer-Shitstorm lebt

Eigentlich hätte man vorher gedacht, es geht nicht ins Aquarium, sondern ins Affenhaus. Genauer: zu den Kapuzineräffchen. Die kommen nämlich häufig in Nuhrs Programm vor – auch in der 70-Minuten-Sendung, die nun bald in den USA ausgestrahlt wird. Er erzählt dort auf der Bühne des Stummfilmkinos Delphi in Weißensee, dass ein Kapuzineräffchen normalerweise ganz heiß auf Gurke ist. Allerdings nur so lange, wie es allein bei der Gurke bleibt.

Kriegt das Nachbaräffchen plötzlich Traube serviert, dann fliegt das Gemüse prompt in die Ecke. Jetzt will es nur noch Traube, Traube, Traube! Man muss sich vorstellen, Hillary Clinton war lange im US-Wahlkampf die Gurke. Dann kam Trump – sozusagen eine Traube mit Toupet – und plötzlich blieb Hillary liegen.

In der Anfangssequenz von „Nuhr in Berlin“ kommt er aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, das Publikum jubelt – ein sehr gemischtes Berliner Publikum, jung und alt –, aber Nuhr winkt gleich ab. Der Jubel sei womöglich zu heftig gewesen, sagt er dann. Irgendwie so amerikanisch.

Dieter Nuhr liest seiner Tochter auch mit 18 Jahren noch vor

Von Deutschen erwarte man doch ein „positives aber dezentes“ Auftreten. Es sei für den Amerikaner schließlich überraschend genug, dass der Deutsche überhaupt einen Sinn für Humor habe, „kaum 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“. Dann geht er nochmal ab, tritt ein zweites Mal auf. Diesmal dezenter.

Dieter Nuhr, der ziemlich gute Quoten mit einigen seiner Sendungen erzielt, macht eine pure Form der Comedy. Nur er, das Mikro und sein Text. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie ihm Leute gebannt eine Stunde und länger zuhören. Immer wieder unterbrochen von Lachern, manchmal auch Klatschen.

Die Pointen wirken wie elektrische Entladungen, die Spannung muss raus. Wie beim Zitteraal. „Ach, da ist er. Der Freund Aal“, sagt er. Wo denn? Da ist doch nur Gehölz im Becken. Und dann bewegt es sich plötzlich, kein Holz, ein Tier. Wie irritierend!

„Wenn ich nicht irritiert bin von dem, was ich sehe, warum soll ich dann hingucken?“

Irritation, das sei auch sein Prinzip. „Obwohl“ oder „wobei“, sagt er, seien zentrale Wörter in seiner Comedy. Wörter, bei denen die Erzählung auf einmal eine neue, eine unerwartete Wendung nimmt. „... wobei, ich glaube nicht, dass wegen ein paar Burkas das Abendland untergeht.“ – „... obwohl, um es ganz klar zu sagen, auch ich finde es irre, Frauen aus religiösen Gründen in Säcke zu stecken.“

Das sind die ganz normalen Schlingerbewegungen, die er im Laufe seiner Show macht. Denn: „Wenn ich nicht irritiert bin von dem, was ich sehe, warum soll ich dann weiter hingucken?“ Das hat er schon im Kunststudium an der Folkwang Schule in Essen gelernt. Und das setzt er jetzt auf der Bühne um.

Im Becken vor uns bewegt sich dagegen gar nichts. Alles darin scheint stillzustehen. „Seeschnecken“, erläutert die Tafel an der Wand. „Nicht mein Ding“, meint Nuhr und wendet sich ab.

Es ist seine Stimme, die ihn durch die Auftritte trägt, an ihr bleibt man hängen. Ein gelungener Abend, erzählt er, „fließt. Er hat etwas Musikalisches.“ Rhythmen aus wiederkehrenden Motiven, Spiel der Tempi – mal drängend schnell, dann wieder kunstvolle Pausen. Manche Wörter sind gesetzt, werden betont wie ein Tusch.

Comedians als Alltagsphilosophen unserer Zeit

Hier im Aquarium, zwischen all den Ausflüglern an diesem kalten Novembertag, den Kindern, die aufgeregt von Becken zu Becken springen – „Jona, mach mal Platz jetzt“, schimpft eine Mutter –, klingt seine Stimme anders, auch da zurückhaltender. In der Zwiesprache geht er nicht auf Pointen, er wirbt nicht ums Ohr des Gegenübers. Aber er redet sehr ernsthaft über Dinge, die ihn umtreiben. „Mein Thema ist ein bürgerliches. Ich hänge einfach sehr an Zivilisation. An Freiheit.“

Zivilisation, Freiheit. Das sind große politische Worte, die man bei einem, der sein Geld mit Witzemachen verdient, so nicht erwarten würde. Aber vielleicht sind solche Comedians die Alltagsphilosophen unserer Zeit. Früher hat uns der Pfarrer von der Kanzel durch die Wirrungen des Lebens geleitet, heute suchen wir Rat beim Kabarettisten. Erklär mir die Welt, die ich nicht mehr begreife.

Nuhr begreift sie auch nicht, aber er beobachtet sie genau und kommentiert treffend unsere Ratlosigkeit. Im Moment sieht er Freiheit und Zivilisation von Extremismus bedroht. „Mir ist inzwischen ziemlich egal, ob es linker, rechter oder religiöser Extremismus ist“, sagt er. Er legt sich mit allen an.

Festgefahrene Haltungen im Publikum ins Wanken bringen

„Ich säe Zweifel mit allem, was ich tue. Und ich vertrete selten eine Mehrheitsmeinung.“ Er will betonierte Ideologien aufbrechen, feste Haltungen ins Wanken bringen. Einfach noch mal über die Sache nachdenken – Flüchtlingskrise, Henker in Saudi-Arabien, Lügenpresse, Tempo-30-Zonen, Männer und Sex. So ein Programm schneidet vieles an, berührt das Tempo, springt wieder weiter. Fast wie eine Flipperkugel.

Im großen Becken dreht der Bodenguckermakrelenschwarm ohne Unterlass seine Runden. Immer um den Fels herum. Die großen Fische glänzen silbern, fast sehen sie aus, als seien sie aus Quecksilber gegossen. „Wenn man denen das Becken verdoppeln würde, würden die wahrscheinlich immer noch im Kreis schwimmen“, kommentiert Nuhr trocken. Er hält diesen Makrelentyp nicht für besonders intelligent.

Nur einmal geht er richtig aus sich heraus. Wir stehen vor dem großen Schaubecken, wo sich alles trifft: vom friedlichen Hai bis zum Tropenfisch. Düsseldorfer, wagt die Reporterin zu sagen, seien ja eigentlich die natürlichen Feinde der Berliner. „Nach dem Relegationsspiel.“

Gemeint ist das Fußballspiel von 2012 , als Hertha BSC gegen den Abstieg in die zweite Liga kämpfte. Ausgetragen wurde das Rückspiel in Düsseldorf, es stand zwei Minuten vor Schluss 2:2, damit war klar, Hertha muss runter. Weil die Düsseldorfer Zuschauer glaubten, es sei schon abgepfiffen, rannten alle jubelnd aufs Spielfeld.

Die Berliner Fische hinter ihm hören sich alles stumm an

Die BSC-Spieler flüchteten in die Kabine, Michael Preetz sprach hinterher von „Todesangst“. „Lächerlich“, empört sich Nuhr noch heute, er war im Stadion, hat alles gesehen. „Volksfeststimmung“ sei dort gewesen.

Und natürlich habe es einen Moment gedauert, 20.000 begeisterte Zuschauer wieder zurück auf die Ränge zu beordern. Hinterher von Gewaltexzessen zu lamentieren, sei aber absurd gewesen. Die Berliner Fische hinter ihm hören sich alles stumm an.

Die Runde im Aquarium ist fast zu Ende, da kommen wir an den Quallen vorbei. Die sehen traumhaft schön aus – oder sollte man sagen: albtraumhaft. So fremd bewegen sie sich mit ihren langen Tentakeln durch das Wasser. Dieter Nuhr holt sein Handy raus, macht Bilder.

Dieter Nuhr – Wenn auf die Märtyrer nur ein Obstkorb wartet

Das Handy ist wie andere elektronische Geräte wichtig für ihn. Auf dem Schirm liest er täglich mehrere Zeitungen. Er nimmt Radiosendungen auf. Macht sich Notizen. Alles kann später in seinem Programm verwendet werden – die wissenschaftliche Umfrage genauso wie eine Beobachtung im Alltag. Quallen beispielsweise.

„Die sehen ja geil aus“, sagt er jetzt. Plötzlich ein verrückter Gedanke – was wäre, wenn eines Tages solche Wesen aus dem All zu uns kämen? Er lacht. „Mir fehlt der Optimismus, zu glauben, das könnten alles Wesen sein, die so aussehen wie wir.“

Er erwartet also einen ziemlichen Schock, sollten wir mal auf Aliens treffen. Aber wenn nach dem ersten Schreck die Sprache wiederkehrt, wird er sicherlich die richtigen Worte für unsere neue Lage finden. Und wir werden lachen.

Zur Person:

Leben Geboren wurde Dieter Nuhr 1960 in Wesel am Niederrhein, aufgewachsen ist er dann später in Düsseldorf. Dort in der Nähe, in Ratingen, wohnt er bis heute mit seiner Frau und Tochter die meiste Zeit des Jahres. Rund drei Monate lebt er aber auch in Berlin. Er studierte Geschichte und Kunst auf Lehramt, legte 1988 auch das erste Staatsexamen ab. Aber eigentlich war er da schon dem Kabarett verfallen.

Karriere Sein erstes Kabarettduo gründete er 1986: V.E.V.-K.Barett. Seit 1994 ist er aber unter eigenem Namen unterwegs: „Nuhr am nörgeln!“ hieß sein erstes Programm. Er ist schon in vielen Fernsehformaten aufgetreten. Aktuell heißen seine Sendungen: „Nuhr im Ersten“ (17.11.) und „Nuhr auf Arbeit“. Ab 15.11. ist seine Sendung „Nuhr in Berlin“ international auf Netflix zu sehen.

Auszeichnungen Zuletzt erhielt er 2016 den Deutschen Comedypreis – zum vierten Mal.

Spaziergang Getroffen haben wir uns am Elefantentor vor dem Berliner Zoo. Dort, auf dem rechten Elefanten, entstand das erste Foto. Es folgten weitere Motive im Zoo – mit der Gorillaskulptur. Danach gingen wir ins Aquarium und drehten dort zwischen Fischen, Quallen und Haien unsere Runde. Für die Amphibien im oberen Stock blieb danach keine Zeit.