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Wie Sänger Patrice Sierra Leone und Deutschland verbindet

Der deutsch-afrikanische Sänger Patrice spricht im Interview in Berlin über Ungleichheit, seine Kinder und sein neues Album.

Sänger Patrice im Hawaiihemd

Sänger Patrice im Hawaiihemd

Foto: Massimo Rodari

Patrice wirkt müde. Tief hängt der deutsche Sänger in einem Ledersofa im Hinterzimmer des kleinen Ballsaals an der Wriezener Straße im Wedding. Gerade ist der erfolgreiche Reggae-Musiker aus Rumänien eingeflogen, später wird er vor 100 handverlesenen Gästen seine neue Single „Burning Bridges“ und erste Lieder seines neuen Albums „Life’s Blood“, das am 30. September erscheint, singen.

Nur wenige Tage wird der 37-Jährige in Berlin bleiben, wo es dann hingeht, weiß er nicht. „Ich schaue immer nur zwei Tage im Voraus auf den Tourplan“, erklärt er und lächelt entschuldigend. So sei es leichter für ihn mit dem Tourstress klarzukommen. Eigentlich wollte er diesen Sommer bei seinen Kindern in New York sein.

Dort leben die beiden mit seiner Ex-Freundin, der Sängerin Ayo in Brooklyn. Doch dann kam ihm der Song „Burning Bridges“ dazwischen. „Ich hatte diesen Song und dann wollte ich unbedingt ein Album dazu machen“, erklärt er. Und nun geht die Promotion los und ab Herbst dann die Tournee.

Der bekannte Vater ist seine größte Inspiration

Selbst wenn Patrice ausgepowert wirkt, so merkt man dem Vollblutmusiker in dem Gespräch doch an, dass er ein Getriebener ist. Getrieben von Musik und davon die Welt zu verändern. Diese Haltung hat er von seinem Vater, dem afrikanischen Intellektuellen Gaston Bart-Williams geerbt. „Mein Vater ist meine größte Inspiration. Seine generelle Haltung war beeindruckend“, sagt Patrice Babatunde Bart-Williams.

Patrice selbst wuchs in Köln auf, sein Vater starb als er elf Jahre alt war. Der Teenager erhielt ein Stipendium für das Elite-Internat „Schloss Salem“ am Bodensee. Doch schon damals galt er als rebellisch und musste die Schule zwischenzeitlich verlassen.

Während sein Vater Gedichte schrieb, benutzt Patrice Lieder wie seine Single „Burning Bridges“ als Lautsprecher um für eine bessere Welt zu werben. „Wir müssen Brücken bauen und nicht sie verbrennen“, erklärt er das Lied. Patrice selbst fühlt sich als Brückenbauer. „Ich bin total happy damit zwei Kulturen zu sein“, sagt Patrice, dessen Mutter Deutsche ist und dessen Vater aus Sierra Leone stammt. Er könne die Welt wirklich aus zwei Perspektiven sehen. „Nicht nur weil ich es verstehe, sondern weil ich es auch erfahren habe“, sagt er.

Seine Musik soll Leute wachrütteln und Brücken bauen. „Ich mische Kulturen“, sagt er und verweist auf seine musikalischen Einflüsse von Soul und HipHop, bis Jazz und Reggae. „Wir mischen doch alle alles! Wir machen Yoga, Capoeira und lieben französischen Rotwein. Warum haben wir also solche Angst vor anderen Menschen und deren Kulturen“, fragt er.

Für Patrice ist es völlig normal in verschiedenen Kulturen zu leben. Seit seinem ersten großen Hit „Up in My Room“ ist er in Frankreich ein Star. Er pendelt daher zwischen seinen Wohnsitzen in Paris, New York und seinem Elternhaus in Köln. Sein Haus in Sierra Leone, dem Land seines Vaters, hat er hingegen aufgegeben. Weniger wegen des schweren Malariavorfalls 2006, der die ganze Band erkranken ließ, sondern „weil es nicht einfach mit der Kommunikation ist“, so Patrice.

Ein starke Verbindung mit Sierra Leone hat er aber immer noch über seine Schwester Mallence, die dort mit ihrem Projekt „Folorunsho“ aktiv ist. Seine Schwester sei “eine Art Aktivistin“, sagt er und Stolz schwingt in seiner Stimme. Mallence hat ihm nicht nur die ersten Reggae-Kassetten geschenkt und ihn so musikalisch geprägt, sie realisiert mit ihm auch Charity-Projekte. Oder wie Patrice sagt: „Wir glauben nicht an Charity, eher an ‚Sharity’“.

Sierra Leone hat Europa viel zu geben

Die Geschwister wollen Brücken bauen zwischen Afrika und Europa und „einen fairen Austausch von Kreativität“ ermöglichen. Seiner Meinung nach habe Sierra Leone auch Europa viel zu geben. Deshalb haben sie eine Kooperation zwischen der amerikanischen Sneaker-Firma K1X und einer Gang aus Sierra Leone realisiert. Die so entstandenen Turnschuhe wurden exklusiv bei „Colette“ in Paris und bei „Soto“ in Berlin verkauft. Als Nächstes wollen sich die engagierten Geschwister dem Thema „Ethical Mining“ widmen. Wenn es nach ihnen geht, sollen Diamanten und Gold ein „Bio“-Gütesiegel bekommen.

Die Ungleichheit auf der Welt ist ein großes Thema für Patrice. Die Anschläge in Paris machen ihm keine Angst. „Es spitzt sich zu. Die Balance ist aus den Fugen – und zwar seit Jahrzehnten“, sagt er. Und das sei kein schwarz-weißes oder deutsch-syrisches Problem, sondern es gebe ein paar, die sehr viel hätten, und viele, die nichts hätten. „Und das war noch nie so krass wie heute.“ Er warnt vor der Angst, die nun immer mehr Menschen befällt. „Wir sollen Angst haben – voreinander“, erklärt er. Dann könne man noch härtere Gesetze verabschieden und noch mehr Geld verdienen.

Plötzlich schaut er auf. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Ich hoffe, das macht alles irgendwie Sinn“, sagt er und grinst verlegten. Dann verabschiedet er sich. Er will sich noch ein kurzes Päuschen gönnen, bevor er auf die Bühne steigt. „Ich hebe meine Kraft für die Konzerte auf“, sagt er entschuldigend. Und dafür, die Welt zu verändern.