Interview

Musik ist für Jazz-Musiker Till Brönner Medizin

Der Berliner Jazz-Musiker Till Brönner über Heimat, Obama und Musiker als bessere Menschen.

Der Berliner Trompeter Till Brönner bringt jetzt ein neues Werk heraus

Der Berliner Trompeter Till Brönner bringt jetzt ein neues Werk heraus

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Der Trompeter und Sänger Till Brönner ist seit vielen Jahren Deutschlands wohl bekanntester, ganz bestimmt aber kommerziell erfolgreichster Jazzmusiker. Jetzt veröffentlicht der 45-Jährige, der zwischen seinen Wohnsitzen in Charlottenburg und Santa Monica, dem hippen Strandvorort von Los Angeles, pendelt, mit "The Good Life" ein Werk, das ihn quasi in Reinform präsentiert.

Herr Brönner, Sie waren Ende April neben 44 weiteren Jazzmusikern zu Gast im Weißen Haus. Barack Obama hatte Sie eingeladen anlässlich des "International Jazz Day". Worüber haben Sie sich mit dem Präsidenten unterhalten?

Till Brönner: Eigentlich waren ja gar keine Einzelgespräche geplant, sondern nur ein Gemeinschaftsfoto. Wir standen da alle aufgereiht, Aretha Franklin, Sting, Wayne Shorter, Herbie Hancock und viele mehr, junge, alte Musiker, und dann sagte Obama: "Ich möchte jedem von Ihnen die Hand schütteln." Die amerikanischen Musiker waren insgesamt noch nervöser als ich. Jedenfalls unterhielten wir uns kurz über Angela Merkel, Obama hatte sie kurz zuvor in Hannover getroffen. Und darüber, dass Jazz eine wirkliche Weltmusik ist, die nicht nur Menschen, sondern ganze Völker verbindet.

Wer ein Instrument spielt, ist ein besserer Mensch?

Ganz sicher. Musik ist Medizin. Wer sich als Kind entschließt, ein Instrument zu spielen, der profitiert extrem. Musik wirkt konfliktlösend, fördert die Intelligenz und die Sozialverträglichkeit. Wer Musik macht, der macht das meist in der Gruppe. Wer Musik macht, der freut sich, andere Menschen kennenzulernen. Niemand, der ein Instrument spielt, empfindet fremde Menschen als Bedrohung. Diese Fremdenfeindlichkeit überall, auch in Deutschland, das ist doch Wahnsinn. Ich denke, die wenigsten Rassisten spielen ein Musikinstrument.

Wieso hat Obama Sie eigentlich eingeladen?

Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich weiß nur: Ich war dort, und für mich war es ein Highlight. Ich fühle mich sehr geehrt, diese Einladung war sehr wichtig für mich. Gerade weil sie auch eine Würdigung des Jazz als solchen ist. Trotzdem war ich mehr der Beobachter dort, fast wie ein Alien. Denn der Deutsche hatte da ja eigentlich nichts verloren.

Barack Obama wäre womöglich selbst ein talentierter Jazzmusiker.

Absolut. Überhaupt: Kein US-Präsident hat sich jemals so für den Jazz eingesetzt wie er.

Sie selbst sind als Missionar in Sachen Jazz unterwegs.

Richtig, ich war immer schon ein bisschen ein Botschafter für meine Musik und fühle mich wohl in der Rolle. Es gibt ja immer noch mehr Menschen, die keinen Jazz hören, als Menschen, die Jazz hören. Mir macht, im Gegensatz zu manch anderem in meiner Branche, Spaß, in der Öffentlichkeit zu stehen und Werbung für den Jazz zu machen.

Ist eine Show wie "X Factor" nicht doch eine Gratwanderung?

Natürlich. Das ist eigentlich noch zu vorsichtig formuliert. Das ist Mainstreamfernsehen, und Jazz ist keine Mainstreammusik. Es war kühn, sich dort hinzusetzen im Glauben, man könne den Kids nun Jazzwissen vermitteln. Aber ich habe schnell gelernt, dass die wenigsten, die solch eine Sendung gucken, tatsächlich an Musik interessiert sind.

Also eine ernüchternde Erfahrung?

Nein, ernüchternd war es nicht. Ich bereue das Engagement zu keiner Sekunde und habe viel dazugelernt über das Medium Fernsehen. Nur hat sich die Schnittmenge zwischen dem, was mir wichtig ist, und dem, was die Leute in so einer Castingshow sehen wollen, als sehr klein erwiesen.

Sie sind in Viersen geboren, lebten fünf Jahre mit ihren Eltern in Rom, wuchsen anschließend in Bad Godesberg auf, leben seit vielen Jahren in Charlottenburg und seit geraumer Zeit auch in Los Angeles. Wo ist ihre Heimat?

Endlich! Die existenziellen Fragen. Das liebe ich. Tief in meinem Herzen bin ich ein kleiner Halbitaliener. Die fünf Jahre dort als Kind haben mich sehr geprägt. Ich fühle eine tiefe menschliche und seelische Verbundenheit zu Italien und den Italienern.

Und in Deutschland?

Obwohl ich im Rheinland großgeworden bin, möchte ich keine Region herausheben. Vielleicht am ehesten Berlin. Ich bin 1991 nach Berlin gezogen, dort habe ich meine musikalischen Meilensteine erlebt, Hilde Knef, Shirley Bassey, Harry Belafonte, Tony Bennett, Wahnsinn, mit wem ich schon alles spielen durfte.

Ist die ewige Pendelei zwischen Los Angeles und Berlin nicht total zermürbend?

Das ist eine Herausforderung und nicht immer leicht. Ich lebe etwa an beiden Orten gleich viel, aber leider nicht "halbes Jahr hier, halbes Jahr dort", sondern eher: eine Woche LA, eine Woche Berlin. Ich schlafe längst nicht mehr dann, wenn ich muss. Sondern dann, wenn ich kann.

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