Schauspieler

Benno Fürmann und die Einsamkeit des langen Wartens

Benno Fürmann spielt im ZDF einen gelangweilten Killer. Privat genießt er die Entschleunigung. Der Schauspieler im Interview.

Schauspieler Benno Fürmann beim Gespräch im 25hours Hotel Bikini Berlin

Schauspieler Benno Fürmann beim Gespräch im 25hours Hotel Bikini Berlin

Foto: Reto Klar

Benno Fürmann war in seinem Leben bereits vieles: Türsteher, Gerüstbauer und nach seiner Ausbildung an der Lee Strasberg-Schauspielschule in New York Schauspieler. Mit „Anatomie“ gelang ihm der Durchbruch, nun hat er 25 Berufsjahre hinter sich und ist im ZDF-Sommerkino (12.8., 22:30 Uhr) neben Marvie Hörbiger in der Komödie „Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss“ zu sehen. Darin gibt der 44-Jährige einen Berufskiller, der acht Jahre auf seinen ersten Einsatz wartet. Ein Gespräch über Geduld, den Fluss des Lebens und Mitgefühl.

Sie spielen den Profikiller Koralnik, der acht Jahre auf seinen ersten Befehl wartet. Worauf würde Sie so lange warten?

Benno Fürmann: Worauf soll es sich zu warten lohnen, als das ganz Große? Der Unterschied zu mir und Koralnik ist jedoch, dass ich dann auch schon mal losgehen würde.

Was ist für Sie das ganz Große?

Das heißt für mich, in der Schwingung des Lebens mitzufließen. Die große Liebe, das große Geld und der große Erfolg ist dann darin auch enthalten. Ich glaube, dass das Leben uns in eine gewisse Struktur reingebärt. Dass wir mit unseren Prägungen durch unsere Eltern und die Rückspiegelungen, die wir bekommen, aber einzigartig sind und jeder seine Themen im Leben hat. Die Themen bearbeitet man am ehesten in dem „Ja“ sagt zum Leben und mitmacht, anstatt passiv im Kämmerlein zu sitzen.

Haben Sie immer mitgemacht oder lieber im Kämmerlein gesessen?

Meine Entwicklungskurve war von Anfang an nicht geradelinig: früher Tod der Eltern, aus Berlin weg, meine mittlere Reife nachgeholt, wieder nach Berlin, angefangen zu drehen, wieder weg nach New York um dort an die Schauspielschule zu gehen. Also zwischen A und B war bei mir immer eine Menge Platz füs Leben.

Das klingt eher so, als ob sie mitmachen mussten?

Das Leben ist immer ein Fluss, aber mal Wasser, mal Eis. Das weiß jeder, der ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Insofern habe ich die Lektion gelernt, dass eine Menge Dinge passieren können, die man sich anders vorstellt hat. Daher ist man gut beraten, immer auf Veränderung eingestellt zu sein. Ein kluger Mann hat mal gesagt, und das sage ich auch gerne meiner Tochter: „Eine Menge Dinge können im Leben schief laufen – oft tun sie das auch“. Aber schief laufen, heißt halt auch, dass man mal links abbiegt.

Für solche Umwege braucht man Geduld. Sind Sie ein geduldiger Mensch?

Das ist nicht unbedingt meine Stärke, aber ich übe mich darin. Mediation tut mir gut, weil ich eher proaktiv bin und eigentlich vom Naturell am besten weiß, wie Dinge zu laufen haben.

Das kann für Regisseure anstrengend sein.

Aber Regisseure sind doch diejenige, die das Ich-weiß-wie-etwas-zu laufen-hat, erfunden haben.

Ihrem Regisseur Florian Mischa Böder gegenüber haben Sie mittels Handschlag zugesagt. Machen Sie Ihre Verträge gerne so?

Ja, da stehe ich sehr drauf. Ein Blick in die Augen und ein Handschlag, das ist für mich genauso verbindlich wie Tinte. Letztendlich geht es um eine verbindliche Haltung. Ich verlasse mich dabei auf Gefühl und Intellekt. Doch manchmal kann es auch dauern, weil ich nicht immer der Entscheidungsfreudigste bin. Ein Film ist eine Menge Arbeit, das ist Lebenszeit und das überlege ich mir natürlich gut.

Welche unbekannten Seiten gibt es bei Ihnen?

Ich kann total schüchtern sein und meine Ruhe genießen. Dann sitze ich tagelang in meinem Sessel, lese Bücher und trinke Tee.

Und sagen kein Wort?

Ich habe mal zehn Tage in Indien meditiert und kein Wort gesagt, dass ist mir erstaunlich leicht gefallen. Das war etwas, wo ich total bei mir war und auch danach nicht sofort das Bedürfnis hatte loszuplappern.

Können Sie gut allein sein?

Ja, kann ich, aber ich freue mich dann auch wieder auf Gesellschaft, denn ich mag das Gefühl von Verbunden sein. Doch je ältern wir werden, desto mehr Charakter bekommen wir und der Preis dafür ist, dass wir diesen Weg immer mehr alleine gehen. Davon kann ich auch ein Lied singen. Doch - toi toi toi - ich habe in diesem Leben ganz tolle Freundschaften geknüpft und starke familiäre Bande und insofern kann ich das Alleinsein mit mir genießen, weil ich weiß, drum herum gibt es Menschen.

Sind Sie ein treuer Freund, der sich an jeden Geburtstag erinnert?

Ich bin emotional treu, aber Geburtstage vergesse ich schnell mal. Das kommt nicht immer gut an. Aber ich bin kein Zahlenmensch, bei mir geht es eher um eine emotionale Zuverlässigkeit. Mich kann man eigentlich immer anrufen, wenn die Hütte brennt.

Gibt es eine Eigenschaft, die Sie an sich nicht mögen?

Ungeduld. Mich macht es irre, wenn Leute an etwas rumwerkeln und ich wüsste, wie es ginge, aber ich halte mich dann zurück.

Auf welche Eigenschaft sind Sie stolz?

Stolz ist kein Wort, das ich benutze, aber ich versuche offen und berührbar zu bleiben . Gerade in einer Stadt wie Berlin ist man es gewohnt - im übertragenen Sinne - seine Lederjacke anzuziehen, die Ellbogen zu spreizen und sich durch den Alltag zu kämpfen. Man entkoppelt sich und pflügt durch das Leben. Doch im idealen Fall sollte man sich gegenseitig berührend das Leben leben.

Wie meinen Sie das konkret?

Häufig geht es ja mehr um Rückzug als um die Öffnung von Türen. Ob Flüchtlinge oder „Brexit“ es gibt die Tendenz, dass man sich aus dem „Wir“ verabschiedet und ins „Ich“ zurückzieht. Das finde ich sehr schade und den falschen Weg. Schließlich ist unser Werdegang als Mensch auch zum „Wir“ hin. Wir stehen als Erwachsener zwar auf eigenen Beinen, doch auf lange Sicht sind wir ohne die anderen nicht lebensfähig.