Fashion Week

Anita Tillmann: "In Berlin sind wir weit vorn"

Anita Tillmann hat 2003 die Modemesse Premium mitbegründet. Ihr Fazit nach der Berliner Fashion Week fällt positiv aus.

Anita Tillmann - Chefin der Modemesse PREMIUM in der Station in Kreuzberg

Anita Tillmann - Chefin der Modemesse PREMIUM in der Station in Kreuzberg

Foto: Joerg Krauthoefer

Anita Tillmann lebt Mode. Die 43-jährige Berlinerin hat 2003 die Modemesse Premium mitbegründet, die inzwischen auch die Messen Seek und Bright sowie die Konferenz #Fashiontech veranstaltet. Die Mutter von Zwillingen engagiert sich zudem beim Fashion Council Germany, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, deutschen Designern eine Stimme zu geben. Nach der Fashion Week mit Zehntausenden Messebesuchern und Hunderten Kilometern auf High Heels spricht sie über Sneaker, den Mut zum Risiko und die Zukunft der Mode.

Es gab bei der Premium in diesem Jahr einen Bereich für asiatische Mode von Südkorea bis Japan. Alles sehr schrill, bunt und experimentell. Wie finden Sie solche Trends?

Anita Tillmann: Die Premium, Seek und Bright stehen dafür, Trends nicht nur zu spiegeln, sondern vor allem zu setzen und zu bündeln. Das ist zum einen Intuition, aber auch Austausch mit dem internationalen Netzwerk, welche Designer kommen und welche neuen Marken es gibt. Vor allem betreiben wir Marktanalysen und investieren in Reisen und Trendforschung.

Haben Sie schon mal danebengelegen oder etwas verschlafen?

Das gibt's natürlich. Ed Hardy habe ich damals überhaupt nicht gesehen. Viele haben mich darauf angesprochen, dass es als nächstes kommt, doch ich konnte es nicht glauben. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst nicht tätowiert bin.

Was waren dieses Mal die Trends auf der Bright und Seek?

90 Prozent auf diesen Messen sind Herrenkollektionen, und der größte Trend ist und bleibt der Sneaker. Personalisierte Turnschuhe, limitierte Sammlerstücke, Designer-Kooperationen und coole Rücksäcke. Generell ist zu sagen, dass die Männer in puncto Mode aufholen.

Deshalb entstehen in Berlin immer mehr Herrenmodegeschäfte?

Man merkt, dass die neue Generation ganz anders mit Mode umgeht. Das Straßenbild weltweit hat sich geändert, und der Nachholbedarf der Jungen, die in der Selfie-Kultur groß werden und sich präsentieren wollen, ist sehr viel größer als es noch vor zehn Jahren war. Es macht sehr viel Spaß, das mit anzusehen und auch zu beeinflussen.

Sie engagieren sich für das Fashion Council Germany. Welche Erfolge konnten sie für heimische Designer erzielen?

Bisher wurden unter anderem mit Hilfe von Mitgliedern und des Senats für Kreativwirtschaft und Technologie Talente wie Marina Hoermanseder und Nobi Talai sowie neuerdings William Fan gecoacht und unterstützt. Wir freuen uns besonders über das Engagement von H&M, ein "Fellowship Programme by the Fashion Council Germany and H&M" über zwei Jahre. Das ist toll, und wir haben viele neue Mitgliedsanfragen. Es gibt viel zu tun.

Die Modebranche verändert sich in großen Schritten. Hat das Auswirkungen auf die Berliner Fashion Week?

Ein großes Thema ist die Trennung von Damen- und Herrenmode in den großen Modemetropolen, in denen bisher jedes Segment zu einem anderen Zeitpunkt gezeigt wird. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Auf der Berlin Fashion Week präsentieren sich zweimal im Jahr diverse Messeformate, Modepräsentationen und Catwalks, und zwar für alle Segmente zur gleichen Zeit. Wenn man nationalen und internationalen Einkäufern und Medien neue Produkte und Kollektionen zeigen möchte, empfehle ich, nach Berlin zu kommen.

War das am Anfang ein Risiko?

Das war sogar ein großes Risiko, aber wir wussten, dass wir im internationalen Fashion-Kalender keine zwei neuen Termine für Damen und Herren platzieren können, und es fühlte sich auch antiquiert an, die Geschlechter zu trennen. Jetzt geht es hinter den internationalen Kulissen heiß her. Die größte Herrenmodemesse der Welt, die Pitti Uomo in Florenz, versucht gerade Damenmode zu integrieren. Das gleiche gilt für die Modewochen in Mailand und Paris. Da ist Berlin vorne. Jetzt müssen wir diesen Vorteil ausbauen, um langfristig im internationalen Modekalender relevant zu bleiben.

Ein neuer Trend ist Mode und Technik. Welche Entwicklungen gibt es dort?

Die Art und Weise wie wir Mode konsumieren, präsentieren und kommunizieren hat sich grundlegend geändert. Wir haben vor einem Jahr die #Fashiontech-Konferenz ins Leben gerufen, um neuen Ideen, Businessmodelle und Produkte zu präsentieren. Spannend ist die Entwicklung im Bereich Wearable Design. Meines Erachtens nach wird tragbare Technik die Mode revolutionieren, vor allem im Sportswear-Bereich.

Wie könnte das aussehen?

Jacken, deren Material je nach Wetter kühlt oder wärmt, Strümpfe für Demenzkranke, mit denen man sie tracken kann, falls sie sich verlaufen haben, oder Armbänder für Insulinkranke, die den Blutzuckerspiegel messen und automatisch Insulin spritzen. Es gibt zwar noch keine fertigen Produkte, aber spannende Entwicklungen.

Ist Berlin in diesem Bereich zentral?

Ich denke ja! Berlin als Kreativmetropole und Start-up-Szene, aber auch die Premium als Plattform sind dafür ideal, weil wir die Verknüpfung von Wissen schaffen.

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