Zum Muttertag

Wladimir Kaminer: "Nur meiner Mutter erlaube ich Kosenamen"

Wladimir Kaminer und seine Mutter erzählen über Leben auf 27 Quadratmetern, einen kopfstehenden Vater und peinliche Namen.

Wladimir Kaminer mit seiner Mutter. In Berlin ebt er mit seiner Frau, seinen Kindern und seiner Mutter unter einem Dach

Wladimir Kaminer mit seiner Mutter. In Berlin ebt er mit seiner Frau, seinen Kindern und seiner Mutter unter einem Dach

Foto: Reto Klar

Wir treffen uns bei Wladimir Kaminers Mutter Shanna, 84, zuhause. Seit einigen Jahren lebt sie über ihrem Sohn, 48, seiner Frau Olga und den beiden Kindern in einem Wohnhaus in Prenzlauer Berg. Der Mann mit russisch-jüdischen Wurzeln ist Autor von Büchern wie „Russendisko“ und „Militärmusik“. Im August erscheint sein neues Buch „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“.

In Shannas Wohnung hängen überall Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden – Familienbilder. Auf dem Boden liegen Teppiche, in einer Vitrine eine Sammlung verschiedener Schildkröten aus Glas und Stein. Shanna spricht zwar Deutsch, aber lieber Russisch. Manchmal muss ihr Sohn etwas übersetzen. Antworten tut sie trotzdem selbst. Die beiden warnen vor ihrer Katze: Ein riesiges Tier namens Wasillisa. Hochnehmen dürfe man sie auf keinen Fall. Wir setzen uns an den Küchentisch.

Berliner Illustrierte Zeitung: Feiern Sie Muttertag bei sich in der Heimat?

Wladimir Kaminer: Was ist das?

Man schenkt den Müttern am 8. Mai zum Dank fürs Muttersein zum Beispiel Blumen.

Shanna Kaminer: Bei uns wird im März nur der Internationale Frauentag gefeiert.

Wladimir: Zur Unterstützung der Frau im Kampf für Gleichberechtigung. Die Frauen in der Sowjetunion waren übrigens von Anfang an gleichberechtigt – sie durften genauso viel wie die Männer. Nämlich gar nichts.

Also gab es von Wladimir nie Blumen, Frau Kaminer?

Wladimir: Nettes tue ich doch jeden Tag.

(Shanna lacht)

Wladimir: Das stimmt.

Bringen Sie ihr auch Frühstück ans Bett?

Wladimir: Na ja, wenn wir wollten, könnten wir zumindest jeden Tag gemeinsam frühstücken.

Was kocht Ihre Mutter am besten?

Wladimir: Sülze! Machen Sie nicht so ein enttäuschtes Gesicht. Es ist eine ganz andere Art der Sülze als in Deutschland. Viel Fleisch, wenig Aspik, mit Ei, ohne Essig.

Shanna: Ich bin keine gute Köchin.

Wladimir: Wir haben alle einen sehr unterschiedlichen Geschmack, aber die Sülze von dir lieben alle, Mama!

Sie nennen Ihre Mutter Mama?

Wladimir: Was ist daran so besonders?

Weil es auch Menschen gibt, die ihre Eltern beim Vornamen nennen.

Wladimir: Es gibt bestimmt auch welche, die sie beim Nachnamen nennen. Das liegt, glaube ich, an den verschiedenen Erziehungsmethoden.

Welche war das bei Ihnen?

Wladimir: Nach der gärtnerischen Methode.

Bedeutet was?

Wladimir: Dass man das Kind gießen und düngen muss, sich kümmern. Und hoffen, dass am Ende irgendetwas ganz Tolles herauskommt, eine wunderbare Persönlichkeit.

Und, Frau Kaminer, ist aus ihm etwas geworden?

Wladimir: Ja, doch, ich glaube.

Shanna: Er hat gemacht, was er wollte. Ich musste aber zumindest immer wissen, wo er ist und was er macht.

Wladimir: Ich war Hippie und bin viel durch die Sowjetunion gereist. Mit Rucksack und Decke.

Shanna: Das war eine rote Decke, die ich ihm geschenkt hatte.

Die Verbindung nach Hause also?

Wladimir(zu ihr): Wo ist die jetzt eigentlich?

Shanna: In Russland geblieben, zu schmutzig gewesen nach deinen Reisen.

Rufen Sie Ihre Mutter bis heute an, wenn Sie verreist sind?

Wladimir: Ja. Aber nicht täglich, auch wenn man das eigentlich machen sollte. Manchmal schaffe ich es nicht. Meine Mutter ruft übrigens nie an.

Warum?

Wladimir: Ja, warum rufst du nie an, Mama?

Shanna: Wenn du nicht anrufst, dann rufe ich doch an.

Wladimir: Nein.

Shanna: Nu nu. (Sie winkt ab)

Wie sagen Sie zu Wladimir, Frau Kaminer?

Shanna: Hier versteht das niemand, aber ich nenne ihn Wowa.

Wladimir: Eigentlich sagt man das auch nicht zu einem erwachsenen Menschen. Nur von meiner Mutter dulde ich so einen Kosenamen. Mütter neigen zur Verniedlichung. Meine Frau Olga wundert es, dass ich das überhaupt zulasse.

Und wie haben Sie ihn genannt, wenn Sie sauer auf ihn waren?

Shanna: Ich war nie sauer.

Wladimir: Nie.

(Shanna lacht)

Wladimir: Meine Mutter hat mich frei erzogen. Das habe ich für meine Kinder übernommen. Irgendwann bekommt man nämlich das Vertrauen, das man in sie gesetzt hat, in großem Maß zurück.

(Wladimir hat zwei Kinder mit seiner Frau Olga. Sein Sohn, 17, und seine Tochter, 19, leben noch zuhause bei ihnen)

Wladimir: Es ist bequem, wenn alle unter einem Dach leben, wie wir das haben. Eigentlich dachte ich aber, dass die Kinder ausziehen, sobald es die Möglichkeit gibt. So hatte ich das noch in Erinnerung. Aber in der heutigen deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts scheint das irgendwie anders zu sein.

Sind Sie Ihrer Mutter ähnlich, Herr Kaminer?

Wladimir: Wir sind konfliktscheue Menschen und sind sehr sparsam mit Kritik. Gegenüber einander und der Welt.

Wo haben Sie Respekt vor Ihrer Mutter?

Wladimir: Davor, dass sie so ein schweres, tragisches Leben hatte, aber es überhaupt nicht als solches wahrnimmt. Wenn sie von früher erzählt, dann sagt sie nicht: ,1941 Flucht vor den Nazis – zu Fuß von Russland nach Mittelasien – mit der kleinen Schwester‘. Sie erzählt lieber von den netten Leuten auf dem Weg und der Sonne, die so schön schien.

Shanna: Nu ja. (seufzt) Ich habe viel Geduld – für alle.

Steckt etwas von Shanna in Ihrer Frau Olga?

Wladimir: Null. Aber es gibt beidseitiges Vertrauen, Verständnis und Achtung. Das reicht.

Shanna: Wir beide haben Themen, um uns zu unterhalten. Zum Beispiel die Klassik.

Wladimir: Aber du hast hat weniger Angst vor moderner Musik als Olga.

Eher Vater- oder Mutterkind, Herr Kaminer?

Wladimir: Mutter! Mein Vater war ein schwieriger Mensch.

Shanna: Ja, es war schwierig mit ihm.

Wladimir: Vor allem viele Männer versuchen auf komischen Wegen, Anerkennung zu bekommen, wenn sie sich beruflich nicht gefunden oder keinen richtigen Freundeskreis aufgebaut haben.

Wie hat Ihr Vater das zum Ausdruck gebracht?

Wladimir: Wenn wir irgendetwas gefeiert haben, hat mein Vater immer Kopfstand gemacht.

Sie meinen, er ist wütend geworden?

Wladimir: Nein, er hat Kopfstand gemacht. Wortwörtlich. Und meine Mutter hat sich dafür geschämt. Er wollte immer die Menschen unterhalten, aber nicht jeder wollte unterhalten werden. Als ich mein erstes Buch geschrieben habe, gab es eine Feier im Kaffee Burger vom Verlag. Und was hat mein Vater gemacht?

Kopfstand?

Wladimir: Ja. (lacht) Und Brücke!

Shanna: Er wollte immer beweisen, dass er noch sportlich ist.

Wladimir: Nach dem Motto: Schaut, eigentlich bin ich alt, aber immer noch fit!

Sind Sie Ihrem Vater ähnlich?

Wladimir: Ich kann keinen Kopfstand.

Shanna: Aber du bist auch sportlich wie er: Du läufst und schwimmst. Zu viel Sport macht aber auch krank.

Wladimir: Erinnerst du dich, Mama, dass er häufig 20 Kilometer raus aus der Stadt bis zu einem Restaurant gejoggt ist, wo er dann ewig viel Cognac getrunken hat und mit dem Taxi zurück in die Stadt kam?

(Shanna erinnert sich, lacht herzhaft)

Was machte Ihr Sohn, wenn er auf sich aufmerksam machen wollte?

Shanna: Erzählen, erzählen, erzählen. Unendlich. Manchmal fragte ich ihn, ob er nicht müde sei von dem ständigen Sprechen. Er sagte immer nein.

(Liebevoll legt sie ihre Hand auf seine Schulter)

Also schon früher ein Mann der Worte?

Shanna: Schon im Kindergarten. Auf die Bühne aber traute er sich damals nicht. Als er in einem kleinen Theater als Tontechniker arbeitete, brauchte der Regisseur einen Darsteller, der nur ein einziges Wort sagen sollte. Wladimir lehnte ab, weil er so zittern würde. Heute dagegen ist er fast wie ein Schauspieler.

Aber er ist Autor. Hätten Sie das gedacht?

Shanna: Alles Zufall.

Wladimir: Mein Vater hat auch geschrieben, Gedichte. Schreckliche! Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann! Schlimmer als schrecklich! Er war stolz auf mich, weil ich das geschafft habe, was ihm nie gelungen war: Menschen mit meinen Worten überzeugen. In mir ist seine Halbgabe so richtig erwacht.

Was waren das für Gedichte?

Wladimir: Erotische Lyrik mit obszönem Inhalt. (Trägt mit großer Geste ein paar Zeilen aus der Erinnerung vor:) ‚Ihre Lippen und ihre Augen sind wie Kirschen aus Moldawien.‘

Shanna: Dummheiten waren das. Ohne formale Fehler, aber inhaltlicher Blödsinn.

Wladimir: Ja, genau, jetzt haben wir es! Ich kenne das aber von vielen Familienvätern, die im Leben keine Ausreißer sind, aber in ihrer Freizeitbeschäftigung als Maler oder Schreiber ausbrechen. Mein Vater hatte zum Beispiel Briefe an Frauen geschrieben, an Astronautinnen zum Beispiel. Und jedes Gedicht endete mit der Bitte, dass sie ihn doch mitnehmen sollen.

Wieso wollte er weg?

Wladimir: Das wollte er immer.

Shanna: Er dachte, er könne mehr machen und sehen, als seine Realität ihm gibt.

Waren Sie, Frau Kaminer, der Kopf in der Ehe?

Shanna: Ich war Ingenieurin, habe Maschinenbau und Festigkeitslehre studiert. Als Wladimir zur Welt kam, war ich Lehrerin an einer Technischen Schule. So hatte ich den ganzen Sommer frei und wir konnten den gemeinsam verbringen. Deshalb sind wir uns wohl auch so nah.

Wladimir: Aber auch mein Vater war ein sehr kluger Mann. Er war stellvertretender Leiter in einem Staatsbetrieb der Binnenschifffahrt.

Also haben Sie sich sozusagen für Ihren Sohn zurückgestellt?

Shanna: Ja, na ja, es war einfach besser so. Eigentlich wollte ich sowieso etwas ganz anderes werden: Biologin.

Wladimir: Als Jüdin durfte sie das aber damals nicht an der Uni studieren, wo das Fach angeboten wurde. Man kann sagen: Ein glückliches Leben, aber auch ein gescheitertes. So wie eigentlich jedes Leben.

Herr Kaminer, wann kam die erste Freundin und damit die Verschiebung der wichtigsten Frau in Ihrem Leben?

(Er überlegt sehr lange)

Wladimir: Schwer zu sagen.

(Shanna fragt ihn auf Russisch nach der Frage. Er übersetzt. Nun überlegt auch sie)

Wladimir: Dafür bin ich nicht objektiv genug. Meine Wahrnehmung ist, dass ich von Anfang an, kein Herrschaftsverhältnis mit meinen Eltern hatte. Es war eine auf Liebe und gegenseitige Achtung gebaute Beziehung.

(Shanna bestätigt durch Kopfnicken)

Wladimir: Es ist doch normal, dass man nicht bei Mama bleibt.

Shanna: Wladimir und seine Frau ergänzen einander. Was er nicht hat, hat sie und andersherum. Ich bin sehr zufrieden mit ihr.

Wladimir: Wir sind auch schon seit 20 Jahren zusammen.

Mochten Sie alle Frauen in seinem Leben?

Wladimir: Ja, oder? Aber sag du… Vor Olga hatte ich so eine Masha…

Shanna: Nuja. Hmm.

(Wladimir lacht kurz auf)

Shanna: Man kann sagen, dass wir einen ähnlichen Geschmack haben. Was ihm gefällt, gefällt auch mir meistens. Ich würde mich aber auch nie einmischen.

Es klingt alles viel zu harmonisch zwischen Ihnen beiden: Wo ist der Haken? Warum klappt es so gut zwischen Ihnen?

Wladimir: Ich bin gleich vom ersten Tag an aufs Klo gegangen.

(Shanna lacht)

Shanna: Bis jetzt.

(Jetzt lachen beide)

Und er hat immer sein Zimmer aufgeräumt?

Wladimir: Ich hatte gar keins. Wir hatten 27 Quadratmeter zu dritt mit Katze. Die Küche war 2,40 mal 2,40 Meter groß.

Hatten Sie immer Katzen?

Wladimir: Alle Russen haben Katzen. Sie sind auch sehr wichtig.

Für die Harmonie in der Familie?

Shanna: Das kann man nicht so einfach erklären.

Wladimir: Dafür müssten wir ein extra Interview machen. Aber ein Aberglaube zum Beispiel besagt, dass Katzen das Tor zur Hölle bewachen. Sollte man also irgendwann in der Hölle landen und man möchte kurz rauchen, äh, rausgehen, muss man mit Katzen gute Kontakte haben.

Wie haben Sie, Frau Kaminer, darauf reagiert, dass Ihr Sohn ein Buch über Sie schreibt?

Wladimir: Negativ.

Shanna: Ich mag es nicht, weil er immer so viel übertreibt.

Wladimir: Und alle wissen, wie alt sie jetzt ist. Das ist ein großes Problem für sie. Dabei habe ich das im positiven Sinne gemeint: Seht her, in einem gesetzten Alter, erlebt meine Mama noch so viele Abenteuer. So viel Neugier auf die Welt zu haben, ist doch schön! Sie lernt sogar Englisch an einer Volkshochschule. Seit 23 Jahren.

(Shanna schüttelt den Kopf )

Wladimir: Ja ja, ich weiß ja. Das ist so eine meiner Übertreibungen. In Wirklichkeit sind es vielleicht zehn Jahre.

Wir schauen uns die Familienfotos an: Wladimir mit Schnauzer. Wladimir als Kleinkind. Wladimir auf Skiern. Als Hippie hatte er lange Haare und Bart.

Fanden Sie das schön, Frau Kaminer?

Shanna: Mir war immer egal, wie er aussieht. Nur mein Mann hatte sich daran gestört. Als sie mal zusammen an der Bushaltestelle standen, wollte er nicht neben Wladimir stehen.

Wladimir: Lange Haare waren damals Provokation und man wurde ständig angehalten, als wäre man kriminell. Die Polizisten hatten ja auch nichts anderes zu tun.

Sie beide reden sehr viel über den Vater.

Wladimir: Er ist halt nicht mehr da und fehlt. Gut, er war sehr lange sehr krank und für meine Mutter war das eine große Anstrengung. Als Person war er unglaublich dominant. Und das bis zum letzten Tag. Ständig hatte er irgendwelche Wünsche und Fragen. Als er dann vor sechs Jahren starb, dachte meine Mutter: Jetzt kann ich endlich nur für mich leben und so wie ich das möchte. Kein Eishockey mehr im Fernseher schauen.

Shanna: Heute schaue ich Eiskunstlauf.

Wladimir: Sogar mal bis drei Uhr morgens.

Machen Sie auch Dinge gemeinsam?

Wladimir: Wir gehen jeden Montag zusammen schwimmen.

Und wie sieht das aus, wenn Mutter und Sohn das tun?

Shanna: Ich schwimme woanders als er. Von seiner Bahn schaut er manchmal zu mir rüber, feuert mich an. Oder kritisiert mich.

Wladimir: Wir konnten noch nicht herausfinden, was sie falsch in ihrer Technik macht, weshalb sie so langsam ist. Sie bewegt sich sehr viel, aber kommt nicht vom Fleck.

Shanna: 300 Meter in 30 Minuten schaffe ich.

Wladimir: Und ich 1500 in 50 Minuten.

Shanna: Fünf Mal mehr als ich! Ich müsste auch nicht unbedingt zum Schwimmen. Aber auf Hin- und Rückfahrt kann ich mit ihm mal in Ruhe reden. Im Alltag hat er ja nicht so viel Zeit dafür.

Was machen Sie noch zusammen?

Wladimir: Wir spielen Schach. Das habe ich von dir, Mama. Das müssen wir mal wieder machen.

Shanna: Und ich gewinne oft.

Wladimir: Ja, das stimmt. Als Studentin war sie sogar in der Unimannschaft. Meinem Vater hat sie das Spielen beigebracht und er hat dann irgendwann auch Preise gewonnen.

Sie haben also Ihren Mann trainiert?

Shanna: Mittlerweile spiele ich auf dem Computer.

Wladimir: Gegen den gewinnt sie auch ständig.

Shanna: Weil es so ein niedriges Level ist. Ich freue mich aber trotzdem immer wieder.

Gab es jemals eine Ohrfeige?

(Kopfschütteln)

Aber auf 27 Quadratmetern kann es doch schnell eskalieren, oder nicht?

Wladimir: Ja, es war kompliziert. Die Toiletten in der Kaserne, als ich zwei Jahre beim Militär war, waren größer als unsere ganze Wohnung. Deshalb bin ich direkt mit 16 in Kommunen gezogen und dieses aktive Hippie-Dasein gelebt. Aber natürlich bin ich zwischendurch auch immer wieder zurück nach Hause gekommen.

Waren das Ihre kleinen Fluchten?

Wladimir: Ja, schon.

Das war dann also die Abnabelung von Zuhause?

Wladimir: Das Familienleben war schwer erträglich.

Wieso?

Wladimir: Meine Eltern haben sich ständig gestritten, das färbt ab. Mein Vater war ein sehr unzufriedener Mensch, meine Mutter ist sehr friedliebend.

Also doch nicht alles so harmonisch?

Shanna: Nein.

Wladimir: Da war eine geistige Armut. Trotzdem hatte ich zu Mutter und Vater ein Band. Egal wie er war, in den wenigen Momenten meines Lebens, wo ich wirklich Hilfe brauchte, als ich mit meinen Experimenten vor dem Abgrund stand, kam er in den verrücktesten Rollen. Er war bereit für uns zu sterben. In manchen Situation hatte er plötzlich einen Mut, den er sonst nie hatte.

Welche Rollen waren das?

Wladimir: Meine Veranstaltungen wurden damals als politisch gefärbt eingestuft, daraufhin wurde ich mit Gewalt zum Militär geschickt. Meine Eltern wussten nicht, wo ich war. Mein Vater hatte sich dann eine Fantasieuniform ausgedacht. Mit komischen Epauletten und einem übergroßen Hut. So hat er sich dann auf die Suche nach mir begeben und sich als Admiral ausgegeben. Als er mich gefunden hatte, schmuggelte er mich im Kofferraum für einen Tag aus der Kaserne.

Ist das eine typische Übertreibung, die Sie von Ihrem Sohn kennen?

Shanna: Hmm.

(Sie überlegt. Dann lachen sie, diskutieren kurz auf Russisch miteinander. Wieder legt sie ihre Hand auf seine Schulter)

Shanna: Da ist immer ein bisschen Koloriertes in seinen Erzählungen. Nu ja, so ist das eben.