Neues Album „Wutfänger“

Kult-Band Silly: „Wir sind wie eine Familie geworden“

Mit „Wutfänger“ veröffentlichen Silly am 6. Mai das dritte Album mit Sängerin Anna Loos. Die Single "Kampflos" läuft bereits im Radio.

Silly auf dem Dach von Universal Music

Silly auf dem Dach von Universal Music

Foto: Reto Klar

Im sonnenlichtdurchfluteten Büro des Musikkonzerns Universal an der Oberbaumbrücke empfangen Silly-Sängerin Anna Loos, Gitarrist Uwe Hassbecker, Keyboarder Ritchie Barton und Bassist Jäcki Reznicek im Halbstundentakt Journalisten. Die Ost-Berliner Kultband befindet sich im Werbeendspurt für die neue CD. Trotzdem ist die Stimmung sehr entspannt. Auf der Terrasse kümmert sich eine Assistentin um den Havaneser-Welpen „Buddy“, Hassbeckers 13 Wochen alter Familienhund. „Meine Frau ist Ärztin, die Tochter ist in der Schule, also musste ich ran“, entschuldigt sich der Gitarrist, der die Haare seit gefühlten vier Jahrzehnten schulterlang trägt.

Das neue Album ist politisch geworden

Am kommenden Freitag erscheint das neue Album „Wutfänger“, seit acht Tagen ist die Single „Kampflos“ im Radio und im Netz zu hören. Da singt Anna Loos die Zeilen „Der größte Krieger, muss nie kämpfen. Der größte Streiter, muss nie streiten. Der größte Sieger, muss nie siegen. Und der größte Verlierer, hat nichts zu verlieren. Kampflos, lass den Kampf los. Es gibt kein Land zu erobern, nur Grenzen zu sprengen.“ Das dritte Album von Silly mit Sängerin Anna Loos ist ein politisches Album geworden. Nicht alle der 14 Songs, aber wichtige wie „Kampflos“ und „Wutfänger“, beschäftigen sich unüberhörbar mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen.

Im Lied „Wutfänger“ heißt es: „Er sitzt zu Haus vorm alten Fernseher. Seine Fabrik gibt’s lang nicht mehr. All seine Jahre, all sein Leben, sind auf einmal nichts wert. Die Schuld gibt er den Fremden, die anders sind bei Tag. Die er nicht verstehen kann, allen die, die er nicht mag.“ „Wir haben vor zwei Jahren beim Songschreiben zusammengesessen und diskutierten diese aufkommende Fremdenfeindlichkeit, den Hass, die Wut, die Gewalt. Gegen diesen sich abzeichnenden Rechtsruck im Land wollten wir Haltung zeigen, klar unsere Meinung sagen“, erklärt Anna Loos. „Wir fragten uns: Wie kommt das, aber auch, wie funktioniert Extremismus, von rechts, von links, und religiöser Extremismus“, ergänzt Uwe Hassbecker. Nun ist die Band sehr gespannt auf die Publikumsreaktion und hofft, mit „Wutfänger“ andere Musiker „zu ermuntern, ähnlich Stellung zu beziehen“, so Keyboarder Ritchie Barton.

Zwei Jahren haben Silly an dem Album gearbeitet

Zwei Jahre lang arbeitete Silly an der neuen CD. Die Band fand in Mic Schröder einen Produzenten, der ihnen Zeit gab und damit die Möglichkeit bot, alles auszuprobieren. „Wir waren sehr frei diesmal“, berichtet Bassist Jäcki Reznicek. Die neuen Melodien entstanden teilweise im Ansatz schon nach Konzerten und Proben. „Das geht ja heute alles ganz easy mit den Smartphones“. Am Ende müsse man sich dann aber zu einem bestimmten Zeitpunkt „vor das weiße Papierblatt setzen und sich ausschütteln“. Hilfreich sei gewesen, dass es von außen „keine inhaltlichen oder musikalischen Meinungen gegeben hat“, sagt Anna Loos. Zum ersten Mal hätten die vier Musiker während der monatelangen Produktionsphase nichts nach außen gegeben, keine MP3 verschickt, nichts mit den Partnern diskutiert. „Wir wollten das so unbeeinflusst wie möglich produzieren“, begründet Gitarrist Uwe Hassbecker die musikalische Klausur.

Bei der Instrumentierung ihres dritten Albums mit Anna Loos hat sich die Band „auf ihre Wurzeln besonnen“. So kamen Klassiker wie das Fender Rhodes Piano, ein Konzertflügel aber auch der alte Synthesizer Juno-60 zum Einsatz. „Der spielte schon bei unserem zweiten Album ‚Mont Klamott‘ 1983 mit“, freut sich Ritchie Barton. Das musikalische Spektrum reicht bei „Wutfänger“, wie von Silly gewohnt, von balladenähnlichen Stücken („Mona Lisa“, „Atme“) bis zu soliden Rocknummern mit ordentlich Wumms dahinter („Das haben wir erlebt“, „Willkommen in der Gemeinschaft“). Mit dem Lied „Regenbogenmond“ thematisiert die Band Kindesmissbrauch. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir dazu Stellung beziehen. Aber es geschieht nach wie vor Gewalt gegen Kinder, Missbrauch. Wir sind alle Eltern, und deshalb brennt uns dieses Thema weiter auf den Nägeln“, erklärt Anna Loos, Mutter von zwei Mädchen. „Atme“, der letzte Song der CD, ist ein versöhnlicher Ausklang. Es geht um die Momente, in denen man sich schwach fühlt, und jemand ist da, an den man sich anlehnen kann. Ein Refrain lautet, „Atme ein, ich bin für Dich hier, atme aus, träum Dich durch zu Dir, atme aus, lass Dich fallen ins Hier, gib nicht auf, du bist nicht allein mein Freund“. „Solche Momente kennt jeder, und dann ist es einfach gut, wenn jemand anderes für einen da ist“, beschreibt Anna Loos die Intention des Songs.

Anna Loos ist jetzt seit zehn Jahren bei Silly

Zehn Jahre ist sie nun bei Silly. Wie fühlt sich das an? „Wir sind wie ’ne Familie geworden“, antwortet Hassbecker sofort, „mit allen Auf und Abs“, ergänzt Reznicek. Für Barton schließt sich ein Kreis: „Familie Silly, so hieß die Band ganz am Anfang.“ Er ist am längsten bei der Band, seit fast 35 Jahren. Die anderen beiden seit 30 Jahren. „Es hat Zeit gebraucht, um als Band in der neuen Formation zusammenzuwachsen. Jetzt sind wir stark und eine echte Gemeinschaft“, sagt Loos. Im Herbst geht es auf Tournee. Das letzte Konzert findet in Berlin statt, am 20. November in der Columbiahalle.

Die halbe Stunde ist vorbei, der Alltag hat Silly wieder. Ritchie Barton und Jäcki Reznicek wollen noch ins Studio, Uwe Hassbecker bringt den Hund nach Hause, und Anna Loos muss zum Elternabend.