Die „Yumcha Heroes“

Mit dem Blade Runner nach Südostchina

„Roy & Pris“ ist das vierte Restaurant von Axel Burbacher und Guanfeng Guan, die mit dem „Yumcha Heroes“ und der „Long March Canteen“ starteten.

Roy & Pris / Axel Burbacher und Guanfeng Guan

Roy & Pris / Axel Burbacher und Guanfeng Guan

Foto: Reto Klar

Der Schriftzug funkelt neonfarben und die Stühle strahlen in Lila vor dem wandfüllenden Bild einer Milchstraße. Wenn man das neue Restaurant „Roy & Pris“ am Weinbergsweg in Mitte betritt, denkt man an die 80er-Jahre, den Film „Blade Runner“ oder eine galaktische Reise. Das Letzte, was einem in den Sinn kommt, ist chinesische Küche.

Fragt man die beiden Betreiber Axel Burbacher und Guanfeng Guan, wie der Name und das Interieur mit der Speisekarte, die sich mit Meeresfrüchten und Fisch an der chinesischen Südostküste orientiert, zusammenpassen, zucken sie mit den Schultern. „Das ist, als wenn man einen Künstler fragt, was sein Kunstwerk bedeutet“, sagt Axel Burbacher lachend. Die beiden Berliner Gas-tronomen betreiben bereits erfolgreich das „Yumcha Heroes“, die „Yumcha Heroes Manufaktur“ und das „Long March Canteen“, die für ihre Küche und ihre außergewöhnliche Deko bekannt sind.

Nun haben der Süddeutsche und der Südchinese Anfang des Jahres ihr viertes gemeinsames Lokal eröffnet – und machen im „Roy & Pris“ einiges anders. Bisher orientierten sich ihre Lokale an der chinesischen Schnellküche. Das „Yumcha Heroes“ serviert fast ausschließlich Dumplings, die bastkörbeweise serviert werden, und das „Long March Canteen“ in der Wrangelstraße steht für Dim Sum, das in einer offenen Garküche zubereitet wird.

Doch bei ihrem neuen Baby hängt die „gastronomische Latte am höchsten“, sagt Axel Burbacher. „Wir wollten, dass die Leute sitzen bleiben und nicht mit den Händen essen“, erklärt er grinsend. Guanfeng Guan, der wieder für die Speisekarte zuständig ist, ergänzt: „Ich wollte Klarheit und Einfachheit.“ Das heißt, statt Schnellküche: ein Teller, ein Produkt, ein Geschmack. Sitzen bleiben und genießen. Garnelen, die nach Garnelen schmecken. Einzig von einem Limetten-Tomaten-Dip im Extraschälchen begleitet. „Ich will, dass etwas schmeckt, wie es schmeckt und kein Chichi, Kräuterchen, Reduktion und Schäumchen mehr“, erklärt Burbacher.

Der 43-jährige Guan kocht nach seiner Kindheitserinnerung in China. Mit 15 Jahren schickten ihn seine Eltern aus der Nähe von Shanghai nach Deutschland. Sein Vater fand ihn zu eigenwillig, Onkel und Tante in West-Berlin sollten das richten. Doch der Jugendliche besuchte die Hartnackschule am Nollendorfplatz. Drogen, Kriminalität und Alkohol gehörten dort zum Alltag. Er wurde Punk, dann Koch und mit dem „Toca Rouge“ an der Torstraße erfolgreich. Das Restaurant, ganz in Schwarz gestrichen, machte chinesische Schnellküche in Berlin „cool“.

Wenn der Vater von zwei Töchtern vom Essen erzählt, dann ist sein ganzer Körper in Bewegung, so dass der schwere Silberschmuck an seinem Handgelenk klimpert. „Wir Chinesen essen nicht mit den Augen, sondern mit der Nase“, erklärt er, und dass er im „Roy & Pris“ das Essen seiner Kindheit kocht. „In China kommen 25 Gerichte auf den Tisch. Jeder Teller ist ein Produkt“, erklärt er. „Neben dem Zurück-zu-den-Ursprüngen erleben wir derzeit auch einen Trend des Teilens“, ergänzt Axel Burbacher. „In der deutschen Küche ist das Teilen nicht so verankert, aber es wird kommen. Wir teilen schon Autos, bald teilen wir auch das Essen auf dem Tisch.“ Deshalb empfiehlt er am besten gleich mehrere Speisen zu bestellen und gemeinsam zu verzehren.

Man merkt sofort, wie gut sich die beiden Macher ergänzen. Der ruhige Burbacher, der mit leiser Stimme spricht, und Guan, der sein Herz auf der Zunge trägt. Kennengelernt haben sie sich im „Toca Rouge“, wo Burbacher Stammgast war. Burbacher ist selbst Gastronom aus Leidenschaft. Mit dem „Galão“ am Weinbergsweg hat er portugiesische Pastelarias und den Galão-Kaffee nach Berlin gebracht. Die beiden Food-Fans kamen ins Gespräch. Erst über das Essen, dann übers Private, zwei Jahre entwickelte sich ihre Freundschaft, und als neben dem „Galão“ ein Lokal frei wurde, schlugen sie zu.

„Wir sind eine Patchworkfamilie“, sagt der 47-jährige Burbacher lachend. Jeder hat einen eigenen Laden und dann gibt es noch vier gemeinsame Kinder.

Dass das „Galão“, das „Yumcha Heroes“ und nun das „Roy & Pris“ nebeneinander liegen, stört nicht. „Wenn ich mehrere Kinder habe, dann frage ich doch auch nicht, welches das beste ist“, sagt Burbacher, der Vater von zwei Töchtern ist und dessen Frau gerade das dritte Kind erwartet. Obwohl das „Roy & Pris“ vor allem Küstenessen aus Südostchina zelebriert, gibt es einige Spezialitäten. Getrocknete Lilienblüten fügt Guan mit Wildkräutern zu einem schmackhaften Salat zusammen. Oder das traditionelle Man Tou. Das Hefebrötchen wird wie bei einem Baukastenprinzip gefüllt, so Burbacher. Doch Man Tou sei nur der Spaß, die Kunst sei die restliche Speisekarte – von Schweinebauch, Lammkoteletts, Lachs-sashimi und Taschenkrebs bis zur Bittermelone.

Ganz am Ende der Ausführungen über das Essen, versteht der Besucher plötzlich auch das Interieur. So wie sich die Gerichte aus den Kindheitserinnerungen von Guanfeng Guan speisen, so stehen „Roy & Pris“ – die beiden Figuren aus „Blade Runner“ – für die er­ste Filmerfahrung. Und so wie jeder Teller für einen Geschmack steht, so sieht es auch bei den Räumen aus. Das Speisezimmer steht mit den violetten Stühlen und den Sternenbildern für die 80er-Jahre, der rosafarbene Flur mit den riesigen Blütenlampen und dem Federboa-Spiegel für die Romantik und die Toilette mit Vogelgezwitscher, Holztüren und einer Wiese an der Decke für die Natur. Nur die drei Buddhas, die es übrigens auch im „Yumcha Heroes“ und in der „Long March Canteen“ gibt, sind eine Reminiszenz an China.