Entertainerin

Désirée Nick hat eine Rechnung mit der Männerwelt offen

Ein Treffen der besonderen Art mit der Entertainerin und Autorin Désirée Nick am Gendarmenmarkt.

Désirée Nick hat gerade das Buch „Säger und Rammler und andere Begegnungen mit der Männerwelt“ veröffentlicht

Désirée Nick hat gerade das Buch „Säger und Rammler und andere Begegnungen mit der Männerwelt“ veröffentlicht

Foto: imago/STAR-MEDIA

Wie sie in das Café am Gendarmenmarkt hineinschreitet: Samtmantel, Sonnenbrille, den platinblonden Kopf steif in den Nacken gelegt. Désirée Nick, eine grelle Erscheinung, nach der sich keiner umdreht. Dabei ist Frau Nick davon überzeugt, dass sie eine Berühmtheit ist. Vor allem in Berlin, wo sie geboren ist, wo sie in den Kabaretts Stammgast ist. Aber auch, wenn sie herumwirbelt in diesem Café, es guckt keiner. Das ist schon bitter.

Überhaupt strahlt diese Frau hinter dem Lächeln, das sie aus- und anknipsen kann wie eine Lampe, eine gewisse Härte aus. Die Aktrice, die ihr Publikum mit schlüpfrigen Witzen füttert, die Kabarettistin, die ihre Zuschauer in Talkshows mit ihren männermordenden Thesen vergnügt, ist abseits der Bühne ernst und bestimmt. Sie versucht erst einmal, das Ruder in die Hand zu nehmen. Ihr gefällt der ausgewählte Platz im Café nicht. Sie sucht eine andere Sitzecke aus und befiehlt, sich umzusetzen. Kaum sitzt sie, wirkt sie, als wolle sie wieder gehen. Dabei winkt sie, nicht dem Taxi vor der Tür, sondern nur der Kellnerin, die direkt neben ihr steht. Sie bestellt Bananen-Käse-Kuchen und einen Ingwer-Minz-Tee mit einer Dramatik, als hätte sie eine Bypass-Operation in Auftrag gegeben. Ihre Gesten sind groß, ihr Ton ist großspurig – keine Diva, nein, mehr die Parodie einer Diva.

„Der Dschungel ist unstrittig ein Stück Popkultur“

Wenn sie sich aufregt, vergisst sie, ihre Rolle zu bedienen. Und sie regt sich gerne auf. Weil sie sich schnell in die falsche Ecke gedrängt fühlt. Fällt das Wort „Dschungelcamp“ wird ihr Mund noch schmallippiger. Dabei war sie doch die Dschungelkönigin. Sie bediente das Trash-TV und interpretiert nun Niveau hinein. Das ist paradox. Da sie klug ist, merkt sie das. Deshalb auch der trotzige Ton: „Der Dschungel ist unstrittig ein Stück globale, mediale Popkultur“ – sie schreit das fast. Schließlich habe sie davon profitiert. „Vorher kannten mich die vier Millionen unserer Hauptstadt, nach dem Format 80 Millionen Deutsche.“ Ob sie das noch einmal machen würde? „Ich wiederhole mich nicht. Heute schreibe ich Bestseller.“

Ihre Bücher heißen. „Gibt es Leben nach Fünfzig“ , „Liebling, ich komme später – das große Buch vom Seitensprung“. Das neue Buch trägt den Titel: „Säger und Rammler und andere Begegnungen mit der Männerwelt“. Die Männer, das ist der rote Faden, sind Witz­figuren. Man merkt, dass Madame noch eine Rechnung mit ihnen offen hat. Im Grunde hätten die Männer immer versucht, sie für dumm zu verkaufen. Was sie aber besonders geprägt hat, war die Erfahrung, sitzen gelassen worden zu sein.

Sie fühlt sich von der Gesellschaft im Stich gelassen

Sie musste ihr Leben selbst in die Hand nehmen und für sich und ihr Kind Geld verdienen. Ihr Sohn ist jetzt 19. Ein toller Junge sei er. Studiert in England, mehr sagt sie nicht. Aber ihr Gesicht zeigt neben der Strenge etwas wie Stolz. Wenn sie über ihn spricht, gerät sie in Wut über all die Männer, die abhauen und keine Alimente zahlen. Sie fühlt sich von der Gesellschaft im Stich gelassen. „Deutschland ist ein Entwicklungsland im Familienrecht. In den USA werden Männer, die keine Alimente zahlen, kriminalisiert. In Deutschland zuckt man nur mit den Achseln.“

Um sich und ihr Kind durchzubringen, habe sie gearbeitet wie ein Tier. Schlaf war schon immer was für Weicheier. Wenn sie Bücher schreibe, stehe sie schon mal um vier Uhr morgens auf. „Das Leben ist kein Spaziergang“, sagt sie ungewohnt normal. Sie ist jetzt ganz ruhig. Erzählt, wie wenig sie sich früher zugetraut hat. „Ich habe als Balletttänzerin nie geglaubt, dass ich ein Publikum auch allein unterhalten kann.“

Selbstzweifel als Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit

Dieser Satz, so scheint es, ist ein Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit. Es ist der Selbstzweifel, den sie durch ihr grelles Auftreten zu verdrängen sucht. In solchen Momenten ist Désirée Nick eine Frau wie jede andere. Aber dann greift sie wieder zur großen Geste, wirft die Arme in die Luft und ruft mit starrem Blick, dass das Theater ihre Heimat wurde. Die Rolle hat sie wieder.