Berliner Spaziergang

Unterwegs in Mitte mit Benjamin von Stuckrad-Barre

Wir treffen Menschen, die in Berlin etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Ein Spaziergang mit Benjamin von Stuckrad-Barre.

Benjamin von  Stuckrad-Barre im Regierungsviertel

Benjamin von Stuckrad-Barre im Regierungsviertel

Foto: Reto Klar

Als Erstes sieht man seinen Schädel. Es herrscht das übliche Gewühl auf dem Bahnsteig im Tiefgeschoss des Hauptbahnhofs, gerade ist der ICE aus Hamburg eingefahren. Benjamin von Stuckrad-Barre wird aus der 1. Klasse aussteigen, so viel ist klar, die Türen öffnen sich, aber nun schieben sich die Ankommenden gleichzeitig aus mehreren Ausgängen hinaus, drücken auf den Bahnsteig, während andere hineinwollen. Gedrängel, eine Collage aus Schultern in Mänteln, Kostümjackets, Gesichtern, Mützen, Haaren – und plötzlich ist dazwischen dieser Schädel. Expressionistisch, kantig, wie auf einem Bild von Georg Grosz aus den 20er-Jahren, die Haare kahl rasiert. Es braucht kein Gesicht, sofort ist klar, das ist Stuckrad-Barre. Journalist, Fernsehgesicht, Autor. Dieser Tage erscheint sein Buch „Panikherz“. Ein sehr ungewöhnliches Buch, so viel sei schon gesagt. Deshalb treffen wir uns zum Spaziergang.

Eine leichte Berührung an der Schulter, „Herr Stuckrad-Barre? Wir sind verabredet...“, er hat gerade sein Handy in der Hand, schaut auf, einen direkt an, freundlich. Der Händedruck ist so fest, dass man sich als Gegenüber vorkommt wie ein schlappes Weichei. Übt man so einen Händedruck? Einen, der sofort Verbindlichkeit signalisiert. Für jemand wie ihn, der lange Zeit vollgepumpt mit Drogen so viele Freunde, Bekannte, Arbeitgeber hat hängen lassen, ist Verbindlichkeit sicherlich wichtig. Im Buch steht: „Wieder zu Hause, machte ich mich daran, endgültig alles zu zerstören. Alle zwei Tage kam der Dealer, die Nächte verbrachte ich im Bordell, ich schlief gar nicht mehr, nur alle fünf Tage mal, dann aber so tief und betäubt, dass ich hernach sehr lange brauchte, mich zu orientieren – war es jetzt immer noch dunkel oder schon wieder?“ „Panikherz“ ist aber auch ein Buch über jahrelange Freundschaften und Treue. Und über Vorbilder und Helden.

„Das Licht. Das Berliner Licht!“, sagt er und zieht an der Zigarette

Er sei noch etwas unsortiert, etwas konfus, sagt er jetzt am Fuß der Rolltreppe, seine Tasche steht offen – weil er ja das Handy rausgeholt hat – oben liegt ein weißer Kopfhörer. Musik, klar. Ohne Musik geht es bei Stuckrad-Barre nicht. Überhaupt würde ein Popjournalist jetzt eine Menge an Stuckrad-Barre beschreiben: die Sneakers, die tief liegende weiße Hose, der dunkelblaue Kurzmantel, der Schal, die Mütze mit dem Bommel, alles am besten mit Markenbezeichnung, zumindest aber mit Fachtermini der Mode: Loose Fit, Dufflecoat, Nike Air. Die Popliteratur der 90er- und 00er-Jahre war eine unendliche Feier der Oberfläche, eine bitterböse. Der US-Schriftsteller Bret Easton Ellis hat in „American Psycho“ den Ton gesetzt. Dieser Autor spielt im Buch „Panikherz“ eine große Rolle. In den eigenen vier Wänden Psychopath, aber die Fassade nach außen perfekt stylish, niemand konnte das eiskalter runterzählen als „König“ Ellis. Stuckrad-Barre hat auch in dieser Schizophrenie gelebt. Nach außen der irre erfolgreiche Jungschriftsteller, der zwischenzeitlich sehr viel Geld verdiente. Zuhause ein runtergekommener Junkie. Kokain, Ecstasy, Ampullen mit „gelben Gaben“ für die Vene.

„Ich brauche erstmal eine Zigarette“, sagt er auf dem Weg aus den Hauptbahnhofkatakomben nach oben. Das ist geblieben von all den Süchten, kümmerliche Zigaretten. Alkohol trinkt er seit Jahren nicht mehr. Aber die gute Nachricht ist, er schreibt auch in komplett nüchternem Zustand stark, vielleicht stärker, weil der Koks-Irrsinn bei ihm aufgehört hat. Kokser denken immer ganz groß: literarische GROSSPROJEKTE! Lange LISTEN! Das GANZE INTERNET ausdrucken! Wörter in Versalien finden sich auch heute in seinem Buch, Insignien der Popliteratur.

„Das Berliner Licht“, sagt er begeistert, als wir aus dem Hauptbahnhof treten. „Wenn es mal da ist, ist es unschlagbar.“ Tatsächlich ist just die Sonne durchgebrochen, nachdem vorher alles grau war. Das passt zu unserer Route. Wir wollen Richtung Auguststraße laufen, wo er laut Buch seinen glücklichen Mittsommer 2000 erlebt hat, als alles noch grandioser gemeinsamer Rausch war und nicht ein permanenter einsamer Absturz. „Es war, als läge Ecstasy in der Luft, es waren Nächte, in denen alles gelang“, steht im Text. Und: „Alle waren Freunde, diesen kurzen Sommer lang.“ Also hin.

Dann hupt auf einmal Moritz von Uslar

Wir gehen durch den Spreebogenpark hinüber zur Luisenstraße. Wie lange hat er an dem Buch geschrieben? „Genau ein Jahr“, sagt er. Angekündigt hatte er den großen „Absturzroman“ schon 2004, fing sogar an zu schreiben. Der Preis war dann ein Rückfall, alles war noch zu nah. „Das Gehirn sagte da einfach: Das klingt doch alles wahnsinnig gut. Dann lass uns doch noch mal recherchieren.“ Er grinst. Es brauchte ein Jahrzehnt Abstand, um sich ans eigene Leben zu wagen. Und noch etwas: „Ich war eigentlich erst frei zu schreiben, als ich alle Notizen aus der Zeit vernichtet hatte.“ Zunehmend „sarkophagig“ sei ihm diese Sammlung voller Details („Der Patient wiegt 62 Kilogramm“) in Kartons vorgekommen, also brachte er sie zur Deponie, wo alles garantiert vernichtet wurde, „mit Zertifikat“. Danach war es ihm endlich möglich, seine eigene Vergangenheit literarisch zu erzählen, „kühler“ wie er sagt, wie einen Roman. Er fand prägende Bilder, um die Vergangenheit zu verdichten. Beispielsweise die Sache mit der Lampe in seiner Charlottenburger Wohnung in der Goethestraße.

Damals war es ihm unmöglich, irgendwo eine Lampe anzubringen. „Also nahm ich die Stehlampe mit von Zimmer zu Zimmer, ich besaß nur diese eine, die Wohnung aber hatte drei Zimmer, und die Hauptbeschäftigung eines Drogenabhängigen ist es nun mal beständig im Kreis zu gehen, folglich musste ich dauernd die Stehlampe ausstöpseln, durchs Dunkle tasten, im nächsten Zimmer die Stehlampe wieder einstöpseln.“ Das „Hintermirher-Schleifgeräusch des Stehlampenstromkabels“ wird zum Klang dieser Monate. Wer diese Stelle gelesen hat, kriegt das Bild nicht mehr aus dem Kopf.

Doch zurück zum Sommer 2000. Gerade wollen wir in die Marienstraße einbiegen, wo damals DJ Fetisch lebte, mit dem er monatelang ziemliche Exzesse durchlebte, da hupt es heftig an der Ampel, mindestens acht Mal. Ein Auto mit niedersächsischem Kennzeichen. „Who might be that?“, sagt Stuckrad-Barre und lehnt sich runter zum Auto, dessen Beifahrertür sich gerade öffnet. Ein freudiges Aufjaulen, „Mo!“, Moritz von Uslar – auch er ehemals Popjournalist, der sich mit „100 Fragen an...“ einen Namen machte. Uslar lebte damals im besagten Sommer 2000 in der Auguststraße, gleich neben dem „Pogo-Club“, wo heute die „Kunstwerke“ sind. Ein enger Freund. Uslar stellt sein Auto ab, zieht einen Parkschein und geht ein Stück mit.

Ein schonungslos offenes Buch. Aber auch ein sehr diskretes

Spätestens die Begegnung mit von Uslar macht klar, wie literarisch „Panikherz“ auch ist – ein autobiografischer Roman, aber eben keine Autobiografie. Denn dieser Freund kommt mit keiner Silbe im Buch vor. Er hatte über ihn geschrieben, aber ihn dann wieder „beim Komponieren“ komplett rausgenommen, sagt Stuckrad-Barre. Es sollte eben kein „Berlin-Mitte-Hallöchen“-Buch über die Zeit der Jahrtausendwende werden, sondern ein Buch über einen rasanten Absturz und die folgende Rettung. Durchwoben mit Songtexten und von irren Begegnungen mit ganz persönlichen Helden – Udo Lindenberg zieht sich durch das ganze Buch, Ellis genauso, aber auch Elvis Costello, Friedrich Küppersbusch oder Marius Müller Westernhagen (Frauen kommen nur am Rande vor, benannt wird eigentlich nur Courtney Love, die Witwe des Nirvana-Sängers Kurt Cobain, Tamara, die Witwe von Helmut Dietl, und die Ex „Anke“ Engelke). Das Buch ist tatsächlich komponiert. Und es ist diskret. Wer immer mit Benjamin von Stuckrad-Barre jemals Drogen konsumiert haben mag, er muss sich nicht fürchten. Hier wird nichts entlarvt, nichts verschlüsselt. Schlüsselroman? Nein, niemals. „Das ist wahnsinnig unangenehm zu lesen, zu schreiben und auch als Haltung im Leben.“

Wir haben einen schnellen Schritt, jetzt stehen wir schon vor dem Grill Royal am Schiffbauerdamm. Wenn ihn ein Gedanke beschäftigt, bleibt Stuckrad-Barre unvermittelt stehen, formuliert, gestikuliert mit den Händen. Grill Royal, das ist das spätere, das cleane Berlin, zumindest für Stuckrad-Barre. Wie ist es denn, Berlin nüchtern auszuhalten? Die Stadt hat ja ihre Härten. „Sagen wir mal so“, meint Stuckrad-Barre, „bedröhnt ist jede Stadt gleich“. Berlin, Zürich, Oldenburg. „Völlig wurscht. Es ist innen New York und außen Oldenburg.“ Drogen gibt es überall, die Orte, wo man sie besorgt, ähneln sich.

„Bedröhnt ist jede Stadt gleich.“ Dieser Humor zieht sich auch durch „Panikherz“. Wenn er in seiner bulimischen Phase immer weiter abnimmt, hilft Koks dabei. Und „Ingwerwasser! Meine Mariahcareywerdung schritt voran“, wie er schreibt. Das Buch ist kein zweites „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Allerdings konnte Stuckrad-Barre auf Speed vermutlich immer noch aus dem 80er-Jahre Zoo-Klassiker zitieren. Das Spiel mit Zitaten, der „Remix“, wie ein frühes Buch von ihm heißt, war immer ein großes Ding bei den Popliteraten. Zitieren, bis der Dealer kommt. Irgendwann Anfang 2006 ist Stuckrad-Barre am Tiefpunkt, abgebrannt, verwahrlost lebend in einem Hamburger Hotel, das er nicht zahlen kann, süchtig nach Speed, ohne Krankenversicherung. Er schreibt nicht mehr, ist nur noch kaputt. Es ist die Familie, die ihn am Ende rettet – der eine Bruder holt ihn aus dem Hotel, der andere besorgt einen Platz im Entzug.

Dort, wo das Drogenkarussell Fahrt aufnahm

Die Familie als Rettung? War es wirklich so. „Ja“, sagt Stuckrad-Barre. Wir gehen die Auguststraße runter, im Hof der Kunstwerke waren wir schon, dort, wo früher eine Rutsche die Etagen verband und unten der „Pogo-Club“ lag. Sind vorbei am kleinen trostlosen Spielplatz in der Auguststraße, „den haben wir immer ,den Irak’ genannt“. Aber das Buch hört nicht mit dieser familiären Rettung auf. „Es war klar, dass das Buch nicht so enden kann, weil ich ja keinen ZDF-Schmonzes machen will. Am Ende muss man in die Unschärfe gehen.“ Unschärfe? Nicht nur zeitlich wird gesprungen, sondern auch zwischen den Kontinenten. Geschrieben hat Stuckrad-Barre das Buch nämlich in besagtem Jahr in Los Angeles, im berühmten Hotel „Chateau Marmont“, einer fast märchenhaften Hollywood-Celebrity-Institution (Ich: „Ein Jahr in diesem Hotel. War das nicht teuer?“ Er: „Verglichen mit einer Drogensucht ist eigentlich alles billig.“). Das Spiel der Orte, der Geschichten, der Zitate, der Persönlichkeiten, es gehört für sein Schreiben dazu. Aber er brauchte auch den physischen Abstand. Oder wie er es sagt: „Ich war dort glücklich.“

Ach, Glück. Dass wir so durch Mitte spazieren können, vorbei an seiner alten Wohnung in der Krausnickstraße 11, Orte, wo das Drogenkarussell richtig an Fahrt aufnahm, liegt auch daran, dass er Mitte inzwischen mit neuen Erlebnissen „überschrieben“ hat, wie er sagt. Kurz nach seinem Entzug – im Sommer 2006 – veränderten zwei Menschen sein Leben: seine heutige Frau, auch eine Journalistin, mit der er einen dreijährigen Sohn hat. Und Helmut Dietl, der Filmregisseur. Das Überschreiben begann sofort und massiv – die nächsten sechs Jahre wohnte Stuckrad-Barre wieder in Mitte, er arbeitete damals eng mit Dietl zusammen, um das Drehbuch für „Zettl“ zu schreiben. Der Regisseur hatte eine Wohnung am Monbijou-Park. Davor stehen wir jetzt. Wie fühlt es sich an, das Buch geschrieben zu haben? „Jetzt gerade ungewohnt angenehm“, antwortet Stuckrad-Barre. „Ich habe mir mein Leben zurückgeholt.“ Sprachs und fuhr weg. Im Winketaxi.