Schauspielerporträts

Wie ein wildes Tier im Wohnzimmer

Als „Tatort“-Kommissarin jagt Margarita Broich Verbrecher in Frankfurt. Als Fotografin lauert sie ihren Kollegen hinter der Bühne auf.

Margarita Broich, Schauspielerin und Fotografin, im Café Manzini in Wilmersdorf

Margarita Broich, Schauspielerin und Fotografin, im Café Manzini in Wilmersdorf

Foto: Amin Akhtar

Margarita Broich hat in Dortmund Fotografie studiert und an der Berliner UDK Schauspiel. Anfangs arbeitete sie als Theaterfotografin bei Claus Peymann, bis sie selbst Schauspielerin wurde. Heute lebt die 55-Jährige mit ihren Kindern und ihrem Mann, dem Schauspieler Martin Wuttke, in Wilmersdorf. Die „Tatort“-Kommissarin hat gerade ein neues Fotobuch herausgebracht. Für „Alles Theater“ hat sie Schauspieler wie Otto Sander, Lars Eidinger und Fritzi Haberlandt direkt nach dem Auftritt fotografiert. Ein Gespräch über Ruhm und Rampenlicht.

Berliner Morgenpost: Gerade ist Ihr neuer Fotoband „Alles Theater“ erschienen. Eine Absicherung gegen das Altern als Schauspielerin?

Margarita Broich: Nein (lacht). Im Gegensatz zum Film ist es im Theater eher egal, wie alt man ist. Die Zuschauer sitzen so weit weg, dass es keine Rolle spielt. Ich habe oft mit älteren Schauspielern gespielt, denn in meinem Beruf geht man ja nicht mit 65 Jahren in Rente. Daher gibt es dort noch ein Aufeinandertreffen von Generationen. Einer meiner Söhne hat einmal mit dem alten Bernhard Minetti gespielt. Da war er sechs Jahre alt und Minetti war in seinen 90ern. Mein Sohn war so fasziniert von diesem uralten Körper.

Sie haben drei Söhne und haben immer auf der Bühne gestanden. Wie leicht war der Spagat zwischen Kindern und Karriere?

Ich wollte immer beides. Kinder und der Beruf sind für mich schon das passende Lebensmodell. Dennoch war es auch eine Maloche. Im Berliner Ensemble hatte ich manchmal 25 Vorstellungen im Monat, an Ostern, zu Weihnachten und zu Neujahr auch. Da musste ich mit den Kindern sehr erfinderisch sein. Oft habe ich sie einfach ins Theater mitgenommen und sie dann in der Nacht schlafend nach Hause getragen.

Was war der Auslöser für die ungewöhnliche Porträtserie in Ihrem Fotoband?

Es war ein Selbstporträt nach einer Aufführung mit Christoph Schlingensief. Da wurde ich in der Aufführung angeschossen und war voller Blut. In der Umkleide blickte ich in den Spiegel und bin erschrocken, weil ich aussah wie nach einem schweren Verkehrsunfall. Da ich die Kamera immer dabeihabe, habe ich mich sofort fotografiert. Die Bilder waren so befremdlich, aber erzählen auch so viel über den Beruf.

War es schwer, die Schauspieler zu den Fotos zu überreden?

Wenn ich die Porträts gezeigt habe, war jedem sofort klar, worum es geht. Dadurch, dass ich seit Jahren auf den Bühnen dieser Stadt herumgurke, kenne ich natürlich die meisten Schauspieler persönlich, und das hat mir einige Türen geöffnet.

Wann passieren die Bilder genau?

Früher habe ich oft fotografiert, während ich noch mein Kostüm anhatte. Habe also nach dem Schlussapplaus meiner eigenen Vorstellung die Kollegen abgelichtet. Und zwar schnell. Ein Foto dauert selten mehr als fünf Minuten. Ich möchte auch nicht jemanden, der drei Stunden getobt hat, drei Stunden beleuchten, schließlich will der jetzt rauchen oder hat Durst. Mit Licht hat das sowieso nie funktioniert. Künstliches Licht ist genauso wie die Künstlichkeit der Bühne – und das wollte ich ja genau nicht.

Die Bilder gehen unter die Haut, die Texte zu den Künstlern sind ebenfalls sehr eindrucksvoll. Was hat Sie an den Gesprächen, die Autorin Brigitte Landes geführt hat, überrascht?

Sie sind so vielfältig. Corinna Harfouch lebt in der Nähe eines Sees. Mit dem Begehen des zugefrorenen Sees, mit dieser höchsten Aufmerksamkeit im Körper, ob da was kracht, hat sie versucht, den Bühnenzustand zu beschreiben, nach dem sie strebt. Wo man nicht weiß, was passiert, und der Körper Adrenalin ausschüttet, sodass man die höchste Konzentration und Aufmerksamkeit erreicht.

Wie war das mit dem blutverschmierten Lars Eidinger nach „Hamlet“?

Das ist einer der wenigen Schauspieler, die ich persönlich noch nicht kannte. Lars Eidinger sah beeindruckend aus. Als Hamlet hatte er drei Stunden gerast, getobt und sich komplett verausgabt. Dann kam er mir in einem Flur mit Gumminoppenfußboden und Raufasertapeten entgegen. Das war wie ein wildes Tier in einer falschen Umgebung. Als ob einem ein Tier aus dem Urwald im eigenen Wohnzimmer begegnen würde.

Was ist für Sie das Besondere an diesen Aufeinandertreffen?

Es ist ein belebter und zugleich gelöster Moment. Die Porträtierten haben alle gut durchblutete Ohren, sind ganz bei sich, voll gepumpt mit Adrenalin, aber haben keine große Lust mehr zu spielen, weil das haben sie ja schon hinter sich gebracht. Das macht den Reiz der Bilder aus. Dieser Nullmoment – und wenn ich den treffe, dann sieht man so viel mehr von dem Menschen.