Das letzte Interview

"Sobald ich in Berlin ankomme, bin ich Feuer und Flamme"

Roger Cicero hat Berlin vor vielen Jahren den Rücken gekehrt. Dennoch ließ ihn die Stadt nicht los, wie er in einem Interview bekannte.

Roger Cicero ist tot. Der Sänger verstarb bereits am Donnerstag im Alter von 45 Jahren an einem Hirnschlag, wie sein Management am Dienstag bekannt gab. Mit der Berliner Morgenpost sprach der Künstler im vergangenen November in einem Interview über seine Liebe zu seiner Heimat Berlin.

Berliner Morgenpost: Sie sind eigentlich Berliner, aber der Stadt untreu geworden.

Roger Cicero: Das war gar nicht so geplant, aber das Studium hat mich sozusagen weggetrieben. Zurzeit lebe ich in Hamburg. Alleine, aber in einer festen Beziehung.

Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht nach Berlin?

Ich muss sagen, dass mein Lebensmittelpunkt jetzt schon sehr lange in Hamburg ist und mir eigentlich immer erst auffällt, dass ich Berlin vermisse, wenn ich in Berlin bin. Sobald ich in der Stadt ankomme, bin ich immer Feuer und Flamme und genieße dieses Aufregende und Pulsierende, das man eben nur dort findet. Wenn ich den Funkturm sehe, schlägt mein Herz höher. Glücklicherweise ist es von Hamburg ja global gesehen nur ein Katzensprung und ich bin oft in Berlin.

Ihr Vater war der berühmte Jazzpianist Eugen Cicero, Sie haben bisher vor allem Swing, Jazz und auch Pop gemacht. Kehren Sie nun zu Ihren Wurzeln zurück?

„The Roger Cicero Jazz-Experience“ ist ja nicht mein erstes Jazz-Album, ich habe auch schon andere reine Jazz-Alben aufgenommen. Aber mit meinem deutschen Bigband-Swing waren die Popanteile immer sehr groß, das ist richtig. Auch wenn wir dabei vieles „verswingt“ dargeboten haben. Teilweise sind auf dem jetzigen Album schöne Singer-Songwriter-Kompositionen dabei, die auch in die eher poppige Richtung gehen. Zum Beispiel die Ballade „From the morning“.

War das neue Album Ihre Idee?

Vor etwa zwei Jahren hatte ich ein tourfreies Jahr und wollte ein Jazzprogramm auf die Bühne bringen – mit kleiner Besetzung. Ein Album war erst gar nicht geplant. Aber es stellte sich natürlich sofort die Frage nach dem Repertoire. Ich habe meinen Computer aufgeklappt und dann, ungeachtet der Stilrichtung, geguckt, welche Stücke mich anspringen. Manche haben mich schon lange begleitet, sind mir wichtig und alle berühren mein Herz.

Ist Ihnen die Auswahl leichtgefallen?

Bei vielem dachte ich: ‘Oh, das muss aber unbedingt mit rein.’ Relativ fix hatte ich eine Liste mit 15 Titeln beisammen, die ich gerne mit meiner Band spielen wollte. Dann haben wir noch eine Auswahl getroffen, sodass zehn übrig blieben. Die ursprüngliche Initiative lag bei mir, was dann daraus geworden ist, war eine reine Band-Angelegenheit. Wir sind die Umsetzung völlig frei angegangen, haben uns jedem Stück individuell genähert und Jazz-Arrangements daraus gemacht. Normalerweise geht jedes Bandmitglied nach Hause, arrangiert um und kommt mit Noten wieder. Aber wir haben uns alles gemeinsam erspielt. Deshalb ist alles auch aus einem unglaublichen Guss, wie ich finde. Auch wenn die Stücke alle sehr unterschiedlich sind, weil jedes von einem anderen Komponisten stammt, ist trotzdem ein eindeutiger roter Faden erkennbar. Dass man so arbeitet, ist nicht selbstverständlich. Ein sehr schöner Prozess mit viel Kreativität, den wir so noch nicht erlebt haben.

Wer hat Ihnen geholfen?

Natürlich meine Band. Mir war klar, ich wollte nur von einem Trio begleitet werden, Klavier, Bass und Schlagzeug. Matthias Meusel sitzt am Schlagzeug, Maik Schott am Klavier und Hervé Jeanne spielt Bass. Wir spielen das Programm jetzt seit zwei Jahren, zwischendurch haben wir das Album aufgenommen. 2015 haben wir bereits mehr als 20 Konzerte gespielt. Im nächsten Jahr wird es weitere Tourtermine geben.

Diesmal ist das ganze Album auf Englisch. Funktioniert Jazz nur in dieser Sprache?

Eigentlich war es gar keine Absicht, sondern lag einfach an der Stückauswahl, und dass diese dann zufällig englische Texte hatten. Offensichtlich höre ich mehr englische Lieder als deutsche. Aber reiner Zufall war es auch nicht, denn im Moment geht mir beim Jazz die englische Sprache noch leichter über die Lippen. Mal gucken, ob das so bleibt. Ich empfinde sie als biegsamer und etwas weicher. Sie ist deshalb in dieser Musik, wo viel improvisiert wird, sehr willkommen. Gerade wenn wir live spielen, ähnelt kein Abend dem anderen. Es ist eine sehr improvisationsfreudige Angelegenheit.

Singen Sie nur oder haben Sie beim Einspielen auch ein Instrument übernommen? Immerhin sind Sie ja auch am Klavier und an der Gitarre ausgebildet.

Ich habe mich bei diesem Album voll und ganz auf meine Stimme konzentriert.

Sie scheinen die Lieder diesmal nicht so zu schmettern, wie sonst oft von Ihnen zu hören. Woran liegt das?

Das stimmt. Es liegt einerseits natürlich an den Stücken selber, andererseits ist durch die Besetzung auch Zeit dafür, sich einmal ein bisschen zurückzunehmen, stärker auf den Ausdruck zu achten. Ich muss nicht genauso laut sein wie ein Orchester. Das ist ein ganz anderer energetischer Ansatz.

Sie feiern aktuell auch große Erfolge mit ihren „Cicero sings Sinatra“-Konzerten. Im kommenden April führt sie die Tour nach Berlin.

Ja, damit haben wir in der Tat einige Hallen gefüllt, aber im Sommer einmal auch den Gendarmenmarkt. Im nächsten Jahr wird die Tour fortgesetzt.

Was macht eigentlich Ihre Schauspielerei?

Es war nie meine Priorität, das mit großem Einsatz weiterzuverfolgen. Aber wenn es sich anbietet, macht es mir immer großen Spaß. Ich hab so viel zu tun mit meinem Beruf als Sänger und Musiker, sodass es hier und da höchstens mal zu kleinen Gastauftritten kommt. So wie neulich in der ARD-Serie „Großstadtrevier“. Natürlich hat mir das großen Spaß gemacht.

Gibt es jemanden, mit dem Sie in Zukunft unbedingt zusammenarbeiten wollen?

Ich hatte schon großes Glück, mit Xavier Naidoo, Sasha oder Yvonne Catterfeld zusammenzuarbeiten. Aber ganz oben auf meiner Liste steht natürlich Stevie Wonder. Auch wenn ich weiß, dass die Chance dazu relativ klein ist.

Sie engagieren sich bei der Kinderrechtsorganisation Save the children, aber auch für andere soziale Zwecke. Geht es dabei zurzeit auch um das Thema Flüchtlinge?

Ja, ich engagiere mich schon seit mehreren Jahren bei Save the children, die sich momentan auch sehr stark für syrische Kinder einsetzt.