Comeback

Paddy Kelly will kein Mönch sein - und macht wieder Musik

| Lesedauer: 9 Minuten
Annika Schönstädt

Foto: Gregor Hohenberg

Mit der Kelly Family füllte er Stadien und eroberte Teenagerherzen. Nach einer Auszeit im Kloster meldet er sich jetzt unter seinem vollen Namen Michael Patrick Kelly und mit dem Album „Human“ zurück.

Geboren in einem Wohnwagen in Dublin, dann Schlossbewohner und Auslöser von Mädchenhysterie in ganz Europa – und schließlich Mönch in einem französischen Kloster: Das Leben von Paddy Kelly war in der Vergangenheit von Gegensätzen geprägt. Jetzt hat das ehemals drittjüngste Mitglied der Kelly Family mit „Human“ ein Album unter seinem Geburtsnamen Michael Patrick Kelly veröffentlicht. Im Interview nach seinem Berlin-Konzert am Montagabend erzählt der 37-Jährige, wie es sich anfühlt, heute „An Angel“ im Radio zu hören, welche Vorteile es hat, mit Musikern zu arbeiten, mit denen man nicht verwandt ist, und warum er gern auf rote Teppiche verzichtet.

Berliner Morgenpost: Warum veröffentlichen Sie Ihre neues Album unter Ihrem vollständigen Namen Michael Patrick Kelly? Ihr Spitzname Paddy Kelly hat doch viele mehr Wiedererkennungswert.

Michael Patrick Kelly: Kommerziell gesehen wäre es vielleicht klüger gewesen, bei meinem Spitznamen zu bleiben. Meine Familie und meine Freunde nennen mich auch nach wie vor Paddy. Es ist aber so, dass ich mit meinem neuen Album zu dem Namen zurückkehren wollte, den meine Eltern mir als Baby gegeben haben. Der Name, der auch eines Tages auf meinem Grabstein stehen wird. Für mich beginnt gerade ein dritter Lebensabschnitt. Das erste Kapitel war die Zeit mit der Kelly Family, das zweite Kapitel war die Zeit im Kloster und jetzt beginnt mit dem Album das dritte Kapitel. Die Rückkehr zu meinem Geburtsnamen erschien mir also als natürlicher Schritt, weil ich mit dem Titel “Human” und den Songs auf der Platte, die Ursprünglichkeit des Menschseins und dessen Verhalten ergründen möchte.

Sie wollten sich also nicht bewusst von der Zeit mit der Kelly Family distanzieren?

Es ist einfach etwas Neues. Die beschriebenen drei Kapitel haben eben auch drei Namen. Als Teenager war ich Paddy, als Mönch war ich John Paul Mary und jetzt bin ich Michael Patrick.

Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie einen Song der Kelly Family im Radio hören?

Es freut mich immer. Für mich waren das Meilensteine, die mir vieles ermöglicht haben und die sehr viele Menschen berührt haben. Ich bin immer wieder erstaunt, was passiert, wenn ich auf einem Konzert einen der alten Songs singe. Manchmal haben Zuschauer sogar plötzlich Tränen in den Augen.

Die Fans sind also die gleichen geblieben?

Das kann man so nicht sagen. Einige waren schon in den 90er-Jahren bei unseren Konzerten und wollen jetzt 20 Jahre später noch einmal das gleiche Gefühl erleben. Andere kennen mich vielleicht von YouTube und wieder andere haben von der Kelly Family noch nie etwas gehört.

Wie fühlt es sich an, wenn Sie einen Ihrer neuen Songs im Radio hören?

Das ist schon sehr unwirklich. „Shake Away“ spiegelt meine aktuelle Gemütslage sehr gut wider und den Song dann im Radio zu hören ist schon was Cooles.

Wenn Sie jetzt auf Promo-Tour für das neue Album unterwegs sind oder auf der Bühne stehen, ist es dann im Vergleich zu früher nicht manchmal ein bisschen einsam?

Ich bin eigentlich nie alleine. Im Studio sind oft andere Songwriter und Musiker dabei, mit denen ich kreativ Ping Pong spielen kann und auf Tournee weicht die Band kaum von meiner Seite. Und im Moment bin ich ja auch alle paar Tage wieder zu Hause.

Was ist denn der größte Vorteil daran, mit Musikern zusammen zu arbeiten, die nicht die eigene Familie sind?

Wenn man mit seiner Familie arbeitet, ist es manchmal schwierig, das Persönliche außen vor zu lassen. Jeder Künstler hat ein Ego und das kann schnell von der eigentlichen Sache ablenken. Ich habe jetzt mit Musikern zusammen gearbeitet, die auch mit Udo Lindenberg und Jan Delay arbeiten. Die gehören für mich zu den besten Musikern Deutschlands und das ist dann einfach ein wahnsinnig professioneller, kreativer Input. Es ist toll, wenn man das erfahren darf.

Sie haben es vorhin schon angedeutet, aber was genau ist das Thema Ihres neuen Albums?

Musikalisch ist es ein Folk-Pop-Album. Da liegen meine Ursprünge. Inhaltlich ging es mir darum, verschiedene Facetten der Menschlichkeit zu zeigen. „Little Giants“ zum Beispiel basiert auf wahren Geschichten. Es geht um Kinder und Jugendliche, die heldenhafte Dinge getan haben. In Notsituationen oder bei Katastrophen haben sie zum Teil ihr eigenes Leben geopfert um Andere zu retten. Und wenn jemand sein Leben gibt, um einem anderen das Leben zu schenken, dann ist das für mich Ausdruck größter Menschlichkeit. Aber es gibt auch die andere, die dunkle Seite im Menschen. „Renegade“, der Abtrünnige, ist kriminell. Doch irgendwann muss er feststellen, dass dieses Elend, das er selbst verursacht hat, auf ihn zurückfällt. Für mich sind diese beiden Titel die Pole, zwischen denen sich die anderen Songs auf der Platte bewegen. In denen geht es auch um Liebe, Verlust und die Suche nach dem Glück.

Wie schwer ist Ihnen der Schritt vom Klosterleben zurück ins Musikbusiness gefallen?

Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um wieder im weltlichen Leben Fuß zu fassen. Aber während dieser Zeit habe ich festgestellt, dass die Musik eben doch meine Berufung ist. Dass ich nicht dazu bestimmt bin, ein Leben als Mönch zu führen. Das war eine wichtige Zeit in meinem Leben, aber die Bühne ist eben doch mein Wohnzimmer. Musik zu machen ist irgendwie wie meine zweite Natur.

Der weltliche Musiker war also auch im Kloster nie ganz verschwunden?

Ich habe auch in dieser Zeit Songs geschrieben und Musik gemacht. Es geht nicht ohne. Es gibt ein Zitat von Friedrich Nietzsche: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Das finde ich sehr zutreffend.

Sie hatten also nie den Wunsch, danach etwas ganz anderes zu machen? Der Gegensatz zwischen dem Leben als Mönch und dem Leben als Popstar muss doch sehr extrem sein.

Das stimmt. Mein Leben ist voll von Extremen. Wenn ich mir überlege, dass ich in einem Wohnwagen geboren bin und mit 20 Jahren in einem Schloss gewohnt habe. Oder dass wir als Straßenmusiker angefangen haben und zehn Jahre später große Stadien gefüllt haben. Das ist schon surreal, wenn man zurückschaut. Das Leben im Kloster war noch einmal etwas ganz anderes. Aber jetzt bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich zu mir selbst gefunden habe. Ich bin ruhiger und brauche keine extremen Erfahrungen mehr, um mich zu spüren.

Gehen Sie heute anders mit dem Showbusiness und Ihrer Bekanntheit um?

Heute gibt es keine Massenhysterie mehr, wenn ich irgendwo hingehe. Ich hoffe, das bleibt auch so. Wenn man weiß, wer man ist und was man will, wenn man sich die wichtigsten Fragen des Lebens gestellt und darauf auch Antworten gefunden hat, dann relativiert sich vieles. Ich strebe nicht mehr nach einem Mega-Erfolg. Ich freue mich über jeden einzelnen, der mir sagt, dass er von meinen Songs berührt wurde.

Gibt es Dinge, die Sie heute nicht mehr tun würden?

Ich genieße heute die große Freiheit, selbst zu entscheiden, was ich mache und was nicht. Ich bin kein großer Freund von roten Teppichen. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie die Echo-Verleihung. Da gehe ich hin, um auch Freunden und Kollegen zu begegnen.

Was machen Sie heute, wenn Ihnen mal wieder alles zu viel wird?

Dann mache ich den Hape Kerkeling und bin dann einfach mal weg. Am Ende ist es doch alles eine Frage der Dosis. Ich kann mein Leben verbrennen oder ich mache einfach nur das Nötigste.

Mit der Kelly Family und später mit ihrer christlichen Musik haben Sie sehr polarisiert. Sind Sie mit Ihrem neuen Album im Mainstream angekommen?

Die Kelly Family genießt heutzutage schon fast Kultstatus. Es ist verrückt, wo wir überall Spuren hinterlassen haben. Meine Vergangenheit mit der Familie wird heute weniger belächelt, sondern ihr eher mit Respekt begegnet. Ich hoffe einfach, dass das Album „Human“ vielen Menschen gefällt und Freude bringt.

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