Ehrung

Berlin empfängt Aktivisten, Vorbilder – und Patti Smith

Für die Verleihung des „Ambassador of Conscience Award“ an den Künstler Ai Weiwei kamen Patti Smith, die „Godmother of Punk“ und Chris Dercon, Direktor der Tate Modern, nach Berlin. Ein Ortsbesuch.

Donnerstag, zwölf Uhr, Potsdamer Platz. Eine kleine Gruppe von Demonstranten hat sich an den Mauerresten an der Ecke Ebert- und Potsdamer Straße versammelt. „Meinungsfreiheit kann Mauern zu Fall bringen“ und „Reißt die Mauern der Zensur ein“ steht auf ihren Plakaten geschrieben. Eine Demonstration? Nicht ungewöhnlich in Berlin.

Erst beim zweiten Hinschauen fällt auf, dass hier Musiklegende Patti Smith und ihr deutscher Kollege Clueso zusammen mit Vertretern von Amnesty International für Meinungsfreiheit demonstrieren. Auch Ensaf Haidar, Ehefrau des saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi, ist darunter, um sich für die Freilassung ihres Mannes einzusetzen. Ein Strafgericht verurteilte Badawi am 7. Mai 2014 in seiner Heimat zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockschlägen.

„Der Fall der Berliner Mauer steht für eine friedliche Revolution, in der sich Menschen gemeinsam organisiert und die Meinungsfreiheit erkämpft haben“, sagt Selmin Çalışkan, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland. „In vielen Staaten aber werden nach wie vor Menschen verfolgt, die nichts anderes machen, als friedlich ihre Meinung zu vertreten. Ein Beispiel ist der saudi-arabische Blogger Raif Badawi. Wir stehen hier auch, um gemeinsam mit seiner Ehefrau Ensaf Haidar seine bedingungslose Freilassung zu fordern.“

Joan Baez und Ai Weiwei werden ausgezeichnet

Anlass der Aktion ist die Verleihung des „Ambassador of Conscience Awards“ am Abend im Haus der Berliner Festspiele an der Schaperstraße. Der Preis, der von der Menschenrechtsorganisation an Künstler und Aktivisten vergeben wird, die sich durch ein herausragendes, langjähriges Engagement für die Menschenrechte auszeichnen, geht in diesem Jahr an die US-amerikanische Folk-Sängerin, Bürgerrechtlerin und Pazifistin Joan Baez sowie an den chinesischen Künstler Ai Weiwei.

„Der Ambassador of Conscience Award ist eine Ehrung für einzigartige Menschen, die mit ihrem Talent und Engagement viele andere angespornt haben, Unrecht persönlich zu nehmen. Joan Baez und Ai Weiwei haben diese Auszeichnung mehr als verdient. Sie sind eine Inspiration für Tausende Menschenrechtsverteidiger in Amerika, Asien und der ganzen Welt“, so Salil Shetty, Internationaler Generalsekretär von Amnesty International.

Baez, die sich in den 60er-Jahren gegen die Rassentrennung in den USA und gegen den Vietnamkrieg einsetzte, in Kalifornien eine Abteilung von Amnesty International mit aufbaute und sich bis heute gegen Homophobie, den Einsatz von Landminen und für Flüchtlinge engagiert, ist dafür persönlich nach Berlin gekommen. Anstelle von Ai Weiwei soll Chris Dercon, Direktor der Tate Modern in London, den Preis entgegennehmen. Der regimekritische Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator wird in seiner Heimat an der Ausreise gehindert. Ihm wird nach eigenen Angaben Bigamie, illegaler Devisenhandel und Verbreitung von Pornografie vorgeworfen.

„Manchmal hilft schon ein Song oder ein Lächeln“

„Ai Weiwei ist ein außergewöhnlicher Künstler, ich würde ihn sehr gern kennenlernen“, sagte Joan Baez am Nachmittag bei der anschließenden Pressekonferenz im Hotel „Mandala“ an der Potsdamer Straße. Zusammen mit Chris Dercon, Patti Smith, die zur Gala ebenfalls als Rednerin geladen ist, sowie Selmin Çalışkan und Bill Shipsey von Amnesty International spricht die Musikerin über vergangene und zukünftige Einsatzgebiete im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen und über den Mut zu handeln.

„Viele Menschen haben Angst, ein Risiko einzugehen und alleine ist es nicht leicht“, so Baez. „Deshalb suchen Sie sich Menschen, mit denen Sie zusammen etwas bewegen können. Und tolerieren Sie niemals Ungerechtigkeit.“ Deutschland und alle anderen westlichen Länder fordert Baez auf, ihre Flüchtlingspolitik zu überdenken. „Wenn ich sehe, mit welchen Mitteln die USA ihre Grenzen schützen, finde ich das sehr beschämend.“

Beeindruckt von ihrer Kollegin zeigte sich Patti Smith. „Ich bin ihr und Amnesty International sehr dankbar für ihren Einsatz“, so die Sängerin. Sie selbst sehe sich nicht als Aktivistin, sondern eher als Künstlerin und Humanistin. Aber auch auf diese Weise versuche sie, jeden Tag aufs Neue etwas zu bewegen.

„Mir ist klar, dass wir niemals alle Probleme auf der Welt lösen können“, so Smith. „Aber manchmal hilft schon ein Song, ein Lächeln, ein Gebet oder einem Kind, das gestürzt ist, aufzuhelfen, um etwas zu verändern.“ Als Mutter wolle sie vor allem für ihre Kinder eine bessere Welt hinterlassen. „Also bin ich jeden Tag dankbar, am Leben zu sein, und schaffe es auf diese Weise, den furchtbaren Dingen ins Gesicht zu sehen. Wir sollten der kommenden Generation ein gutes Vorbild sein.“