Musiker und Schauspieler

Was Marius Müller-Westernhagen 2015 vorhat

Um Marius Müller-Westernhagen ist es ruhig geworden. Große Konzerttourneen und glamouröse Auftritte hat er in den vergangenen Jahren seinen Kollegen überlassen. Ein Gespräch über seine neuen Pläne im Jahr 2015.

Foto: Tim Brakemeier / dpa

Marius Müller-Westernhagen ist Musiker und Schauspieler. Er weiß, wie er Sätze mit Gesten unterstreichen kann. So auch an diesem kühlen Wintertag in Berlin. Westernhagen sitzt auf einer schweren Ledercouch, den rechten Arm hat er auf die Seitenlehne gelegt. Ab und zu winkelt er ihn beim Reden an, dann sind sein Handrücken und ein schwerer Ring zu sehen. Eine Geste, die man auch von Monarchen kennt, wenn sie auf dezente Weise ihre Untertanen grüßen wollen. „Ich bin einfach nur ein Musiker“, sagt Westernhagen. „Du stehst morgens auf und schaust in den Spiegel – und du siehst nur dich selbst. Nix mit Star.“

Eigentlich soll es bei diesem Gespräch um seine neue Tour gehen, die im Herbst startet. Westernhagen will wieder in den größeren Hallen spielen und einige seiner Hits singen, nachdem er zuletzt in kleineren Klubs aufgetreten war und sein Album „Alphatier“ am Stück präsentierte. Aber es geht um mehr. Um das Alter, guten Stil und das spezielle Verhältnis zwischen einem Künstler, der neue, schöne Lieder hat und einem Publikum, das eben „Sexy“ oder „Freiheit“ hören will. Er klingt nicht verbittert, wenn er davon erzählt, sondern sehr klar. Auch wenn man fragen kann: Was für eine Geschichte ist Marius Müller-Westernhagen? Grönemeyer ist der deutsche Über-Sänger. Udo Lindenberg irgendwie kultig, er ist unter anderem bei den Feiern zu 25 Jahre Mauerfall am Brandenburger Tor aufgetreten.

Und Westernhagen? Mit solchen Fragen will er sich nicht aufhalten. „All die Entscheidungen, die ich getroffen habe – beispielsweise als ich 1999 sagte, ich hör auf mit Stadionkonzerten – haben sich im Endeffekt gelohnt. Ich kann auch heute noch in den Spiegel gucken“, sagt er. Findet er es gut, dass bei den Konzerten dennoch Menschen seine Hits mitsingen – auch ohne den Bombast einer Stadionshow, den er nicht mehr wollte? „Es ist sehr bewegend. Manchmal ist es auch irritierend, wenn die Leute nicht im Takt singen. Was aber noch viel störender ist: Sie können nicht auf die eins und drei klatschen“, sagt Westernhagen und lacht. „Die Chefin der ‚Vogue‘ hat mal gesagt: Wir dürfen nicht die Leute fragen, was guter Geschmack ist. Sondern wir müssen den Leuten zeigen, was guter Geschmack ist. In der Musik ist es ähnlich.“

Stil ist ihm wichtig, sagt Westernhagen, vielleicht ist das die Geschichte, die er uns erzählen möchte. Stil ist mehr als Mode, sagt Westernhagen. Es sei kaum zu glauben, wie oft er gefragt worden sei, „Freiheit“ bei einem Mauerfall-Jahrestag zu singen. Einmal sogar, um auch am Brandenburger Tor aufzutreten, wie Lindenberg. „Aber ich habe eine natürliche Scham-Schwelle. Es gibt einfach Dinge, die macht man nicht, nicht für Erfolg oder für Geld. Für mich hätte das bedeutet, dass ich diesen historischen Zusammenhang ausnutze. Und das erzeugt bei mir Ekel.“

Mit 66 Jahren hat Westernhagen dann doch eine neue Tour geplant. Im Oktober kommt er nach Berlin, in die O2 World. Ob es Szenen vom Publikum wie damals geben wird, als er noch die Stadien füllte? „Es ging so weit, dass mir bei Konzerten kleine Kinder hochgereicht wurden“, erzählt Westernhagen. Und lacht. Und dann spürt man, dass er sich doch wieder auf eine große Tour, auf seine Auftritte in diesem Jahr freut.

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