Christian Louboutin

„Ich finde nichts falsch daran, 6000 Paar Schuhe zu besitzen“

Nach einem Paar seiner sündhaft teuren Schuhe verzehren sich Frauen auf der ganzen Welt. Mit einer Dokumentation versucht Regisseurin Farida Khelfa, den Designer Christian Louboutin zu ergründen.

Foto: Reto Klar

Nach einem Paar seiner sündhaft teuren Schuhe mit den schwindelerregend hohen Absätzen verzehren sich Frauen auf der ganzen Welt. Mit der Dokumentation „Louboutin – High Heels aus Paris“ (Arte, 27. September, 22.55 Uhr) versucht Regisseurin Farida Khelfa den Mann und den Mythos hinter den roten Sohlen zu ergründen. Zur Premiere lädt Christian Louboutin am Montag in die Französische Botschaft.

Berliner Morgenpost: Wie fühlt es sich an, dass ein Film über Sie gemacht wurde?

Christian Louboutin: Ich hatte ehrlich gesagt noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Film wurde in den letzten zwei Jahren gemacht, aber es gab auch immer wieder lange Perioden, in denen nicht gefilmt wurde. Ich hatte also nicht ständig das Gefühl, Teil von Dreharbeiten zu sein. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, weil ich gar keine Erwartungen hatte. Zuerst habe ich gedacht: Oh Gott, ich sehe furchtbar aus. Aber nach fünf Minuten war es okay. Ich bin ja auch kein Schauspieler oder Model. Danach habe ich fast vergessen, dass es in dem Film um mich geht.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für Frauenschuhe?

Frauenschuhe berühren nicht nur die Füße, sondern haben einen Einfluss auf den ganzen Körper. Ich mag, was Schuhe mit Frauen machen. Ich mag das Geräusch, einfach alles. In vielen bourgeoisen Pariser Familien spielt Kunst eine große Rolle. Eltern ermuntern ihre Kinder dazu, ihre Kreativität auszuleben. Es gibt gerahmte Zeichnungen an den Wänden. Ich hatte das alles nicht, diesen künstlerischen Hintergrund. Als Kind habe ich in einem Museum in Paris ein Verbotsschild mit einem durchgestrichenen High Heel gesehen. Solche Schuhe existierten in meiner Welt gar nicht. Trotzdem habe ich danach angefangen, Schuhe zu zeichnen. Das war keine bewusste Entscheidung, es ist einfach passiert. Bis heute fängt für mich alles mit einer Zeichnung an.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie ihnen verkündet haben, Sie wollen Schuhdesigner werden?

Ich habe eine ganz tolle Familie. Ich wurde sehr frei erzogen und niemals verurteilt. Das ist sehr wichtig. Deshalb urteile ich auch nicht über andere Menschen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Meine Eltern haben mich immer ermutigt. Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich Schuhe zeichne, hat sie gesagt: Das ist fantastisch. Sie hat sogar viele meiner frühen Zeichnungen aufgehoben. Meine Mutter ist 1991 gestorben, noch bevor ich mein Label gegründet habe. Aber als vor Kurzem ein Buch über mich veröffentlicht wurde, hat meine Schwester mir einen Umschlag mit diesen Zeichnungen geschickt.

Was für eine Frau haben Sie vor Augen, wenn Sie Ihre Schuhe designen?

Showgirls. Nicht nur im klassischen Sinne, sondern eine Frau, die in Bewegung ist, die mit verschiedenen Rollen und ihrer Weiblichkeit spielt. Eine Erweiterung des Showgirls.

Gibt es dementsprechend auch Frauen, an denen Sie Ihre Schuhe nur ungern sehen?

Nein, weil ich immer wieder überrascht bin, wie Frauen die Schuhe kombinieren. Ich habe kein Interesse daran, komplette Outfits zu entwerfen. Deshalb finde ich es interessant, was Frauen daraus machen. Anstelle zu sagen: Oh Gott, das sieht furchtbar aus, denke ich: Das ist eben die Persönlichkeit der Frau. Das muss ich respektieren. Ich kann nicht erwarten, dass sich Leute gemäß bestimmter Standards verhalten.

Kaufen deutsche Frauen andere Modelle Ihrer Schuhe als französische oder amerikanische Frauen?

Ja, die Kultur spielt immer eine Rolle. Aber auch die Tatsache, wo man lebt. Heidi Klum kauft andere Schuhe als eine Deutsche, die auch in Deutschland lebt. Frauen, die in Berlin leben, laufen meist sehr viel. Frauen in Los Angeles fahren sehr viel mit dem Auto. Also können Sie auch High Heels mit kilometerhohen Absätzen tragen. Das spielt eine große Rolle. In meinem Store in Los Angeles gibt es ganz andere Schuhe als in New York, weil die Leute ganz anders leben.

Wissen Sie, welchen Schuh Sie in Berlin am besten verkaufen?

Das weiß ich sogar sehr genau. Es ist ein schlichter Pump mit einem geraden Absatz in zwei Farben. Einmal in Nude. Ein Schuh, der komplett mit der Silhouette verschmilzt. Und einmal in Schwarz mit einem kleinen Plateau. Das macht den Schuh bequemer. Das ist sehr Berlin.

Sie selber tragen gerne Flip Flops. Spielt Bequemlichkeit eine Rolle, wenn Sie Schuhe designen?

Nein. Ich mache schließlich keine Flip Flops. Ich habe eine andere Herangehensweise. Man soll sich in meinen Schuhen wohlfühlen, aber eben anders als in Flip Flops. Wenn ich einen Schuh designe, möchte ich, dass die Frauen denken: Wie wunderschön und sexy. Nicht: Oh, wie bequem. Es würde mich nicht glücklich machen, wenn das die erste Assoziation ist, die Leute zu meinen Schuhen haben. Wenn sie trotzdem bequem sind, ist das okay. Ich habe nichts gegen Dr. Scholl’s Schuhe, aber ich bin auch kein Arzt.

Wie viele Paar Schuhe braucht eine Frau?

Das hängt von der Größe ihres Apartments ab. Wenn man eine Frau fragt, die Schuhe mag, wird sie immer sagen: Man kann nie genug Schuhe haben. Die ehemalige philippinische First Lady Imelda Marcos ist das Sinnbild dafür. Sie hat daraus ein Markenzeichen gemacht. Sie hatte 6000 Paar Schuhe. Nur Männer denken, dass das verrückt ist. Ich glaube, jede Frau, die das Geld und den Platz hat, wäre sehr glücklich mit 6000 Paar Schuhen. Ich finde nichts falsch daran. Aber generell braucht man ein Paar, das bequem ist – dafür kauf man nicht meine Schuhe –, ein Paar Schuhe in Nude, ein gutes Paar schwarze Pumps, ein Paar Halbstiefel und ein Paar mit Schmuck verzierte – das können auch flache Sandalen sein –, um seine orientalische Seite zum Vorschein zu bringen.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Prominente Ihre Schuhe tragen?

Wenn Prominente, die sich alles leisten können und alles zur Verfügung haben, sich trotzdem für meine Schuhe entscheiden, dann finde ich das ein sehr schönes Kompliment.