Musik

Soheil Nasseri ist der Klassik-Missionar von Prenzlauer Berg

| Lesedauer: 4 Minuten
Laura Fölmer

Foto: Krauthoefer

Vor acht Jahren zog der Star-Pianist Soheil Nasseri nach Berlin, um vor allem junge Menschen mit seiner Klassik zu begeistern. Längst hat er viele Freunde gefunden - und ist begeistert von Europa.

Eigentlich steht Soheil Nasseri überhaupt nicht auf Fußball. Fans, die sich jedes Spiel anschauen, Stunden vor der Übertragung bereits vor dem Fernseher sitzen – für den Mann mit den iranischen Wurzeln ist das unbegreiflich. Dennoch erinnert er sich gerne an 2006 zurück, lächelt, wenn er von seinen ersten Wochen in Berlin erzählt. „Ich habe mich sehr schnell eingelebt, hatte sogar nach zehn Tagen eine Freundin“, sagt der 35-Jährige und lächelt selbstbewusst. „Die Fußball-WM war mein Glück. Man kommt eben beim Public-Viewing schnell unter Leute.“

Mittlerweile braucht der Pianist, der in den USA bereits zu den Großen der Klassik-Szene zählt, keinen Fußball mehr, um Kontakte zu anderen Berlinern zu pflegen. Nach acht Jahren habe er einen sehr großen Freundeskreis, erzählt Nasseri, den wir zum Interview im Café Bracas an der Kastanienallee treffen. „Ich genieße es, mich mit anderen Künstlern, Filmregisseuren, Journalisten, Diplomaten und Schriftstellern zu umgeben. In Berlin treffe ich Leute in meinem Alter, die klassische Musik lieben. Das ist wirklich selten.“

Diese seiner Meinung nach seltene Tatsache war jedoch ausschlaggebend für die Entscheidung des Amerikaners, seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin zu verlegen. Zuvor lebte der Pianist, der zuletzt in der Berliner Philharmonie zu hören war, in New York. Irgendwann war er es jedoch leid, nur auf ältere Klassikliebhaber zu treffen. „New York ist ein spannender Ort, aber in Deutschland, da gehört klassische Musik einfach zur Kultur dazu“, sagt Nasseri. „Ich war schon immer sehr auf dieses Land fixiert. Beethoven ist seit meiner Kindheit mein Held.“

Schon als Kind liebte Soheil das Klavier

Bereits im Kindergarten habe Soheil das Klavier kennen und lieben gelernt, mit sieben erzählte er jedem, dass er Konzertpianist werden würde. „Das Klavier war wie ein Spielzeug für mich“, sagt der Musiker. „Mit 16 wurde mir dann bewusst, dass ich das auch irgendwann in die Tat umsetzen müsste.“ Er schmiss die Schule, kämpfte, um sich seinen Traum erfüllen zu können. „Ich hatte kein Netz, keinen Plan B, nur die Überzeugung, dass ich nichts anderes in meinem Leben machen wollte.“

Mit 22 Jahren gab Soheil Nasseri sein erstes Konzert in der „Liederkranz-Foundation“ in New York. Beim Auftritt in der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft in der Upper East Side spielte er Beethoven, Schumann und Brahms – seine deutschen Lieblinge. Sein erster Lehrer in New York war Karl Ulrich Schnabel, der Sohn des österreichischen Pianisten Artur Schnabel, der seine Verbundenheit zu Europa noch weiter festigte.

„Musik ist für mich wie eine Religion“

Er habe sich regelrecht in Europa verliebt, gibt Soheil Nasseri heute zu. Hier müsse man nicht erklären, was Klassik ist. Deshalb entschied er sich, den Schritt über den Atlantik zu wagen, um hier seiner Passion nachzugehen und sich mit Menschen, die die gleiche Leidenschaft haben, zu umgeben. Den Großteil seiner Konzerte spielt er zwar in den USA, jedoch versuche er immer, so schnell wie möglich nach Berlin zurückzukommen. „Musik ist für mich ein bisschen wie eine Religion. Für mich ist es eine Lebensaufgabe, die Menschen zu missionieren und sie für klassische Musik zu begeistern.“ Nahezu allergisch reagiert er deshalb auf Kollegen wie den Geiger David Garrett. „Er spielt nach meinem Empfinden gar keine Klassik, aber es gelingt ihm, sich so zu vermarkten. Ich würde lieber verhungern, als meine Klassik aufzugeben.“ Dass es soweit jedoch noch nicht ist, beweisen seine ausverkauften Konzerte in den USA.

Nach den Tourneen sei sein Leben in Berlin geordnet, sagt Soheil Nasseri. Täglich übe er mehrere Stunden an seinem Flügel in Prenzlauer Berg, danach treibe er Sport, und abends gehe er mit Freunden aus. Am liebsten in seinem Kiez rund um die Schönhauser Allee. Man kennt ihn im Berliner Nachtleben, er ist Stammgast in der „Bravo Bar“ oder im „King Size“ an der Friedrichstraße. Und dort hätten seine Missionarstätigkeiten schon Früchte getragen, sagt Nasseri. Immerhin saß der Türsteher des „King Size“ bei seinem letzten Konzert in der ersten Reihe.

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