Grüne Woche

Gefährdete Nutztiere durch "Aufessen" erhalten

Auf der Grünen Woche stellt Antje Feldmann die Arbeit der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeten Haustierrassen vor.

Vereins-Geschäftsführerin Antje Feldmann mit einem Pustertaler Rind.           Foto: Maurizio Gambarini/Funke FotoServices

Vereins-Geschäftsführerin Antje Feldmann mit einem Pustertaler Rind. Foto: Maurizio Gambarini/Funke FotoServices

Berlin. In einem kleinen Gehege der Tierhalle liegt Oda auf dem Stroh, von neugierigen Besuchern lässt sich die Kuh nicht aus der Ruhe bringen. Das Pustertaler Rind ist eines der letzten seiner Art. In diesem Jahr wurde die Rinderrasse ebenso wie der Westerwälder Kuhhund von der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeten Haustierrassen“ (GEH) zur „Gefährdeten Nutztierrasse 2020“ bestimmt.

„Insgesamt gibt es in Deutschland 176 bedrohte Nutztierrassen, von denen wir wissen“, sagt Antje Feldmann, die seit fast 30 Jahren hauptamtliche Geschäftsführerin der GEH ist. Der Verein wurde 1981 gegründet, seit 1984 veröffentlicht er einmal pro Jahr die sogenannte rote Liste mit allen gefährdeten Rassen.

„Die Leute wollen halt kein Fett mehr essen“

Weltweit gebe es noch bekannte 8800 Nutztierrassen. In Deutschland ist seit 1975 keine Nutztierrasse mehr ausgestorben. Das war das deutsche Weideschwein. Es habe fast ausschließlich im Freien gelebt, wurde von Hirten begleitet und fand draußen sein Futter.

Noch immer sei die Schweineerhaltung der schwerste Bereich ihrer Arbeit, so Feldmann. Alle Schweinerassen stünden heute auf der roten Liste der GEH. Grund dafür sei in erster Linie, dass nur noch sogenannte Hybridtiere gezüchtet werden. Dabei handle es sich um Mischrassen, die nur für ihre Schlachtung herangezogen werden. Insbesondere Magerfleischschweine seien beliebt: „Leute wollen halt kein Fett mehr essen“, sagt Feldmann.

Doch besonders in Zeiten des Klimawandels sei die Erhaltung aller Nutztiere wichtig. „Wir wissen nicht, was noch gebraucht wird“, sagt Feldmann. Das Futter und die Felder würden sich ändern, da gebe es einige Rassen, die damit besser klar kommen als andere. „Wir sollten uns alle Optionen offen halten“, so die Geschäftsführerin.

Vergleichbar mit gedrillten 100-Meter-Läufern

Um die Relevanz zu verdeutlichen, vergleicht Feldmann die Tiere mit menschlichen Leistungssportlern. Hochleistungstiere seien vergleichbar mit gedrillten 100-Meter-Läufern, Nutztierrassen hingegen mit Zehnkämpfern: Im Wettkampf seien sie vielseitig aufgestellt, würden aber immer gegen die spezialisierte Konkurrenz verlieren. Sich deshalb aber nur auf Hochleistungstiere zu konzentrieren, ignoriere die vielen anderen nützlichen Eigenschaften der Rassetiere.

Dass diese unter den Auswirkungen des Klimawandels besser zurecht kommen als Hochleistungstiere, hat noch einen weiteren Grund: Das Stresslevel der Tiere sei viel geringer und ihre Hitzeresistenz dadurch höher. Feldmann ist selbst Halterin von Schafen und sagt, dass ihre Tiere auch bei sehr heißen Temperaturen so fit seien wie immer. Anders sei es bei Hochleistungstieren anderer Landwirte gewesen, die während der Hitzewelle durch besondere Futteransprüche hohe Kosten verursacht hätten.

Auf der Suche nach Züchtern

Die Aufgabe des Vereins sei in erster Linie die Koordination mit Züchtern. Dazu gehöre es, potenzielle neue Züchter zu suchen und alte zu finden. So könne der Verein Zuchtverbände zusammen bringen und mit ihnen gemeinsam an der Erhaltung arbeiten. Wichtig sei es dabei, die Abstammung der Tiere über Generationen hinweg genau zu dokumentieren, um Inzucht zu verhindern. Die GEH arbeite daran, diese Informationen zu zentralisieren und abzuspeichern.

Darüber hinaus versuche der Verein sein Thema verstärkt an die Öffentlichkeit zu bringen. Dafür sei auch die Grüne Woche wichtig. Dass so viele Nutztierrassen vom Aussterben bedroht sind, sei nicht weit verbreitet, sagt Feldmann. Eine langfristige Veränderung in der Tierhaltung könne aber nicht ohne die Kaufentscheidungen der Verbraucherr passieren. Um das Aussterben wichtiger Nutztierrassen zu verhindern, müsse sich der Mensch die Tiere auch zu Nutzen machen. „Wir können die Tiere nur erhalten, wenn wir sie auch aufessen“, sagt Feldmann. Der Verbraucher solle seine Augen offen halten und Produkte möglichst von lokalen Höfen kaufen.

Elf gefährdete Tierrassen leben in Dahlem

Der GEH setze sich deshalb auch verstärkt für Bildungsarbeit ein. Unter dem Dach des sogenannten „Arche-Projekts“ vernetzen sich seit 1995 bundesweit über 100 Höfe mit gefährdeten Nutztierrassen. Viele von ihnen bieten Führungen für Besucher und Schulklassen an.

Einer davon ist der Berliner Biohof „Domäne Dahlem“. Aktuell leben dort elf gefährdete Tierrassen. Der Betrieb ist Teil des Freilichtmuseums für Agrar- und Ernährungskultur, weshalb er sich besonders gut für Führungen anbiete, so Astrid Masson, Landwirtin auf dem Hof. Jedes Jahr kämen etwa 300.000 Besucher auf den Hof. Ihnen wolle der Betrieb die Kreislaufwirtschaft näherbringen: „Vom Acker auf den Teller ist unser Motto“, sagt Masson.

„In der Stadt sind die Menschen noch stärker von der Landwirtschaft entfremdet als in den ländlichen Regionen“, sagt Masson. Deshalb sei es in Berlin besonders wichtig, Schüler und Erwachsene an das Thema heran zu führen. Die Landwirtin ist wie die GEH der Überzeugung, dass es bei vielen Nutztieren Qualitäten gebe, die momentan nicht geschätzt werden. Das müsse sich ändern.