Grüne Woche

Bedarf nach Bio-Lebensmitteln kann nicht gedeckt werden

Berlin ist Europas größter Markt für Bio-Lebensmittel. Doch Bauern aus Brandenburg können den Bedarf längst noch nicht decken.

Pia Morgenroth hat ihr Bio-Bier auf die Grüne Woche nach Berlin gebracht. Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in der Stadt wächst.

Pia Morgenroth hat ihr Bio-Bier auf die Grüne Woche nach Berlin gebracht. Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in der Stadt wächst.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Hilde Walzog (70) ist ganz zufrieden mit ihrer Wahl. Am Dienstagmittag steht die Rentnerin aus Potsdam an einem Stand in der Brandenburg-Halle und löffelt eine Rübchensuppe. Alle darin verkochten Zutaten sind nach strengsten Bio-Kriterien erzeugt worden. Walzog ist das wichtig, sagt sie. Auch beim Einkaufen im Supermarkt achte sie verstärkt darauf. „Mir ist wichtig, woher die Produkte kommen und wie sie hergestellt worden sind“, erzählt Walzog. „Ich finde, das schmeckt man dann auch.“

So wie die Potsdamer Ruheständlerin denken immer mehr Menschen in der Metropolregion Berlin-Brandenburg. Nach Angaben der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) lag der Gesamtumsatz der regionalen Bio-Branche im vergangenen Jahr bei 580 Millionen Euro, ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zu 2018. Zwei weitere Zahlen: Auch die Zahl der Bio-Supermärkte in der Region legte zu – auf zuletzt 131 Filialen.

Und: Auch bei den großen Playern im Lebensmitteleinzelhandel werden nach Bio-Vorgaben erzeugte Lebensmittel stärker nachgefragt. Rewe etwa meldete zuletzt bei seiner Bio-Eigenmarke einen Umsatzsprung von gut 20 Prozent.

172.000 Hektar Bio-Agrarfläche gibt es derzeit in Brandenburg

Die neue Lust auf Bio-Lebensmittel hat aber einen Haken. Berlin gilt europaweit zwar als größter Markt für Bio-Produkte. Doch Landwirte aus der Region können den Bedarf der Hauptstadt-Bewohner längst nicht decken – und so ist die Klimabilanz von importierten Bio-Erzeugnissen, etwa Tomaten aus den Niederlanden oder Erdbeeren aus Israel, dennoch schlecht. In Berlins Nachbarbundesland Brandenburg wächst die landwirtschaftliche Fläche, die ökologisch bewirtschaftet wird, zwar seit Jahren. Es besteht jedoch weiter Potenzial: 2019 wurden von 1,3 Millionen Hektar Ackerfläche lediglich 172.000 Hektar nach Bio-Kriterien bestellt.

Die Entwicklung sei aber gut, beschwichtigt FÖL-Geschäftsführer Michael Wimmer. Bundesweit habe es in den vergangenen Jahren einen Zuwachs von ökologisch bewirtschafteten Flächen von rund 40 Prozent gegeben. Ob der Bio-Bedarf Berlins bald komplett von Brandenburger Bauern gedeckt werden könne? „Das ist nicht unrealistisch“, sagt Wimmer. Auch das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) ist für eine Studie der Frage nachgegangen, ob sich Berlin regional selbst versorgen könnte.

Nach Angaben der Forscher ergab sich für die in Berlin und Brandenburg lebenden Menschen eine benötigte Agrarfläche von 12.500 Quadratkilometern. Demgegenüber stehen 14.600 Quadratkilometer an landwirtschaftlicher Nutzfläche zur Verfügung. „Die Metropolregion Berlin, sprich Berlin und Brandenburg, ist in der Lage, sich aus sich selbst heraus zu ernähren“, so Zalf-Wissenschaftler Ingo Zasada.

Verbraucherschutz-Senator Behrend will Anteil an Bio-Lebensmitteln in Berlin erhöhen

Berlin wolle den Anteil an Bio-Lebensmitteln, aber auch den Anteil an regionalen Lebensmitteln in Berlin weiter steigern, erklärt der Senator für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Dirk Behrendt (Grüne), auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Insbesondere der Bedarf an Bio-Obst und Bio-Gemüse aus Brandenburg kann derzeit nicht ansatzweise gedeckt werden – hier besteht erheblicher Verbesserungsbedarf“, sagt der Politiker.

Als Beispiel nennt Behrendt die Bio-Brotboxen, die zu Schuljahresbeginn an die Erstklässler verteilt werden. „Ich würde mir wünschen, dass die Bio-Brotboxen für die Erstklässler in Berlin und Brandenburg auch mit Bio-Äpfeln aus Brandenburg gefüllt werden. Stattdessen müssen die rund 60.000 Bio-Äpfel momentan aus dem Alten Land bei Hamburg herangefahren werden“, erklärt der Senator.

Viele Markt-Chancen für Bio-Produkte

Trotz der neuen Markt-Chancen in Berlin schrecken viele Brandenburger Bauern jedoch noch immer vor der Umstellung ihrer Betriebe auf Bio zurück. Nicht nur die Art der Bewirtschaftung müsste sich für viele Landwirte grundlegend ändern. Damit einher gingen auch Investitionen – je nach Art des Betriebes in Millionenhöhe. Dass sich die Ausgaben aber lohnen können, zeigen auch Beispiele auf der Grünen Woche.

Pia Morgenroth (47) etwa hat für die Ernährungsmesse neue Sorten ihres Bio-Biers „G.broi“ dabei. 50.000 Flaschen seien davon im vergangenen Jahr verkauft worden, sagt Morgenroth. Die Zutaten dafür, zum Beispiel Gundermann, Schafgarben oder Brennnesseln, wachsen auf einer Wildkräuterwiese bei Trebbin (Landkreis Teltow-Fläming). Gebraut wird das alkoholhaltige Getränk bei Handwerks-Brauereien in Spandau und Sachsen.

Auch der Bio-Hof Gut Schmerwitz aus Wiesenburg/Mark (Landkreis Potsdam-Mittelmark) wähnt sich auf dem richtigen Weg. „Früher war Bio eine Nische, heute ist das eine Riesen-Industrie“, sagt Jakob Ohst, ein Auszubildender des Hofs. Das Gut liefert Nudeln, Wurstwaren, aber auch Aufstriche, Eier und Säfte an regionale Verkaufsstellen. Um die 12.000 Hennen nach Bio-Kriterien halten zu können, hatte der Betrieb zuletzt 1,5 Millionen Euro investiert. Nun hat das Geflügel noch mehr Platz und ganzjährig Auslauf.

Unternehmer erzeugt Kräuter auf einem Berliner Dach

Dass ökologische Lebensmittel-Erzeugung aber auch in der Stadt funktionieren kann, zeigt Andreas Frädrich in der Berlin-Halle. Auf dem Dach des alten Industriegebäudes Goerzwerk in Lichterfelde baut Frädrich auf fast 2000 Quadratmetern Salzwiesenkräuter an. Die Gemüsesorten von der Küste wie der Meerfenchel, der Helgoländer Wildkohl oder das Meer-Mangold seien besonders widerstandsfähig, kommen also sowohl mit viel als auch mit wenig Wasser aus, sagt Frädrich. Im vergangenen Jahr verkaufte er die ersten Test-Kräuter in der Kreuzberger Markthalle Neun. Mittlerweile hat der Gärtner auch das Interesse einer großen Lebensmittelkette auf sich gezogen.

Nur Bio-zertifiziert werde sein Dachgarten wohl nie sein, erklärt Frädrich. Das Siegel werde nur an Betriebe vergeben, die ihre Produkte auf landwirtschaftlichen Flächen erzeugten. „Wir sind eine urbane Farm“, sagt Frädrich. Und der Anbau-Betrieb stehe genau genommen auf einer Gewerbefläche.