Grüne Woche

Landwirt: Tierhaltung ist auch eine Charakterfrage

Etwa 60 Kilogramm Fleisch essen die Deutschen im Jahr. Wie die Tiere gehalten werden, ist den Verbrauchern immer wichtiger.

Landwirt Ronald Koch aus Brandenburg verkauft an seinem Stand auf der Grünen Woche nur Wurst, die er selbst auf seinem Hof hergestellt hat.

Landwirt Ronald Koch aus Brandenburg verkauft an seinem Stand auf der Grünen Woche nur Wurst, die er selbst auf seinem Hof hergestellt hat.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Kurz vor seinem großen Auftritt streicht Bauer Ronald Koch (53) am Montagvormittag auf der Grünen Woche noch einmal über sein Hemd und wirft einen prüfenden Blick auf die vor ihm liegenden Würste. Nur noch wenige Meter ist Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) von dem Stand entfernt, an dem Koch seine hausgemachten Produkte präsentiert. Dann ist Woidke da. „Alles selbst gemacht, alles ohne Zusätze, alles von eigenen Tieren“, brummt der Landwirt ihm entgegen. Der Politiker nickt.

Für Ronald Koch ist der Auftritt auf der Grünen Woche wichtig. Vor allem Berliner will er ansprechen und die Stadtbewohner raus aufs Land locken. Nur eine halbe Autostunde von Berlin entfernt hat Koch seinen Hof.

Gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern sowie drei weiteren Mitarbeitern bewirtschaftet er den Familienbetrieb in Großmutz (Landkreis Oberhavel). 400 Hektar Land, 200 Rinder und 30 Schweine zählen zu dem Betrieb. Es gibt ein Café und einen Hofladen, in dem ausschließlich selbst hergestellte Waren verkauft werden.

Landwirt zerlegt geschlachtete Tiere selbst

Auf dem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb nördlich von Berlin werden alle 14 Tage zwei Rinder und drei Schweine geschlachtet. Anschließend zerlegt Ronald Koch die Tiere selbst und stellt die Würste her. Woidke gibt er an diesem Tag den sogenannten „Kümmellümmel“ mit. Eine selbst kreierte Spezialität, sagt Koch.

Viel wichtiger als die Meinung des Politikers ist dem Bauer aber, was die Verbraucher über seine Produkte und die Tierhaltung auf dem Hof denken, erzählt er. „Ich kann es mir gar nicht leisten, die Tiere nicht anständig zu halten“, sagt der Landwirt.

Bei Koch auf dem Hof haben die Tiere das ganze Jahr über Auslauf, das Futter für die Vierbeiner baut der Bauer ausschließlich selbst an. Tierhaltung sei auch eine Charakterfrage, sagt Koch. „Wenn ich mehr Geld verdienen will, halte ich die Tiere eng“, so der Brandenburger Bauer.

Lebensmittelhändler unterstützt Tierwohl mit einer halben Milliarden Euro

Verbrauchern sei es wieder wichtiger zu wissen, dass die Tiere gut gehalten werden, bevor sie zu Wurst oder Schnitzel verarbeitet werden, sagt auch der Leiter der Initiative Tierwohl, Alexander Hinrichs. Bundesweit machen unter dem Label rund 6700 Betriebe mit. Damit decke das Siegel derzeit etwa 70 Prozent des in Deutschland erzeugten Hähnchenfleischs und ein Viertel des Schweinefleischs ab.

Rund 500 Millionen Euro hätte der deutsche Lebensmitteleinzelhandel, der hinter dem Label steht, den Bauernhöfen bislang zur Verfügung gestellt, um die Haltung der Tiere zu verbessern.

Landwirte mit dem Siegel würden ihren Viechern beispielsweise mehr Platz bieten und Stroh auf dem Boden der Ställe. Vorgaben gibt es aber auch in den Bereichen Trinkwassersauberkeit und Lichtverhältnisse. Ist das genug? Hinrichs antwortet ausweichend. „Wir wollen nicht den Weg der Revolution gehen, sondern den der Evolution. Unser Ziel ist, in kleinen Schritten dafür zu sorgen, dass es den Tieren besser geht“, erklärt er.

Biofleisch ist deutlich teurer

In Deutschland ist der Fleischkonsum seit Jahren wieder leicht rückläufig. Derzeit verputzt ein Bundesbürger im Jahr etwa 60 Kilogramm Wurst, Schinken und Schnitzel. Verbraucherschützer hatten erst kürzlich die für den Verbraucher verwirrende Kennzeichnung der Produkte kritisiert und die Einführung eines staatlichen Tierwohllabels verlangt. Darüber allerdings diskutiert die Politik noch immer.

Gleichzeitig stellen sich Landwirte aber auch die Frage, was Kunden bereit sind, für mehr Tierwohl auszugeben. Vor allem bei Geflügelfleisch sind die Preisunterschiede immens: Hähnchenbrustfilets, die beim Discounter zum Teil für fünf Euro zu haben sind, kosten in Bio-Qualität um die 30 Euro.

Frank Rothamel ist stellvertretender Vertriebsleiter bei der Fleisch- und Wurstwaren Schmalkalden GmbH. Auf der Grünen Woche verkaufen er und seine Mitarbeiter Bratwurst im Brötchen für 3,50 Euro, aber auch Lachsschinken liegt in der Auslage. Der Mittelständler aus Thüringen zählt in dem Bundesland zu den größeren fleischverarbeitenden Betrieben. Die 350 Mitarbeiter verarbeiten jede Woche rund 50 Tonnen Fleisch. Allein 600 Schweine würden wöchentlich geschlachtet, sagt Rothamel. Verarbeitet würden ausschließlich Tiere von fünf Höfen aus der Region.

Seinen Kunden, zu denen vor allem der große Lebensmitteleinzelhandel zählt, biete das Unternehmen ein Vollsortiment. Aldi, Rewe und Co. erhalten etwa Wurst und Schinken als SB-Ware aus Thüringen, auch Schweineschnitzel und im Sommer Grillfleisch zählen zum Angebot.

Tierhaltung sei seiner Firma sehr wichtig, sagt Rothamel und verweist auf diverse Zertifizierungen. Auch die Geschäftsführung spreche regelmäßig mit den Erzeugern darüber. Bio-Fleisch produziere der Thüringer Mittelständler hingegen kaum. „Das ist ein Randprodukt“, sagt Rothamel.