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Berlins Mahnmale: Orte gegen das Vergessen

| Lesedauer: 7 Minuten
Ina Hildebrandt
„Züge ins Leben – Züge in den Tod: 1938–1939“.

„Züge ins Leben – Züge in den Tod: 1938–1939“.

Foto: Imago images/Schöning

Viele Mahn- und Denkmäler in Berlin erinnern an die Verbrechen, die während der Zeit des Nationalsozialismus begangen wurden​.

Berlin. Obwohl München von den Nazis immer als „Hauptstadt der Bewegung“ tituliert wurde, lag das Machtzentrum des nationalsozialistischen Terrors von 1933 bis 1945 in Berlin. Etliche Mahn- und Denkmäler erinnern an die Grausamkeiten und Verbrechen, die während dieser Zeit begangen wurden​. Eine Auswahl.

Mitte: Mit dem Zug in die Freiheit nach Groß­britannien

Direkt neben dem lebhaften S-, U- und Regionalbahnhof Friedrichstraße ­befindet sich eine eindrucksvolle Kindergruppe aus Bronze. Sie erinnert an das Schicksal vieler Kinder zwischen 1933 und 1945. Die fünf Figuren der einen Seite stehen für die etwa zwei Millionen Minderjährigen, die in diesem Zeitraum den Tod fanden. Das Kinderpaar hinter ihnen ­erinnert an die von England aus organisierten Kinder­transporte auf die Insel. Dank dieser ­Initiative konnten zahlreiche ­jüdische ­Kinder aus Deutschland, Österreich und der damaligen Tschechoslowakei vor der Nazidiktatur gerettet werden. Am 30. ­November 1938 verließ der erste Zug mit 196 Kindern den Bahnhof Friedrichstraße in Richtung Großbritannien. Viele mutige Menschen waren an diesen Aktionen beteiligt.

Züge ins Leben – Züge in den Tod: 1938–1939, Georgenstr. 14, Mitte

Tiergarten: Die mutigen Männer vom 20. Juli 1944

Die Geschichte des Attentats auf ­Hitler durch eine Gruppe um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 wurde sogar von Hollywood verfilmt. Stauffenberg und Helfer wurden im Bendlerblock, dem damaligen Heeresamt sowie Planungsort der Widerstandsgruppe, erschossen. Heute befindet sich hier die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Eine Ausstellung erinnert an den deutschen ­Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Gedenkstätte Deutscher Widerstand Stauffenbergstr. 13, www.gdw-berlin.de

Mitte: Die mutigen Frauen von der Rosenstraße

Mutig waren auch einige Frauen. Ihre jüdischen Ehemänner und Väter, die wegen sogenannten „Mischehen“ lange von der ­Verfolgung verschont blieben, wurden im Februar 1943 doch verhaftet. Man brachte sie in das ehemalige ­Gebäude der jüdischen Sozialverwaltung in der ­Rosenstraße. Eine Woche lang protestierten täglich rund 600 Frauen für ihre Freilassung. Die Männer kamen wirklich frei. Heute erinnert daran ein Denkmal der Berlinerin Bildhauerin Ingeborg Hunzinger.

Frauenprotest 1943, Rosenstraße, Mitte

Tiergarten: In Gedenken an die ­europäischen Sinti und Roma

Wenn man den Simsonweg im ­Großen Tiergarten betritt, sieht man einen Brunnen mit Stele. Aus Lautsprechern erklingen Geigen. Es ist eine vom Musiker Romeo Franz geschriebene Melodie. Das vom Künstler Dani Karavan entworfene Denkmal erinnert an die knapp eine Million im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Europa.

Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, Scheidemannstr. 5, Tiergarten

Grunewald: Mit der Reichsbahn in den Tod

Vom Grunewalder Gleis 17 aus rollten die Deportationszüge in Richtung Osten. Am 18. Oktober 1941 verließ der erste Transport mit 1013 Menschen Berlin. Mit dem Mahnmal erinnert die Deutsche Bahn an die Deportationen mit der Reichsbahn während der Nazizeit. Es besteht aus 186 in den Bahnschotter eingelassenen Stahlgussplatten. Darauf sind chronologisch Datum und Anzahl der deportierten Juden sowie deren Bestimmungsort vermerkt.

Mahnmal Gleis 17, Am Bahnhof Grunewald

Tiergarten: Wo der Mord an Hilflosen organisiert wurde

Das inhumane Euthanasieprogramm der Nazis sah vor, Menschen mit physischen oder psychischen Behinderungen zu töten. Das Denkmal an der Tiergartenstraße erinnert an die Opfer der „Krankenmorde“ von 1939 bis 1945. Von hier aus wurde die Ermordung von Patienten aus Anstalten sowie „rassisch“ und sozial unerwünschter Menschen organisiert.

Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ­„Euthanasie“-Morde, Tiergartenstr. 4, Tiergarten

Moabit: Das frühere Sammellager bei einer Synagoge

Früher befand sich in der Levetzowstraße eine der größten Synagogen Berlins. Die Nazis richteten dort 1941 ein Sammellager für Berliner Juden ein, die in die Konzentrationslager im Osten depor­tiert werden sollten. Am Standort der im Krieg zerstörten Synagoge erinnert ein Mahnmal an ihr Schicksal. Auf einer Eisenwand sind die Daten von 63 Transporten mit Zielort verewigt. Ein Waggon mit Rampe steht symbolisch für die Deportation.

Mahnmal Levetzowstraße, Moabit, Levetzowstr. 7–8

Tiergarten In Dauerschleife: Ein gleichgeschlechtlicher Kuss

Schwule und lesbische Liebe passte nicht zum Nazi-Idealbild einer „gesun­den“ Gesellschaft. Homosexuelle wurden rigoros verfolgt, jedoch erst mit einer Rede Richard von Weizsäckers 1985 in das öffentliche Gedenken miteinbezogen. Im Tiergarten erinnert ein Betonquader daran. Durch ein kleines Glasfenster ist Gerald Backhaus’ Film „Kuss ohne Ende“ zu sehen. Er zeigt in Dauerschleife sich küssende Frauen- und Männerpaare.

Denkmal für die zur NS-Zeit verfolgten Homosexuellen, Tiergarten, Ebertstraße

Mitte: 2700 Stelen zum Gedenken an den Holocaust

Deutschlands bedeutendstes und eindrucksvollstes Denkmal für die Holocaust-Opfer erinnert an über sechs Millionen ermordeter Juden in Europa während der NS-Herrschaft. Es besteht aus 2700 Beton-Stelen, die auf wellenförmigem Grund stehen und beim Begehen eine eindringliche und bedrückende Atmosphäre schaffen. Unter dem Mahnmal befindet sich ein Dokumentationszentrum über die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Cora-Berliner-Str. 1, Mitte

Charlottenburg: Gestorben wegen ihres unerschütterlichen Glaubens

Die katholische Kirche ist jenen Christen gewidmet, die sich wegen ihres Glaubens den Nazis ­widersetzten und dafür sterben mussten. Die im brutalistischen Stil erbaute Kirche ist zur Hinrichtungsstätte Plötzensee ausgerichtet. Hier befindet sich auch das Grab des von den Nazis erschossenen Leiters der Katholischen Aktion, Erich Klausener, sowie eine Gedenkstätte für den Dompropst Lichtenberg, der auf dem Weg in ein Konzentrationslager starb.

Maria Regina Martyrum, Charlottenburg, Heckerdamm 230, www.gedenkkirche-berlin.de

Mitte: Der Widerstandskämpfer aus Schwaben

Georg Elser, ein schwäbischer Schreiner, war gegen Hitler und gegen den Krieg. Eine von ihm gebaute Zeitbombe sollte den Führer sowie die gesamte NS-Führungsstab bei einem Auftritt im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1939 ausschalten. Die NSDAP-Spitze verließ die Veranstaltung jedoch früher als geplant. Das Attentat ging schief, Elser wurde verhaftet und im Jahr 1945 im KZ Dachau ermordet. Die filigrane Stahlskulptur auf dem Areal des ehemaligen Führerbunkers zeigt die Silhouette des Gesichts des Widerstandskämpfers und leuchtet bei Dunkelheit beidseitig. Zweimal wurde die Geschichte Georg Elsers bereits verfilmt: 1989 von Klaus Maria Brandauer und 2014 von Oliver Hirschbiegel.

Georg Elser Denkmal, Wilhelmstr. 49, Mitte

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