Best of Berlin

Berliner Konsumtempel und Warenpaläste aus vergangener Zeit

Schon immer schätzten die Berlinerinnen und Berliner den gepflegten Einkaufsbummel. Einige Warenhäuser gibt es heute noch.


Als die Karstadt-Filiale am Hermannplatz eröffnet wurde, waren nicht nur die Berliner begeistert. Das hochmoderne Kaufhaus avancierte in den Folgejahren zum Touristenmagneten. Es gibt Pläne, das heute nicht mehr existente Gebäude in den Originalzustand zurückzuversetzen.

Als die Karstadt-Filiale am Hermannplatz eröffnet wurde, waren nicht nur die Berliner begeistert. Das hochmoderne Kaufhaus avancierte in den Folgejahren zum Touristenmagneten. Es gibt Pläne, das heute nicht mehr existente Gebäude in den Originalzustand zurückzuversetzen.

Foto: Imago/Arkivi

Berlin. Lange bevor es Shoppingmalls nach US-Vorbild und den Onlinehandel gab, strömten die Berliner in die großen Kaufhäuser von Hermann Tietz, Adolf Jandorf und der Wertheims. Diese zumeist jüdischen Unternehmerfamilien prägten den Handel in Berlin – bis zur Enteignung und Vernichtung während der Zeit des Nationalsozialismus. Wir tauchen ein in die glanzvolle Historie der Konsumtempel und Warenpaläste.

Mitte: Die Kaisergalerie war Berlins bekannteste Passage

Im 19. Jahrhundert entstanden in Brüssel und Paris die ersten Passagen. Das waren vornehme Bauten, die Restaurants, Theater, Hotels, Büros und eine Vielzahl an Einkaufsmöglichkeiten in sich vereinten. Die Kaisergalerie in Berlin wurde 1873 eröffnet, sie führte vom Boulevard Unter den Linden bis zur Friedrichstraße. Ein architektonisches Wunderwerk, in dem Cafés und 50 Geschäfte Platz fanden. In den frühen 1930er-Jahren baute der Berliner Architekt Alfred Grenander die Kaisergalerie im Stil der Neuen Sachlichkeit um. Bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde sie zerstört und in den 1950er-Jahren komplett abgetragen.

Kaisergalerie Unter den Linden / Friedrichstraße, Mitte

Mitte: Im Kaufhaus Jandorf werden Car-Sharing-Angebote organisiert

Der aus einer armen jüdischen Familie stammende Adolf Jandorf machte eine filmreife Karriere als Unternehmer. 1904 eröffnete er ein bis heute in Berlin gut bekanntes Gebäude: das Warenhaus Jandorf an der Ecke Brunnen- / Veteranenstraße in Mitte. Das architektonisch an den Jugendstil angelehnte Gebäude galt als wichtiges Modekaufhaus. In der DDR wurde es als Institut für Modegestaltung genutzt. Heute werden von dort aus Car-Sharing-Angebote organisiert.

Warenhaus Jandorf, Brunnenstr. 19, Mitte

Charlottenburg: Das KaDeWe ist bis heute eine feine Adresse

Das Kaufhaus des Westens, kurz KaDeWe, ist bis heute ein Symbol für Luxus und Eleganz. 1907 ließ Adolf Jandorf, der bis dato mehrere Läden mit Mode und Waren des täglichen Bedarfs betrieb, das Luxuskaufhaus am Wittenbergplatz eröffnen. Ende der 1920er-Jahre verkaufte die Familie das Kaufhaus-Imperium an Hermann Tietz. Jandorf starb 1932, die Familie ging nach 1933 ins Exil. Bis heute gilt das Haus als feine Adresse in Berlin.

KaDeWe, Tauentzienstr. 21, Charlottenburg, Mo.–Do. 10–20 Uhr, Fr. + Sbd. 10–21 Uhr

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Kreuzberg: Warenhaus Maaßen - früher Damenmode, heute Hotel

Eröffnet wurde das von Alfred Breslauer und Paul Salinger errichtete Haus im Jahre 1904. Als Warenhaus Maaßen prägte es die geschäftige Oranienstraße – und damit ganz Kreuzberg. Schnell galt es als eines der wichtigsten Warenhäuser für Damenmode. Nach Zerstörung, Umbauten, Leerstand und Zwischennutzung sieht das Gebäude seit der Restaurierung fast wieder so aus wie einst. Heute befindet sich in dem denkmalgeschützten Bauwerk das Hotel Orania.

Hotel Orania, Oranienstr. 40, Kreuzberg

Mitte: Familie Tietz - Vorreiter des Kaufhausgeschäfts in Deutschland

Vor allem jüdische Unternehmer prägten den Siegeszug der Kaufhäuser in Berlin. Dazu gehörten Adolf Jandorf, die Wertheims, die in Berlin bis zum Zweiten Weltkrieg sechs Warenhäuser besaßen, und nicht zuletzt deren ärgste Konkurrenten, die Familie Tietz. Das Familienoberhaupt Hermann Tietz gehörte zu den wichtigsten Vorreitern des Kaufhausgeschäfts in Deutschland. Um die Jahrhundertwende ließ Tietz an der Leipziger Straße ein gewaltiges Kaufhaus errichten. Mit eigener Kellerei und eleganter Atmosphäre bot dieser Konsumtempel ein völlig neues Einkaufserlebnis. Aus der Abkürzung von Tietz Vor- und Nachnamen wurde zu NS-Zeiten der Begriff „Hertie“ konstruiert, unter dem Kontinuität vorgegaukelt wurde, auch wenn die Familie längst enteignet war.

Hertie Waren- und Kaufhaus, Leipziger Straße, Mitte

Mitte: Früher Luxuskaufhaus, später Techno-Club

Nach Plänen des Architekten Alfred Kessel zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet, galt das Wertheim, das ebenfalls an der Leipziger Straße ansässig war, als das modernste und schönste Kaufhaus Deutschlands. Mit 70.000 Quadratmetern Verkaufsfläche übertraf es selbst das Harrods in London und war somit das größte Kaufhaus Europas. Auch dieses Warenhaus erlitt im Krieg schwere Schäden und wurde später abgerissen. Die Tresorräume des Wertheims erfuhren nach dem Mauerfall indes eine neue Nutzung. Dort befand sich von 1991 bis 2005 der legendäre Techno-Club Tresor.

Wertheim, Leipziger Straße, Mitte

Tempelhof: Edmund Elends Kaufhaus überstand die Zeit

An der Ecke Berliner Straße / Friedrich-Wilhelm-Straße eröffnete der jüdische Kaufmann Edmund Elend sein erstes Kaufhaus. Beeindruckt von den Konsumtempeln in Mitte und Charlottenburg, investierte Elend in weitere Kaufhausprojekte jenseits des Stadtzentrums und wurde so etwas wie der Hermann Tietz von Tempelhof. 1913 baute der Unternehmer an der Ecke Tempelhofer Damm / Kaiserin-Augusta-Straße ein neues Warenhaus, das vielen Berlinern heute als Karstadt-Filiale bekannt sein dürfte. Das Kaufhaus Tempelhof wurde von den Nationalsozialisten arisiert und unter dem Namen Sera weitergeführt. 1967 übernahm der Karstadt-Konzern den Standort, der bis dahin den Namen Walden trug. Die Gebäudefassade wurde in den 1980er-Jahren dem historischen Original nachempfunden.

Karstadt, Tempelhofer Damm 191, Tempelhof, Mo.–Sbd. 10–20 Uhr

Mitte: Das Centrum Warenhaus beherbergt heute Galeria Kaufhof

Zwar entstand die Handelsorganisation (HO) als juristische Dachorganisation zur Verwaltung des Handels in der DDR erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch viele alte Kaufhäuser aus der Zeit zuvor gingen doch in den Besitz der HO über. Das Kaufhaus am Alexanderplatz hat dabei eine besonders interessante Geschichte. Einst stand dort ein Konsumtempel von Hermann Tietz, Ende der 1960er-Jahre wurde auf dessen Ruinen das bekannte Centrum-Warenhaus errichtet. Es galt als das vornehmste Kaufhaus in der DDR. Heute befindet sich am historischen Ort die Galeria Kaufhof.

Galeria Kaufhof, Alexanderplatz 9, Mitte, Mo.–Sbd. 10–20 Uhr

Neukölln: Was wird aus dem Kaufhaus am Hermannplatz?

Neben Jandorf, Tietz und Wertheim gehörte natürlich auch der Karstadt-Konzern zu den wichtigen Akteuren im Berliner Kaufhausgeschäft. Zwischen Kreuzberg und Neukölln, direkt am Hermannplatz, ließ das Unternehmen Ende der 1920er-Jahre den Architekten Philipp Schaeffer ein modernes Kaufhaus im Stil des Expressionismus errichten. Die Eröffnung im Jahr 1929 war ein Spektakel, das mit innovativer Technik wie Rolltreppen und Liften sowie einer Dachterrasse ausgestattete Gebäude überwältigte die Berliner und zog auch Touristenmassen an. Karstadt am Hermannplatz galt in den Goldenen Zwanzigern als das modernste Kaufhaus Europas. Ganz anders als die altehrwürdigen Kaufhäuser, die eher Palästen ähnelten, richtete sich hier der Blick in die Zukunft der Konsumgesellschaft – nach dem Vorbild der USA. Als den Nazis 1945 klar wurde, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, sprengten sie das Gebäude, um den Sowjets die Lebensmittelversorgung zu erschweren. Das Kaufhaus wurde nach dem Krieg wiedereröffnet, hat aber wenig von dem alten Charakter beibehalten. Immer wieder kursieren Pläne, es in den Originalzustand zu versetzen. Doch braucht Berlin überhaupt noch Kaufhäuser dieser Art?

Karstadt, Hermannplatz 5–10, Neukölln, Mo.–Sbd. 10–20 Uhr

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