Zirkeltag

Eine Zeitreise in das Berlin des Jahres 1961

Vor dem Mauerbau gibt es in der BRD Hoffnung. Der US-Präsident heißt Kennedy, die Wirtschaft floriert, in Berlin entsteht viel Neues.

Menschen wie Lokführer Harry Deterling und seine Familie finden Unterschlupf im Flüchtlingslager Marienfelde

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Foto: dpa / picture-alliance / dpa

Berlin. Alles deutet darauf hin, dass das Jahr 1961 ein Jahr der Freude für Berlin und Berliner wird. Bei internationalen Sportfesten und Messen will man sich Besuchern aus aller Welt vorstellen. Markante Bauten und zukünftige Wahrzeichen entstehen. Und in den USA soll am 20. Januar ein junger Senator das Präsidentenamt antreten, der versprochen hat, der Sowjetunion und dem unberechenbaren Wüterich an ihrer Spitze mit Härte und militärischer Schlagkraft entgegenzutreten.

In einer Stadt, durch die acht Jahre zuvor wieder Panzer gerollt waren, in der treue Befehlsempfänger einen Volksaufstand blutig niedergeschlagen hatten und an 700 geheimen Orten Not-Rationen der Senatsreserve für den Ernstfall einer erneuten Blockade versteckt sind, haben sich die Bewohner daran gewöhnt, unter dem Damoklesschwert einer „Berlin-Krise“ zu leben. Inmitten eines Kalten Kriegs führen die Berliner ein Dasein an der Front. Ihr Alltag ist der konstante Ausnahmezustand.

2,2 Millionen Menschen leben 1961 in West-Berlin, im sowjetischen Sektor sind es 1,1 Millionen. Den Senat im freien Westteil der Stadt bildet eine Koalition aus SPD und CDU mit einem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Der charismatische Sozialdemokrat gilt als „deutscher Kennedy“, nach jenem amtierenden US-Präsidenten, dem Brandt bei einem Besuch in Washington am 13. März ein Bekenntnis zur Freiheit West-Berlins abringen wird, den er 1963 beim gefeierten Berlinbesuch begleiten und fünf Monate danach mit zu Grabe tragen wird. Zunächst aber ist Brandt für die Bundestagswahl im September als Gegenkandidat von Kanzler Konrad Adenauer aufgestellt. Ganz oben auf die Liste der Aufgaben der Regierung setzen Bundesbürger in einer Umfrage Anfang 1961 die Wiedervereinigung (24 Prozent), und den Erhalt des Friedens (18 Prozent).

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Das Deutsch-Amerikanische Volksfest startet erstmals

Seit dem Jahr 1959 sind in West-Berlin 45.000 neue Wohnungen entstanden. Laut Bundesministerium werden weiterhin 900.000 Wohnungen im Land gebraucht. In Ost-Berlin baut man seit 1959 zwischen Strausberger und Alexanderplatz fünf- bis zehngeschossige Häuser mit exakt 4674 Wohnungen, aber auch das Kino „International“. Im April 1961 beschließt die Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung die Neugestaltung des Marx-Engels- und Alexanderplatzes, einen Gebäudekomplex für die Volkskammer sowie Gebäude Unter den Linden. Die Folge sieht man auf Fotos von damals: kantige Neubauquartiere, die an Altbaukieze mit unverputzten Fassaden und Einschusslöchern stoßen.

Der wachsende Verkehr ist für Verwaltung und Polizei zur Herausforderung geworden. Seit 1960 sind im Westen 75 Prozent mehr Pkw als 1957 unterwegs, die Zahl der Unfälle ist um 90 Prozent gestiegen. In der Bundesrepublik waren 1960 2,05 Millionen Fahrzeuge von den Fließbändern gerollt, womit man auf Platz zwei hinter der Autonation USA steht. Über deutsche Straßen fährt man im Käfer, im Ford 17 M, im Volksmund „Badewanne“, und im Opel Rekord. In Ost-Berlin allerdings sieht man im Winter noch Räumdienste, die den Schnee mit Handkarren abtransportieren. Aufschwung im Westen, Stagnation im Osten.

Noch immer dringen Rückstände der NS-Herrschaft aus den Poren des bundesdeutschen Alltags. Von antisemitischen Schmierereien, unseligen Richter-Kommentaren bei Nazi-Prozessen bis hin zu verharmlosenden Texten in Schulbüchern. Im Frühling 1960 war die 59-jährige Marlene Dietrich mit Orchester-Chef Burt Bacharach für Konzerte nach Deutschland zurückgekehrt. In Berlin trat sie drei Mal im Titania Palast auf. Die gebürtige Schönebergerin hatte während der Nazizeit das Deutsche Regime aus den USA leidenschaftlich attackiert. Auf ihrer Comeback-Tour wurde sie nun in Sprechchören und Leserbriefen als Verräterin begrüßt.

Im Bundestag zeigen sich Abgeordnete indes auch wachsam, wenn es um die Gefährdung rechtsstaatlicher Errungenschaften der jungen Bundesrepublik geht. Ein Regierungsentwurf für Notstandsgesetze etwa scheiterte im Herbst 1960. Andererseits sorgt das Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) dafür, dass der Bundesgerichtshof drei Männer zu einem bis zwei Jahren Haft verurteilten kann. Sie hatten eine KPD-Zeitschrift verbreitet.

In den Kinos laufen Jahrhundertwerke wie Fellinis irres Stadtportrait „La Dolce Vita“, der Hitchcock-Schocker „Psycho“ und „Ben Hur“. Wovon heutige Berlinale-Chefs nur können träumen – das Filmfest ohne Wintertemperaturen: 1961 gibt es das noch. In Juni und Juli sind Jayne Mansfield und Heinz Rühmann unter den Stargästen. Für die Kinowirtschaft sind dies jedoch schlechte Zeiten. Besonders das Fernsehen sorgt für ein Kinosterben im Land. TV-Hits sind schon damals Serien. Etwa Familien-Saga „Die Firma Hesselbach“.

Eine neue Bühne für elektronische Medien entsteht nach Unterbrechung 1939 mit der „Deutschen Rundfunk-, Fernseh- und Phonoausstellung“. Im September kommen 400.000 Besucher. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zeigt sich bei der Eröffnung natürlich mit Wohlstands-Zigarre. Ein weiteres alljährliches Spektakel startet am Dahlemer Hüttenweg: das erste Deutsch-Amerikanische Volksfest.

Während in Hamburg seit März ein paar ungestüme Liverpooler, die sich jüngst in „The Beatles“ umbenannt haben, wieder Nacht für Nacht zeigen, wohin die popmusikalische Reise der 60er-Jahre geht, soll die E-Musik zukünftig noch stärker in Berlin spielen. Herbert von Karajan, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat im September 1960 den Grundstein für den Neubau einer Philharmonie gelegt.

Im März zeigt die Nationalgalerie zum 100-jährigen Jubiläum 2500 Neuerwerbungen. Im September wird die Deutsche Oper an der Bismarckstraße, im Dezember die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eröffnet. Für zwei bis 24 DM kann man dabei sein, wenn sich im Oktober das Theater des Westens nach teurer Sanierung mit „My Fair Lady“ zurück meldet. Ob die Show etwas taugt, erfährt der Berliner sonntagvormittags, wenn Friedrich Luft im RIAS seine „Stimme der Kritik“ erhebt. Danach erklingen um zwölf Uhr Freiheitsschwur und die Freiheitsglocke des Schöneberger Rathauses.

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Und nach Freiheit sucht der Deutsche überall. Steigender Lebensstandard und kürzere Arbeitszeiten sorgen für einen Reiseboom. Zwölf Milliarden Mark fließen in den Tourismus. Bezahlt wird seit Februar mit einem neu gestalteten 20-DM-Schein, die neuen Noten sind größer und von dickerem Papier. Die Öffnungszeiten deutscher Geschäfte ändern sich dagegen nur langsam. Sonnabends schließt man um 14 Uhr – außer vor Weihnachten. Seit Oktober 1960 sind vier Sonnabende zugelassen, an denen der Kauflust freien Lauf erhält. Einkaufen bis 18 Uhr! Seit 1950 sind die Reallöhne in der Bundesrepublik um 67 Prozent gestiegen. In West-Berlin verdient ein Verkäufer Ende 1961 im Durchschnitt monatlich 489 DM, bei Versicherungen zahlt man 646 DM. Jenseits der Mauer bekommt man im Einzelhandel 528 Mark, in der Volkseigenen Bauindustrie 734 Mark.

Musik kommt aus dem „Schneewittchensarg“

Weil Wohlstand immer auch gezeigt werden will, machen West-Berliner nun gern ihre Wohnungen zu Ausstellungsstätten ihres kostspieligen Geschmacks. Plastikbezogene Sessel und Nierentische weichen Möbeln in Palisander, Teak, Kiefer und Nussbaum, am liebsten nach skandinavischem Design. Schlager wie „O Mustapha“, der aktuelle und größte europäische Schallplattenerfolg seit „Volare“ („O Mustapha, nimm dich in acht, wer weiß, was sonst der Sultan macht“) kommt in Mono aus der Braun-Anlage, die man „Schneewittchensarg“ nennt. Juwel und Mittelpunkt im deutschen Wohnzimmer allerdings bleibt: der Fernseher. Das ist auf Ostseite nicht anders.

Im Westen werden Tiefkühlprodukte immer populärer. Immerhin sparen sie Zeit, mögen sie im Laden auch teurer sein. Gleichzeitig steigt die Partylaune im Westen. 1960 werden 69 Millionen Flaschen Sekt verkauft– zehnmal so viel wie 1948. Vor so viel Aufschwung kapituliert die DDR-Führung. SED-Sekretär Paul Fröhlich gesteht öffentlich, das für 1961 gesteckte Ziel, den Lebensstandard des Nachbarn zu erreichen, werde man nicht schaffen – aber bis 1965 ganz bestimmt.

Die Dame trägt das Haar nackenlang und gewellt, wie etwa die TV-Ansagerinnen Mady Manstein und Angelika Feldmann. Die Jugend mag weite Pullover zu engen Hosen, Pferdeschwanz und Ringelpulli, nach Vorbild Brigitte Bardots in Frankreich. Freiheit finden sie auf Mokick und Motorroller und – tatsächlich: in einer frühe Heirat. Das Alter der Paare sinkt im Schnitt um zweieinhalb Jahre. Denn Ehe ist der Fluchtweg aus der Dauerüberwachung durch die Eltern.

Neben den großen Gefechten des Kalten Krieges gibt es im Kleinen immer wieder Scharmützel, die im Idealfall nur als Papierkrieg ausgefochten werden. So ließ die DDR im Herbst 1960, als in West-Berlin Vertriebenenverbände einen „Tag der Heimat“ veranstalteten, keine Bundesbürger in die Hauptstadt. Die drei Westmächte stellten DDR-Funktionären daraufhin keine Visa mehr aus, und Bonn appellierte an Kaufleute, nicht in die DDR zu reisen.

1960 flüchten fast 200.000 DDR-Bürger in den Westen. Die meisten treibt die Unzufriedenheit über Folgen der Kollektivierung. In Januar und Februar 1961 steigen die Zahlen weiter. Der West-Berliner Autor Horst Bosetzky erzählt in seinen Erinnerungen einen bitteren Witz von damals: „Wer ist der größte Feldherr aller Zeiten? – Walter Ulbricht! Er hat drei Millionen in die Flucht geschlagen und hält 17 Millionen Gefangene.“ Am 20. Oktober 1960 hatte Nikita Chruschtschow in Moskau für 1961 eine Antwort auf die deutsche Frage angekündigt. Auf Drängen Walter Ulbrichts wird mit der Umsetzung jener Lösung am Morgen des 13. August 1961 begonnen – mit dem Bau der Mauer.

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