Zirkeltag

Wie es sich am Ende der Stadt gelebt hat

Am 5. Februar ist die Mauer länger weg, als sie gestanden hat. Zeitzeugen erinnern sich an das Leben in der eingemauerten Stadt.

Helga Cuccato / am Bahnhof Wollankstraße / Zirkeltrag / RBB Ulli Zelle

Helga Cuccato / am Bahnhof Wollankstraße / Zirkeltrag / RBB Ulli Zelle

Foto: Reto Klar

Berlin. "Dort oben standen wir am 13. August." Helga Cuccato zeigt hinauf in den zweiten Stock eines grauen Hauses an der Wollankstraße in Gesundbrunnen. Wenn sie sich an jenem Morgen auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie über die Metallbrüstung schauen und sehen, was dort unten vor sich ging. So wurde sie als sechs Jahre altes Schulkind auf Westseite Zeugin, wie Berlin geteilt wurde. Woran sie sich als erstes erinnert, scheint banal: "Der Mauerbau ging unglaublich schnell."

Cuccato sieht noch die Soldaten, das Baumaterial. "Wir alle, meine Eltern, meine große Schwester und ich beobachteten das alles furchtbar aufgeregt. Unsere Großmutter lebte ja in Friedrichsfelde – wir dachten uns gleich, dass wir sie zukünftig nicht mehr so leicht sehen würden."

Leben an der Wollankstraße fühlte sich dörflich an

Der Plan der DDR-Behörden für den Abschnitt Wollankstraße war diabolisch einfach: Der Verlauf der erhöhten S-Bahnstrecke wurde als Trennung der Stadthälften eingebunden und die Durchfahrt unter der Brücke mit zwei Mauern dicht gemacht, die bis an die Bahnhofsuhr reichten und durch einen Streifen von einander getrennt waren. Später würde ein junger Bursche die Uhr auf Westseite mit einem Stein einwerfen. Jahrzehntelang fühlte sich danach niemand dafür verantwortlich, sie zu reparieren.

Helga Cuccato wuchs in ein Leben am Ende der westlichen Hälfte hinein. "Das Rumpeln der S-Bahn überhörte man bald, die Tram war laut und auf der Straße war immer etwas los." Manchmal wurde eine Decke auf das Fenstersims gelegt und Helga schaute stundenlang mit ihrer Mutter zu, was die Passanten so trieben. "Es fühlte sich dörflich an, denn hier am Ende der Stadt war ja nicht mehr viel los", sagt die 62-Jährige.

"Gefährliche Provokation an der Staatsgrenze"

Auf den Mauerabschnitt, der zum Alltag von Helga Cuccato gehörte, blickte 1962 die ganze Welt. West-Berliner Studenten hatten begonnen, einen Fluchttunnel zur Ostseite zu graben. Von einem Fabrikgebäude in der Pankower Schulzestraße wollten sie Freunde und Verwandte in den Westen holen. Doch nach dreiwöchiger Arbeit und nur fünf Metern Tunnellänge entdeckte ein Reichsbahnangestellter in der Nacht vom 26. zum 27. Januar auf dem Bahngelände eine Absenkung, die immer größer wurde – der Plan flog auf und die Stasi begann ihre Fahndung nach den Beteiligten. In einer eilig einberufenen Pressekonferenz klagten die DDR-Offiziellen vor internationalen Journalisten über eine vermeintliche "Agentenschleuse" und eine "gefährliche Provokation an der Staatsgrenze".

Keine 100 Meter von der Mauer entfernt eröffnete Helga Cuccato 1980 ihr 50 Quadratmeter großes Geschäft mit dem programmatischen Namen "Strickwaren Helga". "Jeder kannte hier jeden und wenn die Gemüsehändlerin nebenan mal verschwinden musste, bewachte eben ich den Laden und kassierte für sie."

Aber auch ganz merkwürdige Dinge geschahen. "Einmal im Monat kam ein Mann zu mir ins Geschäft, offensichtlich von drüben, abgehetzt und immer irgendwie ängstlich", sagt sie. Der merkwürdige Kunde legte ihr stets eine Liste von Nylonstrumpfhosen in verschiedenen Farben und Größe hin. "Er zahlte und verschwand. Es kam mir vor, als konnte er jeweils nur ganz kurz im Westen bleiben – es gab ja im Bahnhof auf Westseite eine Tür, die nach Pankow hinaus ging. Ich dachte oft, dass er dort durchkam."

Was indes auf dem Bahnsteig geschah, auf den nur West-Berliner durften, habe die Stasi aus Häusern im Osten beobachtet, erzählt sie. "Wenn DDR-Bürger von da unten Signale gegeben oder auch nur gewunken hätten, wäre das gleich registriert worden."

Nach dem Fall der Mauer bot die Unterführung einen Anblick, als sei dort nie etwas anderes gewesen, als die freie Durchfahrt zwischen Ost und West. Eine Mauer war nicht mehr zu erkennen, stattdessen standen ein paar dürre Absperrgitter und einige Verkehrshütchen auf der Fahrbahn. Ab dem 13. November 1989 war dann auch ein Grenzübergang eingerichtet, den Beamte der West-Berliner Polizei mit uniformierten Vertretern der DDR-Behörden gemeinsam kontrollierten. Dass diese zum Ministerium für Staatssicherheit gehörten, war den Polizisten wohl nicht bekannt.

Im November 1989 übersah Helga Cuccato den Umbruch zunächst. Diesseits der Mauer an der Wollankstraße sei von einer Wende nichts zu spüren gewesen. "Erst mein Mann sagte mir dann daheim, was passiert war und wir öffneten eine Flasche Sekt", sagt sie. Auf die Straße gingen sie in dieser denkwürdigen Nacht nicht mehr. "Mein Sohn schlief schon, wir wollten ihn nicht wecken", erzählt sie. Der Junge war damals erst sechs Jahre alt. Wie Helga Cuccato, als sie vom Balkon aus den Mauerbau erlebt hatte.

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