50 Jahre Mauerbau

Die Spaltung begannt schon vor dem Mauerbau

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Der ehemalige Intendant der Deutschlandradios, Ernst Elitz, erzählt, warum die deutsch-deutsche Spaltung nicht erst mit dem Mauerbau begann.

Foto: dpa / dpa/DPA

Durch die Menschentrauben auf der Stresemannstraße wieselten ein paar flinke Gestalten – Typ eher unauffällig, die Augen irrlichternd nach allen Seiten. Ihr Flüstern „Amis“, „Dollar“, „guter Kurs“ wurde nur unterbrochen durch den Blitztausch von Geldscheinbündeln und Zigarettenschachteln. Das Warendepot lag in der Hosentasche. Die wenigen Hundert Meter Straßenland zwischen Potsdamer Platz und Landwehrkanal waren ein ideales Geschäftsgelände, ein Niemandsland in der geteilten Stadt. Hier verlief die Sektorengrenze direkt an der Baufluchtlinie. Der Gehweg gehörte zum sowjetischen, die Buden mit Süßigkeiten, Schnaps und Groschenromanen zum britischen Sektor. Rasten die Pritschenwagen der Ost-Berliner Volkspolizei auf das Menschengewusel zu, verdrückten sich Schieber und Geldwechsler mit den Warnruf „Razzia!“ durch die Lücken der Budenzeile auf das dahinter liegende Ruinenland. Sie waren in Sicherheit.

Viersprachige Schilder – deutsch, englisch, russisch, französisch – markierten die Sektorengrenzen. Wer sich nicht auskannte, landete leicht in einem anderen Sektor, wie die russischen Panzer, die sich am 17.Juni 1953 auf französisches Gebiet verfahren hatten und wieder abdrehten, bevor sie eine Weltkrise auslösten.

Berlin war geteilt, aber eine Stadt. Im Fünf-Minuten-Takt verkehrten S- und U-Bahn sowie Straßenbahn zwischen beiden Teilen der Stadt. Daran änderte sich nichts, als im September 1948 kommunistische Demonstranten die in Ost-Berlin tagende Stadtverordnetenversammlung sprengten und der gewählte Oberbürgermeister Ernst Reuter mit den Parlamentariern von SPD und CDU in den Westen flüchtete. Es war Blockade-Zeit. Mit dem berlintypischen „Uns kann keener“-Gemüt reiften die Bewohner des Westteils der Stadt zu einem trotzigen Menschenschlag, der sich mit den mäßigen Überlebensrationen zufriedengab, die Amerikaner und Briten über die Luftbrücke einfliegen konnten. Klein beigeben? Nee!

Fast jeder Berliner hatte beide Währungen im Portemonnaie. Der Ost-Berliner brauchte die D-Mark, um die kargen Zuteilungen seiner Lebensmittelkarten mit Obst, Schokolade und Bohnenkaffee aufzubessern. Büdchen mit dem verführerischen Angebot säumten auf westlicher Seite die Sektorengrenze. Und mancher West-Berliner konnte der Versuchung nicht widerstehen, den billigen Haarschnitt im Osten vorzuziehen. In Grenznähe darbten westliche Bäcker, denn Brötchen und Kuchen waren im Osten zum Kurs 4:1 zu haben.

So viel private Marktwirtschaft missfiel den Regierenden in Ost und West. Hinter der westlichen Grenze legten sich Zollbeamte mit Feldstecher auf die Lauer, um West-Berliner, die sich in Sichtweite den Tank mit Ost-Benzin füllten, zur Kasse zu bitten. Und auf der östlichen Seite durchwühlten die Mitarbeiter des Amtes für Zoll und Kontrolle des Warenverkehrs die Taschen einkaufsfreudiger West-Berliner. Auf beiden Seiten konnte der Bürger vor unliebsamen Blicken in seine Taschen nicht sicher sein.

Mehr als geldwerte „Schieberartikel“ aber fürchtete die SED ideologische Konterbande. Die passierte die Grenze im Kopf und selten im Einkaufsbeutel. Im Amerikahaus am Bahnhof Zoo und in der 1954 eröffneten Amerika-Gedenkbibliothek konnten sich Besucher aus dem Osten frei informieren. Hunderttausende taten es. Und der 1946 von den Amerikanern gegründete Rias war lange vor dem SFB Heimatsender aller Berliner. Wenn Fred Ignor mit seiner Kultsendung „Schlager der Woche“ auf Sendung war, schallten an heißen Sommertagen aus den weit geöffneten Fenstern in beiden Teilen der Stadt Bill Haleys „Rock Around the Clock“ und Elvis Presleys „Don't Be Cruel“. Folgten die Nachrichten, wurde leiser gestellt. Und nur noch gedämpft empfingen Hörer in den Ost-Bezirken die Verlesung der Listen von Stasi-Spitzeln – mit Klarnamen. Service im Kalten Krieg.

Berlin war vom Kriegsende bis zum Mauerbau eine Stadt, schillernd zwischen Normalität und Kaltem Krieg – und manchmal mit einem Brett vorm Kopf. So hatte die West-BVG 1951 den Verzicht auf weibliches Fahrpersonal zur Bedingung für den grenzüberschreitenden Straßenbahnverkehr gemacht. Begründung: Frauen im Führerstand einer Straßenbahn könnten „nicht immer volle Verkehrssicherheit gewährleisten“. Da lachte den SED-Funktionären das Herz, und sie schickten einen Straßenbahnzug der Linie 74 nach Lichterfelde – mit einer Frau am Stromhebel. Am Potsdamer Platz sagten westliche Streckenmeister: „Stop!“ Seitdem gab es in Berlin zwei unabhängige Straßenbahnnetze. Und der Westen stand als Spalter da.

Berlin war eine Stadt mit drei Polizeiuniformen: Schupos im Westen, Vopos im Osten und Trapos (Transportpolizisten) auf dem von der DDR verwalteten Reichsbahngelände. Auf den Bahnhöfen lieferten sich Schupos und Trapos Scharmützel bis hin zu Verfolgungsjagden einer Funkwagenarmada, deren Besatzung einen S-Bahn-Zug kurz vor der Einfahrt in den Ostsektor stürmte, um einen Flüchtling aus dem Trapo-Dienstabteil zu befreien. Die offene Grenze war auch offen für Menschenraub. Vermeintliche oder wirkliche Agenten wurden in den Osten entführt. Das Ziel war Bautzen, Sibirien oder der Tod durch Genickschuss.

Zugleich strömten West-Berlins Kulturbürger in Bert Brechts „Berliner Ensemble“ und in die 1955 wieder eröffnete Staatsoper Unter den Linden. Gegen Vorlage des Ost-Personalausweises vergnügte sich Ost-Berlin in den Kinos und Theatern rund um den Kurfürstendamm. Die Karten gab es 1:1. Berlin – das war Kulturaustausch und freie Arbeitsplatzwahl. Zehntausende aus dem Osten fuhren täglich über die Sektorengrenze zum Arbeiten. Walter Ulbricht konnte viel versprechen: Sieben-Stunden-Tag, höheres Einkommen, mehr Plattenbauten: Man glaubte ihm nicht. Zu tief saß die Erfahrung von Enteignung und Willkür. Die Flüchtlingszahl stieg. Als Ulbricht am 13. August 1961 die Grenzen sperren ließ, war Berlin wirklich geteilt.