50 Jahre Mauerbau

Ein Feuerwehrmann als Fluchthelfer

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Dietrich Webner ist Feuerwehrmann in West-Berlin. Nach dem Mauerbau hilft er DDR-Bürgern bei riskanten Fluchten.

Foto: Alexandra Kilian

Es geht nur gemeinsam. 20 Mann, fünf pro Seite, greifen fest in die seitlichen Schlaufen des Sprungtuchs vor ihnen. Ihre Hände stecken in Handschuhen, umklammern die Stoff-Ösen, sie schwitzen. Erst Sekunden zuvor sind die Männer vom Hausflur schräg gegenüber geordnet über die Straße gestürmt, von der Polizei flankiert, direkt vor das Fluchthaus an der Waldemarstraße in Kreuzberg. Jetzt stehen sie hier, an diesem Sommertag im August 1961, fünf West-Berliner Feuerwehrmänner mit dem Rücken zur Fassade, der Rest der Haltemannschaft um das quadratische Sprungtuch verteilt, den Blick nach oben gerichtet. Dort, an einem der Fenster des vor ihnen liegenden Gebäudes auf Ost-Territorium, sitzt eine Frau auf dem Sims. Sie zittert, hat Angst. „Stoßen Sie sich mit den Händen und Füßen gleichzeitig ab und lassen Sie sich in die Mitte des Sprungtuchs fallen!“, ruft der Gruppenführer ihr zu. Es muss schnell gehen, die DDR-Grenztruppen dürfen möglichst nichts merken. „Achtung, Achtung, Achtung“, lautet das nächste Kommando und „Sprung“, als sich die Frau gehorsam mit den Händen vom Fensterbrett und mit den Füßen von der Hauswand abdrückt. Dann stürzt sie. Ein lautes „Zieht!“ ertönt, einen Sekundenbruchteil bevor sie landet stemmen sich die Männer mit vollem Gewicht mit den Händen in den Sprungtuch-Schlaufen nach hinten, spannen den Stoff. Dann prallt die Frau auch schon auf dem Tuch auf, federt einmal kurz wieder nach oben. Die Feuerwehrmänner sind kurzzeitig beim Aufprall nach vorne geruckt, jetzt stehen sie wieder stabil. Sie haben die Lage im Griff, die Frau ist sicher gelandet, vorsichtig lassen sie den Stoff zu Boden sinken, helfen ihr heraus. Dann spannen sie erneut das Tuch zwischen ihren Fäusten. Der Einsatz ist noch nicht beendet, oben warten noch zwei Kinder, die Kinder der Frau, und der Vater der beiden, der als Letzter springen soll. Noch ist kein Vopo zu sehen, kein Alarm zu hören. Werden es alle drei schaffen, als Familie vereint in den Westen zu springen?

„Sie haben es geschafft“, sagt Dietrich Webner. „Wir waren ja auch eine verdammt gute Truppe.“ Der 78-Jährige ist einer der West-Berliner Feuerwehrmänner, die damals das Sprungtuch für die Familie aus der Waldemarstraße in Kreuzberg gehalten haben. Links außen hat er gestanden, die Hände in den Stoff des Tuches gekrampft. „Manche hatten ganz schön Angst da oben“, sagt er. „Aber gesprungen sind sie alle.“

Bereits kurz nach dem Mauerbau am 13. August 1961 hatte die DDR-Führung veranlasst, alle Grenzhäuser entlang der Sektorengrenze zu verbarrikadieren. Fenster gen Westen, wie die auf der Bernauer Straße, wurden schlichtweg zugemauert. Vielen Berlinern, die aus den Ost-Gebäuden direkt an der Grenze Richtung Westen fliehen wollten, blieb nur der Sprung aus den noch unvermauerten Fenstern in den oberen Stockwerken. Und die West-Berliner Feuerwehr, die half mit ihren Sprungtucheinsätzen.

Dietrich Webner lebt schon seit 1966 nicht mehr in Berlin. Er ist lange vor der Wiedervereinigung nach Gelsenkirchen gegangen, wo er zum Leitenden Branddirektor aufstieg. Er ist jetzt im Ruhestand und erinnert sich an die Zeit bei der Feuerwehr im Jahre 1961. Er hat bei rund 15 dieser Sprungtucheinsätze für Flüchtende aus der DDR mit angepackt.

„Wir wurden nicht über Gong und Licht wie sonst zu Einsätzen alarmiert, sondern ausgerufen“, sagt Dietrich Webner. „Da hieß es dann: Passt auf, heute geht es da und da hin, mit Fahrzeug oder ohne, in Zivil oder Uniform, und dann ging es los.“ Mit der kompletten Ausrüstung fuhr die Mannschaft zu den Sprungtucheinsätzen. Normalerweise bestand ein Zug damals aus zwei Löschgruppen. Zwei Mann Angriffstrupp, zwei Mann Wassertrupp, zwei Mann Schlauchtrupp, ein Maschinist und ein Melder plus Gruppenführer, eine Drehleiter mit zwei weiteren Männern, ein Rettungswagen und ein Löschgruppenfahrzeug. Bei diesen Einsätzen nicht. In VW-Kleintransportern fuhren sie los, um nicht aufzufallen. Am Sammelpunkt, der so nah wie möglich am Einsatzort lag, kam der Uhrenvergleich. Meist blieb bis zum verabredeten Zeitpunkt noch ein wenig Zeit, die Männer kauerten zusammen, manche rauchten noch eine Zigarette, die „Angstlulle“, wie sie Dietrich Webner nennt. Und dann ging es los. Flankiert von der Polizei stürmten die Feuerwehrmänner zu ihrem Einsatz. Wer durch die Fenster fliehen wollte, ließ kleine Briefchen mit genauen Angaben zu Fluchtzeitpunkt und -ort auf den Boden des Westens fallen oder rief hinunter, dass er fliehen will. Und dies berichteten die Bürger dann der West-Polizei, die wiederum die Feuerwehr informierte.

„Einer ist mal daneben gesprungen“, sagt Dietrich Webner. Zweimal habe es da laut geklatscht: Zum ersten Mal, als der Mann weit über das Sprungtuch hinaus auf das Dach einer Litfaßsäule fiel, und zum zweiten Mal, als er von dort auf das Pflaster der Straße knallte. Sofort sei der tot gewesen, sagt Dietrich Webner. Das zweifache Klatschen höre er noch heute.

Das andere Mal, als es brenzlig wurde, war bei einem Sprungtucheinsatz im September 1961. Es war abends, als sich die Truppe der West-Berliner Feuerwehr auf den Weg zum Einsatz machte. Wieder trafen sie sich am Sammelpunkt, wieder der Uhrenvergleich, die „Angstlulle“. Dann ging es los. Im Sturmlauf geordnet raste die Mannschaft zum Haus. Links und rechts die Polizei. Dann, plötzlich: Schüsse. Von den Vopos. Die Kugeln trafen aber nicht. Dann wieder eine Salve, diesmal von der West-Polizei, die die Feuerwehrmänner flankierte. Die Vopos duckten sich weg. Die Feuerwehr konnte den Einsatz erfolgreich zu Ende bringen.

„Heute glaube ich, dass die Grenztruppe die Order hatte, nur in die Luft zu schießen, um der Feuerwehr Angst einzujagen und um so die Sprungtucheinsätze zu verhindern“, sagt Webner. Die Spannung und Angst, die die Feuerwehrmänner damals bei den Einsätzen an der Mauer gespürt haben, die könne heute wohl kaum jemand nachvollziehen, sagt er. „Und das wünsche ich auch keinem.“