50 Jahre Mauerbau

Stasi-Verhör statt Schulbesuch

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Hildegard Köppel lernte auf einer Schule in West-Berlin – allein dafür bestrafte die Stasi sie hart.

Foto: Massimo Rodari

Die junge Frau presst die Hände auf die Knie. Ihre Vernehmer sollen nicht merken, wie sehr sie zittert. Die 17 Jahre alte Hildegard Köppel hockt im Kellergewölbe der DDR-Polizei auf einem Holzstuhl, die Knie unter einem schäbigen Tisch verborgen. Gegenüber sitzen zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit. Dunkle Lodenmäntel, smarte Gesichter, harte Gesprächsführung. Sie wollen der Schülerin Republikflucht nachweisen und bieten ihr einen Handel an: Wenn sie einen Mitschüler ausspioniert, lassen sie sie in Ruhe.

Wenn Hildegard Köppel heute, fast 50 Jahre später, davon erzählt, spannt sich ihr Körper. 67 Jahre ist sie inzwischen alt, aber klein und zierlich geblieben. Doch der Eindruck täuscht. „Wat? Der? Nee!“, sagt Hildegard Köppel im breiten Berliner Dialekt. „Mit dem gehe ich nicht aus. Den kann ich meinen Freunden doch gar nicht vorzeigen.“ Bei der Erinnerung an das Verhör durch die Stasi grinst Köppel listig. Denn mit dieser Antwort hat sie den Anwerbeversuch des Geheimdienstes pariert. Das junge Mädchen soll mit dem Mitschüler ins Kino gehen, ihn bezirzen – dann, verspricht die Stasi, werde der Vorwurf gegen sie fallen gelassen. Doch so viel Schnodderigkeit beeindruckt die Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Zumindest kurzzeitig.

Vor dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 ist Hildegard Köppel eine Grenzgängerin. Ihre gläubige Mutter schickt sie auf die Liebfrauenschule in Charlottenburg, eine katholische Schule in West-Berlin. Mit der U-Bahn fährt sie von Ost nach West – und kommt regelmäßig zu spät zum Unterricht. „Ich brauchte gar nichts mehr zu sagen“, erinnert sich Köppel. Der Grund für die Verspätung sind die Kontrollen am Grenzübergang Potsdamer Platz. Stumm inspizieren die Grenzsoldaten jeden U-Bahn-Waggon, zeigen mit dem Finger auf verdächtige Personen und fordern sie zum Mitkommen auf. Oft räumen sie den ganzen Waggon, pferchen die Fahrgäste auf dem Bahnsteig zusammen. „Wie Strafgefangene standen sie dann da“, erinnert sich Köppel. Vor dem 13. August 1961 verschärft die SED die Repressionen gegen Grenzgänger, doch „dass sie die Mauer dichtmachen, hätte ich nicht gedacht“.

An einem Donnerstagmorgen, kurz vor dem Mauerbau, zeigt der Finger eines Grenzsoldaten auf die 17 Jahre alte Schülerin. Das Kommando ist eindeutig: Aussteigen. Sofort. Doch das junge Mädchen wird nicht zu den anderen Fahrgästen gebracht, sondern soll in einem separaten Raum gründlich durchsucht werden. Die Grenzsoldaten haben bei einer ersten Kontrolle das westdeutsche Geschichtsbuch Köppels in der Schultasche entdeckt. Brisant: Zwischen den Seiten steckt das von der Mutter unterschriebene Antragsformular auf Beihilfe für Ost-Schüler. Es geht um zehn Mark, doch Hildegard Köppel weiß: Das ist ein Devisenvergehen. „Wenn sie mich mit dem Formular erwischen, dann kommt meine Mutter ins Gefängnis“, sagt Köppel. Doch sie hat Glück, die für die Kontrolle zuständige Grenzbeamtin verspätet sich. Die Schülerin nutzt die Gelegenheit und türmt. Einem Grenzsoldaten, der sie aufhalten will, versichert sie kess: „Ich bin doch schon kontrolliert worden.“ Ohne Probleme schafft sie es zur Schule, doch vor dem Heimweg graut ihr. Sie zieht die Jacke auf links, verwuschelt die Haare und nimmt die Brille ab – am Potsdamer Platz sollen die Grenzsoldaten sie nicht wiedererkennen. Der Plan geht auf. Doch bis zum Bau der Mauer steigt Hildegard Köppel in keine U-Bahn mehr.

Die Grenzabriegelung am 13.August 1961 trifft das junge Mädchen hart. „Mein Leben hat sich total verändert“, sagt sie. Die Schulkarriere ist von einem auf dem anderen Tag vorbei, in der DDR muss sie sich nun dringend um eine Arbeitsstelle kümmern, „sonst hätte ich in einem Kalkwerk arbeiten müssen“. Doch in Ost-Berlin kann Köppel nur den Schulabschluss aus Klasse zehn vorweisen, als ehemalige Grenzgängerin bleibt ihr das Abitur verwehrt. Plötzlich ist das junge Mädchen eine ungelernte Arbeitskraft.

Dazu kommen die ständigen Verhöre. Ab September 1961 holt die Staatssicherheit Hildegard Köppel zwei Mal pro Woche ab, will ihr Republikflucht nachweisen. Ein Freund hat sich in den Westen abgesetzt – und ließ die Fotos seiner Freundin Hildegard zurück. Der Verdacht der geplanten Republikflucht lastet schwer auf der damals 17-Jährigen. Ende Dezember hilft der Onkel, Chefarzt in einer Ost-Berliner Klinik, mit einem Trick: Er weist seine Nichte in eine Nervenheilanstalt in Weißensee ein. Dort verbringt die Gesunde drei Monate unter psychisch Kranken.

Nach der Entlassung im März 1962 ist sie die Staatssicherheit zwar los, nicht aber den Makel der ehemaligen Grenzgängerin. Erneut scheint eine Ausbildung zur Laborassistentin unmöglich. Zwei Aufnahmeverfahren, zwei Absagen. Hildegard Köppel ist ernüchtert, vermutet eine Retourkutsche für ihre Schulzeit in West-Berlin. „Dabei haben die mich noch nicht mal in Marxismus-Leninismus geprüft“, sagt Köppel. Heute kann sie sich über diese Episode ihres Lebens amüsieren. Schon als junges Mädchen verweigert sie sich der Ideologie des SED-Staats. Doch sie hat Glück, ein Professor an der Humboldt-Universität steht ihr bei. Nach der zweiten Ablehnung greift der Ordinarius zum Telefon, setzt sich für die Aufnahme Köppels an der Fachhochschule in Rostock ein. An den Wortlaut erinnert sich Hildegard Köppel noch heute:

„Er sagte: In dieser glorreichen DDR wird jedem entlassenen Strafgefangenen eine zweite Chance gegeben. Aber Jugendlichen, deren einziges Vergehen darin bestand, Grenzgänger zu sein, werden bestraft.“ Das sitzt. Hildegard Köppel erhält eine Chance und wird zur Ausbildung in Rostock zugelassen.