50 Jahre Mauerbau

Wohnen im deutsch-deutschen Niemandsland

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Ursula Behrendt wohnte in der Bernauer Straße 44. Nach dem Mauerbau flüchtete ein Student über das Dach – und stürzte ab.

Foto: Amin Akhtar

Als Ursula Behrendt zusammen mit ihrer Mutter am Morgen des 13. August das Haus in der Bernauer Straße 44 verlassen wollte, trafen sie unten auf Nachbarn. „Das könnt ihr vergessen“, sagten sie. Der Besuch von Freunden in Brieselang bei Berlin fand an diesem Tag nicht statt. Die 17-jährige Ursula Behrendt und ihre Mutter waren ratlos. Was hatte das alles zu bedeuten? Sie waren am Vorabend noch mit der U-Bahn problemlos von der Neuköllner Leinestraße zurück zur Bernauer Straße gefahren „Es war nichts zu erkennen“, sagt Behrendt heute.

Vom Tag des Mauerbaus an wohnten Mutter und Tochter im deutsch-deutschen Niemandsland. Denn das Haus Nummer 44 war das Eckhaus Bernauer Straße/Wolliner Straße. Es hatte zwei Eingänge. Einen zur Wolliner Straße, der sich von nun an östlich der gesperrten Sektorengrenze befand, und einen zur Bernauer Straße hin, der in den Westteil führte. „Das Haus gehörte zum Ostteil, wenn ich meinen Kopf aus dem Fenster hielt, war ich im Westen“, beschreibt Behrendt die bizarre Situation.

Ursula Behrendt und ihre Mutter betraten an diesem Morgen also wieder den Eingang in der Wolliner Straße, nahmen den West-Ausgang und fuhren mit der S-Bahn zu Onkel und Tante nach Wedding, um sich Rat zu holen. Das ging an diesem ersten Tag der Grenzsperrung noch problemlos. „Die Mauer“, sagte die Tante, „die Mauer richtet sich gegen uns im Westen, nicht gegen euch. Ihr könnt also zu Hause bleiben.“ Sonst hatten Mutter und Tochter keinen Ansprechpartner im Westteil der Stadt, so dass sie in ihrem Haus zwischen den Welten wohnen blieben.

In den folgenden Tagen und Monaten spielten sich dramatische Szenen in und vor ihrem Haus ab. Der Ausgang zur Bernauerstraße wurde von der Volkspolizei verrammelt. „Als sie anfingen, den Stacheldraht durch Betonsteine zu ersetzen, wusste ich, dass der Mauerbau etwas Dauerhaftes war“, erinnert sich Ursula Behrendt. Familien aus den ersten Etagen seilten sich über das Fenster in den Westteil ab. Aus den oberen Etagen ließen manche Nachbarn Körbe hinab, die vom Kioskbesitzer nebenan mit Lebensmitteln gefüllt wurden, bevor sie sie wieder hochzogen.

Die Bewohner des Hauses wurden nach und nach in andere Wohnungen verlegt. Zuerst die unteren Stockwerke, dann die oberen, die allgemeine Wohnungsnot ließ einen sofortigen Umzug aller auf im Grenzgebiet heimischen Berliner nicht zu. Die Behrendts wohnten damals ganz oben im 5. Stockwerk. Mutter und Tochter wagten nicht, aus fast 30 Metern Höhe in ein Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr zu springen. Und auch ein Abseilen kam für sie nicht in Frage. Denn tatsächlich handelte es sich bei Ursula Behrendts „Mutter“ nicht um ihre Mutter, sondern um ihre Großmutter. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, er war im Krieg als Soldat gestorben – kurz nach ihrer Geburt. Ihre Mutter starb 1948 an den Folgen einer Tuberkulose. Ursula Behrendt wuchs bei ihrer Großmutter auf, die sie schon immer „Mutter“ nannte. Als die Mauer gebaut wurde, war die Großmutter bereits 68 Jahre alt. An riskante Fluchtwege war nicht zu denken.

Ursula Behrendt erinnert sich an den 22. August 1961, als Konrad Adenauer vor ihrem Haus erschien und den Bewohnern auf der Ostseite signalisierte durchzuhalten. „Das hilft uns auch nicht weiter“, habe die Großmutter gesagt. Im gleichen Maß, wie die Grenztruppen die Maueranlage immer mehr sicherten, wurden die Fluchtversuche verzweifelter. Als Ursula Behrendt sich eines Tages im Herbst 1961 auf dem Weg zum Jahn-Stadion machte, hörte sie einen Schuss aus der Richtung ihrer Wohnung. Auch das noch, habe sie gedacht. Möglicherweise handelte es sich dabei um die Ereignis des 4. Oktober, als der Student Bernd Lünser versuchte, über das Dach des Hauses Nummer 44 in den Westen zu fliehen. Doch mittlerweile hatte die Volkspolizei auch Wachposten auf den Dächern der Grenzhäuser postiert. Es kam zu einer Verfolgungsjagd und Schießerei hoch über der Bernauer Straße. Lünser konnte sich losreißen und sprang vom Dach. Doch er verfehlte das Sprungtuch und war sofort tot.

Als Ursula Behrendt an diesem Abend wieder nach Hause kam, fand sie die Wohnung aufgebrochen und durchsucht. Zusammen mit ihrer Großmutter erstattete sie Anzeige. Vermutlich hatte die Polizei die Wohnung auf der Suche nach einem weiteren Flüchtling aufgebrochen. Die Strafanzeige lief ins Leere. Immerhin erhielten die Behrendts eine neue Tür und ein neues Schloss.

Am 13. Oktober, zwei Monate nach dem Bau der Mauer musste dann auch Ursula Behrendt zusammen mit ihrer Großmutter das Haus in der Bernauer Straße 44 verlassen. Ein Lastwagen der ostdeutschen Mineralölfirma Minol fuhr vor und lud die Habseligkeiten der verbliebenen Familien des Hauses auf. Sie wurden in die Griebenowstraße in Mitte einquartiert. Großmutter und Enkelin richteten sich endgültig auf ein Leben im Ostteil ein. „Von da an mussten wir mit den Wölfen heulen“, sagt Ursula Behrendt heute. Allerdings ohne sich zu verbiegen. Als eine Mitarbeiterin der Nationalen Front sie aufforderte, in der Nachbarschaft nach Fluchtwilligen Ausschau zu halten, erwiderte sie schroff: „Ich bespitzle doch keine Nachbarn!“ Die Großmutter musste schlichten.

Das Haus in der Bernauer Straße 44 geriet noch einmal in das Licht der Öffentlichkeit. Am 10. April 1962 plante der damals neunjährige Thomas Molitor zusammen mit einem Freund die Flucht, aus Enttäuschung darüber, dass er seine Großeltern im Westteil nicht mehr besuchen durfte. Er sprang vom Dach des Hauses in ein Sprungtuch der Feuerwehr. Sein Freund wagte den Sprung nicht und blieb zurück. Ein Jahr später starb er allerdings bei einem Fahrradunfall im Westteil der Stadt. Der mittlerweile Zehnjährige hatte einen Zug zu spät bemerkt und wurde überfahren.

Ursula Behrendt arbeitete zunächst als Stenotypistin in der Charité, später als Lohnbuchhalterin des Jugendreisebüros Jugendtourist. So konnte sie die osteuropäischen Bruderländer bereisen, bevor sie 1987 – als Höhepunkt – eine Spanienrundreise unternehmen durfte. Den Mauerfall am 9. November 1989 verpasste Ursula Behrendt. „Das kann er nicht gemeint haben“, dachte sie damals, als Günter Schabowski von der unverzüglichen Reisefreiheit sprach. Erst einen Tag später besuchte sie den Westteil der Stadt – und staunte darüber, wie sehr sich in den fast 40 Jahren der Teilung alles verändert hatte.

Ihre Großmutter hat diesen Tag nicht mehr erlebt. Sie war 1983 im Alter von 96 Jahren gestorben.