50 Jahre Mauerbau

Zwei Fluchtversuche ohne Happy End

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Zwei Mal versuchte Heinz Kranaster nach dem Mauerbau die Flucht aus der DDR – und scheiterte immer in letzter Minute.

Foto: Massimo Rodari

Der Tag, an dem sein Leben einen unerwarteten Verlauf nimmt, beginnt mit einer erdrückenden, fast unheimlichen Stille. Es ist kurz nach Mitternacht, als Heinz Kranaster den blinden Onkel seiner Frau von der Pankower Wohnung zur S-Bahn-Station Wollankstraße bringt. Die ganze Familie hatte am 12. August den 69. Geburtstag seines Schwiegervaters gefeiert. Was die Geburtstagsgäste nicht ahnen: Heinz Kranaster hat nur noch dieses Fest in Pankow abgewartet – „um noch einmal mit allen zusammen zu sein“ – bevor er einen längst gefällten Entschluss wahr macht. Die Taschen sind gepackt, am Morgen will er mit seiner Frau und den zwei kleinen Töchtern in den Westen fahren – und bleiben. Der Onkel nimmt die letzte S-Bahn, es muss so gegen 0.45 Uhr gewesen sein. „Die Stadt schlief“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Als um sechs Uhr das Telefon klingelt und ihm von Panzern, Stacheldraht und Kampfgruppen berichtet wird, denkt er nur eins: „Zu spät“.

Eine einzige vergilbte Schwarz-Weiß- Fotografie ist geblieben, von einem Leben, das anders geplant war. Es zeigt Heinz Kranaster, Ende der 50er-Jahre, in einem schlichten Büro bei der AEG im Wedding. Seit einigen Jahren war dort sein Arbeitsplatz. Er hat einen interessanten Posten in Aussicht. Dafür muss er aber im West-Teil der Stadt wohnen, das war die Voraussetzung. Bereits 1958 hatte er deshalb einen Antrag auf Umsiedlung gestellt. „Abgelehnt“ hieß es. Erst von der Bezirksbehörde, dann vom Präsidenten Wilhelm Pieck.

Die Tochter wird trotzdem in einer Weddinger Grundschule eingeschult und gehört wie ihr Vater zu den Grenzgängern. An einer Zukunft im anderen Teil der Stadt besteht längst kein Zweifel mehr. Eine Woche vor Mauerbau kommt die Familie aus dem Ostseeurlaub zurück und wird von den Schwiegereltern mit den Worten empfangen: „Wisst ihr nicht, was hier los ist?“ Alles deutet darauf hin, dass sich für Grenzgänger einiges ändern wird. Für die Familie ist klar: Sie müssen so schnell wie möglich übersiedeln. Nur noch die Geburtstagsfeier zum Abschied.

1950 ist der gebürtige Thüringer mit seiner Frau, die aus Berlin stammt und ihre erste Anstellung als Grundschullehrerin in seiner thüringischen Heimatstadt Monstab gefunden hat, nach Pankow zurückgekehrt. Sie finden eine 124 Quadratmeter große Ausbauwohnung, holen die Eltern seiner Frau zu sich, bekommen zwei Kinder.

Heinz Kranaster macht 1952 seinen Diplom-Gewerbelehrer und fängt als Berufsschullehrer bei einem Elektroapparatewerke in Treptow an. „Ich habe immer meine Arbeit gemacht, aber mit dem Staat wollte ich nichts zu tun haben“, sagt er. Der Lehrer weigert sich, anlässlich der Wahlen mit seinen Schülern in West-Berlin Propaganda für die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW) zu machen. Als 1953 die Panzer vor dem Werkseingang mit dem Kanonenrohr auf die Berufsschule zielen, bricht Kranaster den Unterricht ohne Erlaubnis des Direktors ab. Damit ist seine Karriere beendet. Ostern 1955 bekommt er die Kündigung. An seine Arbeitssuche im Ost-Teil erinnert er sich mit dem Satz: „Ich bin rum gelaufen wie ein Hund in der Wüste, der einen Baum sucht.“ Freunde vermitteln ihm dann den Job bei der AEG im Wedding, wo er im technischen Außendienst Kontakte zu Kunden und Zulieferern pflegt. Er bekommt eine Chance, aufzusteigen. Er soll sich um die Geschäftsverbindungen der AEG mit der DDR kümmern. Dafür ist die Familie bereit, in den Westen überzusiedeln.

Nachdem Heinz Kranaster am Morgen des 13. August den Hörer wieder aufgelegt hat, nimmt er seinen Schäferhund an die Leine, um sich selbst ein Bild von der Situation. In der Nähe seines Hauses hatten die Kampfgruppen begonnen, Straßen mit Stacheldraht zu trennen. „Mit meiner Frau allein hätte ich einen Durchschlupf gefunden und die Flucht gewagt“, sagt er. Doch mit den Töchtern, fünf und sieben Jahre alt, sei es ihm zu riskant gewesen. Am Nachmittag kommen Kollegen von der AEG und ein befreundeter Arzt aus West-Berlin, um „Kriegsrat“ abzuhalten. Die schmerzliche Einsicht: „Wir mussten uns damit abfinden.“

Einige Tage später hat Heinz Kranaster einen Termin im Rathaus in der Abteilung Volksbildung, wo alle Lehrer angestellt waren. Den Dialog kann der 89-Jährige heute noch wortwörtlich wiedergeben:

Frage: „Warum haben Sie beim Kapitalisten gearbeitet?

Antwort: „Weil ich hier keine Arbeit gefunden habe.“

Frage: „Sie hatten doch vorher Arbeit?“

Antwort: „Ich bin entlassen worden.“

Frage: „Würden Sie wieder Arbeit im demokratischen Sektor aufnehmen?

Antwort: „Gibt es eine andere Möglichkeit?“

Über alte AEG-Kontakte findet Heinz Kranaster einen Job als Projektierungsingenieur beim VEB Starkstromanlagenbau, der früher zur AEG gehörte. Chancen auf einen beruflichen Aufstieg hat er nicht.

Er bleibt seiner Haltung treu. Die Kinder sind nicht bei den Pionieren, am 1. Mai hisst er keine Fahne. Nur einmal geht er am „Kampftag der Arbeiterklasse“ zur Demonstration: „Aber nur bis zur ersten Straßenecke, dann bin ich abgebogen“, räumt Heinz Kranaster heute ein.

Noch ein zweites Mal will die Familie die Flucht wagen. 1962 erfahren sie vom Bau eines Tunnels an der Wollankstraße. Diesmal sind sie entschlossen, die Flucht mit den Kindern zu wagen. Doch kurz bevor der Tunnel fertig ist, bringt ein Rohrbruch das Bauwerk zum Einsturz. Der Osten ereifert sich über den Agententunnel. Nach dem zweiten missglückten Fluchtversuch, steht für Heinz Kranaster fest: „Ich muss jetzt hier klarkommen.“

Am heutigen Donnerstag um 19.30 Uhr erzählt in der „Abendschau“ die Schauspielerin Karola Ebeling von ihren Erlebnissen.