50 Jahre Mauerbau

Als plötzlich das Rattern der S-Bahn fehlte

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Jutta Witt war BVG-Mechanikerin. Am Tag des Mauerbaus fiel ihr zuerst die Stille auf – weil die Bahnen zwischen Ost und West nicht fuhren.

Foto: M. Lengemann

Irgendetwas war anders. Die Stille. Kein Quietschen, kein Rattern von der S-Bahn, die sonst im Fünfminutentakt über die Gleise direkt hinter dem Haus entlang fuhr und deren Krach im Hinterhof der Kopenhagener Straße 8 nachhallte, erinnert sich Jutta Witt. An diesem strahlenden Sommersonntag wurde die junge BVG-Mechanikerin gegen 8 Uhr wach. Es war der 13. August 1961. Es war der Tag, an dem die Mauer gebaut wurde – und die S-Bahnen zwischen Ost und West nicht mehr fuhren.

Bereits am Abend zuvor hatte sich Jutta Witt, damals 21 Jahre alt, geärgert, dass die Heimfährt von Neukölln nach Prenzlauer Berg so umständlich abgelaufen war. Witt war mit ihrer Mutter Lucia und Großmutter Elfriede von der gemeinsamen Wohnung zu Cousine Regina und deren Mann Wolfgang gefahren. „Das Land des Lächelns“ von Lehár wurde gezeigt – und Regina und Wolfgang hatten einfach den größeren Fernseher. In fröhlicher Stimmung ging es nach der Operette gegen 22.30Uhr nach Hause. Bis die S-Bahn dann am Ostkreuz überraschend hielt. „Aussteigen, alle aussteigen!“, wurden die wenigen Fahrgäste per Lautsprecherdurchsage in harschem Ton aufgefordert. Die Ringbahn fuhr nicht mehr.

Erst nach Mitternacht kamen die Frauen zu Hause in ihrer kleinen Eineinhalbzimmerwohnung in Prenzlauer Berg an. „Wir sind ins Bett gefallen und haben da noch nichts Böses geahnt“, sagt Jutta Witt.

Aber am nächsten Morgen war es dann eben auffallend still, ohne das Quietschen, das Rattern der Bahnen. „Wir haben das Radio eingeschaltet, den SFB. Dort erzählten die was von Stacheldraht und Absperrung des Ostens. Ich wusste, ich muss zum Gleimtunnel.“ Mit der Mutter rannte Jutta Witt direkt nach dem Frühstück aus dem Haus in die Rhinower Straße, runter Richtung Gleimstraße. Schon weit vor dem Tunnel war die Welt plötzlich zu Ende. „Die hatten meterhohen Stacheldraht befestigt, der Weg nach Wedding war dicht. Es stand eine Kampfgruppe da. Rund 20 bis 30 Mann, alle mit dem Gewehr im Griff. Und die Gewehre waren nicht gegen den angeblichen Feind gerichtet – sondern alle auf uns.“ Nein, Angst habe sie nicht gehabt, versichert Jutta Witt. „Das Gefühl glich eher einem Koma, wir waren völlig perplex, einfach fassungslos.“

Eine Gruppe von etwa hundert Anwohnern stand vor dem Tunnel. Aufgebracht, aber sprachlos, überraschend ruhig. „Da hat keiner Widerstand geleistet“, sagt Jutta Witt. Ihre Mutter habe sie am Arm gegriffen und zum Heimweg nach Hause gedrängt. „Wir konnten uns nicht vorstellen, dass die Absperrung von Dauer sein sollte.“

Es sei zunächst ja auch vieles so geblieben, wie es immer war, sagt sie. Sie arbeitete weiter bei den Verkehrsbetrieben, deren Busse und Bahnen auf einmal nur in der Hälfte Berlins verkehrten, „Doch irgendwann“, erzählt Jutta Witt, „musste ich einsehen, dass das Gerede vom antifaschistischen Schutzwall ernst gemeint war und die Grenzen zwischen Ost- und West-Berlin wirklich geschlossen blieben.“

Erst als ihr bewusst wurde, dass sie nicht mehr einfach die Familie im Westen besuchen konnte, da habe sie „kapiert, was los ist. Das war schrecklich, so ein Gefühl der Verlassenheit“. An ihrer Hochzeit mit dem BVG-Oberleitungsmonteur Klaus am 15. September 1962 konnten die Verwandten aus dem Westen nicht teilnehmen. „Selbst meine 81 Jahre alte Oma durfte nicht kommen.“ Doch auf der Taxifahrt zur Trauung im Rathaus Pankow schaltete der Fahrer Westradio ein. „Und da wird plötzlich ein Gruß meiner Oma Ida durchgesagt. Ich wäre umgekippt, wenn ich nicht schon gesessen hätte. “ Es war Zufall, dass sie den Gruß hörte. Und, so sehr sie sich über Oma Idas Findigkeit freute, auch ein Zeichen dafür, „wie schrecklich die Mauer war“.

Fluchtgedanken hatte sie jedoch nie. „Nicht nur, weil ich Schiss hatte, man wusste ja, was passieren konnte, sondern auch, weil ich meine Mutti nie allein gelassen hätte, und sie wollte niemals weg“, sagt Jutta Witt. Und den Verwandten im Westen sei es zunächst ja „auch nicht viel besser gegangen als uns, die Unterschiede waren damals noch nicht so krass, also warum das Zuhause verlassen?“ Außerdem hatte sie ihre Arbeit als Mechanikerin bei den Verkehrsbetrieben Ost in der Warschauer Straße, wie schon Großmutter und Mutter arbeitete Jutta Witt zunächst bei der BVG Ost. Der Vater war in Stalingrad gefallen. Sie richtete sich, trotz aller Zweifel, in ihrem Leben ein, sie überlebte – auch, als ihr Mann und ihre Tochter Kerstin, gerade 13 Jahre alt, im Jahr 1976 bei einem Autounfall ums Leben kamen.

20 Jahre sollten nach der Grenzsperrung vergehen, bis Jutta Witt wieder in den Westen kam. „Das war so 1984 oder 1985, meine Tante war schwer erkrankt. Die Leiterin des Heims hatte mir ein Attest ausgestellt, sodass ich rüber durfte“ sagt Jutta Witt. Bis zu einem Donnerstag im November 1989. Es hatte an diesem Tag in Berlin ein wenig geregnet, die Temperaturen waren mild. Und in der Nacht fiel die Mauer, Tausende von Berlinern feierten an den Grenzübergängen. Genauso unvorstellbar und unvorhergesehen wie 28 Jahre zuvor der Mauerbau. Sie habe den Mauerfall auch erst einen Tag später realisiert, sagt Jutta Witt: „Das war einmalig, ein unglaubliches Gefühl. Wir waren alle aus dem Häuschen.“

Am 10. November 1989 ließ sie ihre Arbeit bei den Berliner Verkehrsbetrieben Arbeit sein und setzte sich in ihren Trabi. Jutta Witt machte sich auf den Weg zu ihrer Familie. Nach Neukölln, genauso wie am 13. August 1961. Und dort wird sie auch am 13. August dieses Jahres sein: „Ich werde wahrscheinlich zu meiner Cousine fahren“, sagt Jutta Witt.

Am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr erzählt in der „Abendschau“ Heinz Kranaster von seiner Flucht nach West-Berlin .