50 Jahre Mauerbau

Wie eine Betonfabrik im Todesstreifen produzierte

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin, wie Rainer Meier. Dessen Vater besaß eine kleine Betonfabrik direkt an der Grenze. Ab dem 13. August 1961 musste unter Bewachung produziert werden

Foto: Reto Klar

Was Grenzen sind, braucht niemand Rainer Meier zu erklären. Seit der Junge aus Glienicke / Nordbahn sechs Jahre alt ist, erlebt er oft täglich, mindestens mehrfach pro Woche Kontrollen. Denn er lebt in Brandenburg direkt an der Außengrenze des französischen Sektors von West-Berlin – und schon seit 1952 dürfen Einwohner der drei westlichen Sektoren der früheren deutschen Hauptstadt nicht mehr einfach auf der Oranienburger Chaussee von Reinickendorf nach Glienicke fahren oder laufen. DDR-Polizisten stehen hier an Absperrungen quer über der Straße und kontrollieren jeden, der die Vier-Mächte-Stadt verlassen und in die DDR einreisen will. Die Stadtgrenze ist mit Holzzäunen und Maschendraht markiert. Keine unüberwindbaren Hindernisse, gewiss – aber doch: respekteinflößend.

Neun Jahre lang hat Rainer sich daran gewöhnt, den West-Berlinern etwas vorauszuhaben: Er darf passieren, wo sie abgewiesen werden. Am Anfang hatte er sogar eine Grundschule in Hermsdorf besucht, also in West-Berlin. Doch schon im folgenden Jahr 1953 musste er wechseln. Die SED hatte Druck auf seinen Vater ausgeübt, den Sohn auf eine Schule in der DDR zu geben. Auch das aber hat sein Gutes, denn er kann eine Klasse überspringen.

Statt täglich auf dem Schulweg passiert Rainer nun die Kontrollen nur noch, wenn er nach West-Berlin will. Er lernt, seinen Ausweis stets dabei zu haben. „Wir sind oft in Hermsdorf ins Kino gegangen“, erinnert er sich, zuletzt am Freitag, dem 11. August 1961. Es läuft „Der Teufel spielt Balalaika“ mit Götz George, ein Drama, das in einem sowjetischen Gefangenenlager spielt. Unvorstellbar, dass so ein Film in einem DDR-Kino gezeigt würde. Also gehen Rainer und seine Freunde eben in den Westen. „Als wir nachts zurück nach Glienicke kommen, sieht am Kontrollpunkt Oranienburger Chaussee alles ganz normal aus.“.

Anderthalb Tage später ist alles anders. „Schon gegen acht Uhr ist mein Vater in mein Zimmer gekommen und sagt ganz aufgeregt: ,Die haben die Grenze dichtgemacht!'“ Für die Familie Meier ist das eine doppelt schlechte Nachricht. Nicht nur dürfen sie nun nicht mehr nach West-Berlin, auch ihre wirtschaftliche Existenz ist unmittelbar gefährdet. Denn die kleine Betonstein-Produktion, die Paul Meier betreibt, liegt unmittelbar am Kontrollpunkt, gerade mal eine Straßenbreite weit von West-Berlin. „Mein erster Gedanke am 13. August: ,Was wird jetzt aus unserer Firma?'“ Vater und Sohn Meier machen sich auf den Weg, doch schon mehr als hundert Meter vor dem Betrieb kommen sie nicht weiter: Männer der „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ versperren den Weg.

Paul Meier bittet, durchgelassen zu werden, und erklärt, warum er in seinen Betrieb muss. „Sie haben uns mit versteinerten Gesichtern angeguckt.“ Dann ersucht er darum, mit dem Vorgesetzten der Wachposten sprechen zu dürfen. Seinem Sohn fällt derweil schlagartig auf: „Die schauen ja in unsere Richtung, nach Glienicke! Da man jedoch dem Feind kaum den Rücken zukehrt, müssen wohl wir ihr Feind sein!“

Schließlich kommt ein Offizier, hört sich die Sorgen von Paul Meier an – und entscheidet: Die beiden dürfen in den Betrieb und die beim Abbinden heiß gewordenen Betonwerksteine befeuchten. Aber nur in Begleitung von zwei Wachposten, einem für den Vater und einem für den Sohn. Unter strenger Aufsicht erledigen die beiden Meiers ihren Arbeit: „Mein Posten steht zwischen mir und der Außenfassade des Gebäudes zur Oranienburger Chaussee. Und wenn ich den Fenster zu nahe komme, hebt er seine Maschinenpistole drohend.“

Am nächsten Morgen, dem 14. August 1961, kommen die Angestellten von Paul Meier zunächst nicht zu ihrem Arbeitsplatz. Erst muss der Fabrikbesitzer, ohnehin in der DDR als „Kapitalist“ verschrien, für sie Passierscheine beantragen. Bewacht wird die Arbeit in dem kleinen Unternehmen ständig, obwohl inzwischen schon zwei, bald drei Reihen Stacheldraht die Oranienburger Chaussee versperren.

Vater Meier ist klar, dass er seine Firma nicht auf Dauer im Sperrgebiet betreiben kann. Als 1964 das Dach des Gebäudes einstürzt, ist Paul Meier froh, dass er bereits neben seinem Wohnhaus eine kleine Außenstelle angelegt hat. Jetzt will er die ganze Firma verlagern. Doch die SED zwingt ihn, sein Eigentum in einen „halbstaatlichen Betrieb“ umzuwandeln; acht Jahre später wird die Firma endgültig enteignet. Nach dem Ende des SED-Regimes wird der Betrieb reprivatisiert, allerdings nicht mehr am alten Standort. Dort liegt heute eine Brache.