50 Jahre Mauerbau

Mit dem Brautkleid im Koffer nach Ost-Berlin

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Christel Kiel stammt aus West-Berlin. Nach dem Mauerbau geht sie in den Osten – um ihren Verlobten zu heiraten

Foto: M. Lengemann

An einem kalten Wintermorgen hält Christel Kiel die Freiheit nicht mehr aus. Sie packt ihren Koffer, nur das Wichtigste kommt mit. Die Zahnbürste, ein paar warme Socken, der Mantel. Oben liegt das weiße Brautkleid, sorgfältig zusammengelegt. Christel Kiel verabschiedet sich von ihrer Mutter und ihrem Onkel. Endgültig.

Sechs Monate ist es her, dass die DDR ihre Grenzen abgeriegelt hat. Für die junge Frau aus Wedding ist es eine Tragödie. Ihre große Liebe lebt in Ost-Berlin. Am 15. März 1962 sitzt die 18-Jährige in einem kahlen Raum im Bahnhof Friedrichstraße. Ein Volkspolizist verhört sie, der Ton ist ruppig. „Wer sind Sie?“, „Was wollen Sie in der DDR?“. Christel Kiel antwortet wahrheitsgemäß, sie will nur eines: zu ihrem Verlobten nach Schöneweide. Als Christel Kiel, die damals noch Hoffmann hieß, ihren Mann Lothar 1960 kennenlernt, ahnen beide noch nichts von der Mauer. Schnell wird der Kontakt enger. Sonntags treffen sie sich regelmäßig zum Kirchgang an der Frankfurter Allee. Es wird ein festes Ritual.

Am 13. August 1961 steht Christel Kiel weinend am Bahnhof Gesundbrunnen. Die SED hat ihre Drohung wahr gemacht und die drei westlichen Sektoren von Berlin abgeriegelt. Ein Polizist schickt sie wieder zurück. Kiel glaubt, dass sie ihren Freund nie wieder sieht.

Zu Hause nimmt ihr Onkel sie in den Arm, beide setzen sich in die S-Bahn und fahren nach Schöneweide. Noch ist der Verkehr nicht unterbrochen. Am 20. August besucht die junge Frau ihren Lothar zum letzten Mal, sie verloben sich. Doch die räumliche Trennung schmerzt, das junge Paar ist verzweifelt. Beide schreiben sich Briefe. Kiel wird klar, dass sie ohne Lothar nicht leben will. Nicht leben kann. Was nützt die Freiheit, wenn sie unglücklich macht? In Kiel reift der Entschluss, dass es nur einen Weg geben kann: Sie muss rüber, in den Osten. Für immer.

Am 15. März 1962 steht das junge Mädchen am Bahnhof Friedrichstraße. Die Polizisten schicken sie weiter an den Alexanderplatz. Auch dort wird sie verhört. Christel Kiel kommt nach Blankenfelde, ein Ortsteil im Norden von Pankow. Hier hat die DDR ein Auffanglager für Flüchtlinge eingerichtet. Kiel teilt sich ihr Zimmer mit drei Frauen. Nach dem Frühstück wird täglich per Lautsprecher durchgesagt, wer bleiben darf, wer mit dem Bus abgeholt wird – oder wieder in den Westen zurück muss.

Nach zwei Wochen kommt die erlösende Botschaft: Sie darf in der DDR bleiben. Kiel bekommt eine Buskarte, sofort fährt sie nach Schöneweide ans Transformatorenwerk. Dort arbeitet ihr Verlobter. Kiel ist erleichtert. Endlich angekommen. Das junge Paar lebt in den ersten Wochen in einer 1,5-Zimmer-Wohnung in Schöneweide – mit den Schwiegereltern. Vier Menschen auf engstem Raum. Am 30. Mai 1962 heiraten die Kiels. Im Januar 1963 kommt ihr gemeinsames Kind zur Welt.

Christel Kiel arrangiert sich schnell mit den Verhältnissen im Sozialismus. Kiel sagt, sie sei unpolitisch gewesen. Als Verkäuferin arbeitet sie in einem Markt in Johannisthal, einem Ortsteil von Köpenick. Ständig fehlt Ware. Weihnachten 1963 sieht sie ihre Familie zum ersten Mal wieder. Im Osten. Das Paar lebt noch immer hier. Vor sechs Jahren sind sie in eine kleine Wohnung am Rand von Köpenick gezogen. Christel Kiel sagt, Ost-Berlin sei ihre Heimat geworden. Würde sie sich heute, im Rückblick auf 49 Jahre Ehe, wieder so entscheiden? Kiel ergreift die Hand ihres Mannes. „Ja. Ich habe es nie bereut.“

Am heutigen Donnerstag um 19.30 Uhr berichtet in der „Abendschau“ Manfred Wenzel von seiner Flucht durch den Teltowkanal.