50 Jahre Mauerbau

Der letzte Hollywoodstreifen für lange Zeit

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Dieses Mal erzählt Jürgen Franke. Er passierte in der Nacht zum 13. August 1961 auf dem Rückweg vom Kino die Bernauer Straße – als einer der Letzten. Doch das wird ihm erst später klar.

Foto: Reto Klar

Das Ehepaar duckt sich in einen Hauseingang am Ende der Schwedter Straße. Es versucht, unauffällig zu sein, es will nicht die Aufmerksamkeit der patrouillierenden Grenzsoldaten erregen. Als sie sich unbeobachtet fühlen, nimmt der Mann ein kleines Fernglas aus der Manteltasche und fixiert den Aussichtsturm auf der anderen Seite der Mauer. Im Westen. Ein junges Mädchen winkt dem Paar vom Turm herüber. Es ist ihre Tochter.

Zurückwinken dürfen Jürgen Franke und seine Frau nicht, und daran, mit ihrer Tochter zu sprechen, ist gar nicht zu denken. Es ist das erste Mal, dass sie die 20-Jährige wiedersehen, wenn auch nur von Weitem. Sie ist in den Westen abgehauen, heimlich. Nun trennt die Familie die Mauer. Es ist 25 Jahre her, da ist Jürgen Franke einer der Letzten gewesen, der die Bernauer Straße hier sorglos überqueren konnte. Damals, in der Nacht zum 13. August 1961.

Die Laune ist gut an diesem Sonnabend. Jürgen Franke und seine beiden Freunde haben die Filmmusik aus dem Kino noch im Ohr. Sie reden über Colonel Nicholson, der die jungen Männer besonders beeindruckt hat, über die schwüle Hitze des burmesischen Dschungels, über die Spannung am Ende des Films. Franke hat „Die Brücke am Kwai“ jetzt schon zum zweiten Mal gesehen. Er würde ihn am liebsten auch noch einmal schauen. Doch dieser Hollywoodstreifen wird für lange Zeit sein letzter gewesen sein. Aber das ahnt der 19-Jährige natürlich nicht.

Jürgen Franke, Malergeselle, liebt Filme. Jedes Wochenende ist er mit seinen Freunden unterwegs, er kennt fast alle Kinos der Stadt. An diesem Abend sind sie im „Atlantic“ in Gesundbrunnen gewesen. Erst ins Kino, danach noch eine Cola trinken. Wie immer. Es ist kurz nach Mitternacht, als die drei jungen Männer an der Bernauer Straße zurück in den Osten wollen. Schon von weitem bemerken sie die hellen Scheinwerfer. Als sie näher kommen, sehen sie Kampfgruppen, paramilitärische Einheiten von Arbeitern, mit Maschinenpistolen im Anschlag und jede Menge „kasernierte Volkspolizei“. Franke und seine Freunde finden das seltsam, machen sich aber weiter keine Gedanken. Dann sehen die drei jungen Männer den Stacheldraht. Auf der gesamten Straße ist er ausgerollt, nur ein Spalt ist noch offen, vier oder fünf Meter breit. „Wat solln det hier?“, fragen sie, bekommen aber keine Antwort. Achselzuckend und ohne weiter kontrolliert zu werden, schlüpfen die drei durch die Lücke im Stacheldraht und fahren nach Hause.

„Wir sind vermutlich die Letzten gewesen, die in dieser Nacht die Sperre noch passieren durften“, sagt Jürgen Franke heute. Der 69-Jährige, grauer Schnauzbart, braungebrannt, wohnt noch immer in Prenzlauer Berg. Sein ganzes Leben hat er im Kiez rund um die Danziger Straße verbracht. 1961 wohnt Franke dort noch bei seinen Eltern. Am frühen Morgen des 13. August weckt ihn seine Mutter. Sie ist ganz aufgeregt, erinnert sich Franke. „Die Grenzen sind zu!“ ruft sie. Ungläubig beeilt sich der junge Mann, wieder zur Bernauer Straße zu fahren. Dort ist es längst nicht mehr so ruhig wie in der Nacht. Eine Menschentraube hat sich vor dem Stacheldraht gebildet. Die Lücke in der Absperrung ist weg.

„Die Stimmung war aufgeheizt“, erzählt Franke. Aus dem Westen rufen Menschen herüber, die „Grenzgänger“ in der Menge im Osten wollen wissen, wie sie nun zur Arbeit fahren sollen. Noch am Sonntag kommen Laster mit Hohlblocksteinen zur Bernauer Straße, Maurer legen unter Bewachung Stück auf Stück, Tag und Nacht. Wenige Tage später geht Franke an der Oderberger Straße ins Schwimmbad. Auf dem Weg dorthin sieht er wieder Kampfgruppen. Sie heben jeden Gullydeckel auf der Straße hoch und halten ihre Maschinenpistolen hinein. „Mir war sofort klar: Die ersten hauen schon durch die Kanalisation ab“, erzählt Franke. „Es war vorbei mit ins Kino gehen und Cola trinken.“

Lange Zeit ist er danach gar nicht mehr ins Kino gegangen. Bis zum Mauerfall war Franke auch nicht mehr im Westteil der Stadt. Doch nach seiner Tochter 1986 flieht auch sein Sohn noch im Sommer 1989 in den Westen. „Am 10. November bin ich dann rüber – und zwar wo? Natürlich an der Bernauer Straße.“ Einen „ulkigen Moment“ nennt Franke das: erst stundenlang stehen und warten, weil alle auf einmal rüber wollen, dann die jubelnden West-Berliner, dann Sohn und Tochter sehen. Nicht durch ein Fernglas, sondern ganz nah.

Am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr berichtet in der „Abendschau“ Christel Kiel, wie sie der Liebe wegen nach dem Mauerbau in den Osten übersiedelte.