50 Jahre Mauerbau

Wie ein Elektriker Leitungen nach West-Berlin kappte

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Der Elektriker Wolfgang Gerhardt musste an der Grenze Scheinwerfer montieren und Telefonleitungen nach West-Berlin kappen.

Foto: Reto Klar

Fürst des Lichts wird er auch genannt, der Heilige Michael. Fast kampfeslustig blickt er von seiner Kirche aufs Engelbecken herab. Auf seine Energie hoffen Gläubige, wenn ihnen Unrecht widerfährt, wenn sie von Albträumen geplagt werden. All dies trifft auf die Anwohner zu, als sie hier am 13. August 1961 zusehen müssen, wie ihr Kiez zerschnitten wird. Ihr Albtraum ist real. Doch Hilfe kommt weder von oben noch aus dem Westen.

Zuständig für Licht, wenn auch ganz anderer Art, ist ein junger Elektriker aus Lichtenberg. Wolfgang Gerhardt wird am frühen Abend von mehreren Volkspolizisten bei seiner Mutter in Köpenick abgeholt. „Ich hatte noch einen leichten Rausch. Das ganze Wochenende hatten wir die Hochzeit meines Bruders gefeiert. Von den Ereignissen an der Grenze hatte ich keinen Schimmer. In einer ,grünen Taxe' fuhren die Vopos mit mir Richtung Stadtmitte los.“

Immer wieder fragt er, was er denn verbrochen habe, bekommt aber keine Antwort. „Auf der Stalinallee wunderte ich mich über unzählige Autokräne und Trecker mit Anhängern voller Steine. Erst später wurde mir klar: Die waren alle unterwegs zur Grenze.“ Am Engelbecken endet die Fahrt. Ungläubig starrt Gerhardt auf die Maurer, die hier Stein auf Stein schichten. Fragt sich, ob ihm gerade der Alkohol die Sinne vernebelt.

„Hinter der Kirche St. Michael, die auf Ostseite direkt an der Grenze stand, war eine Baracke. In die wurde ich mit sieben anderen Handwerkern eingesperrt.“ Erst als es fast dunkel ist, lässt man die Männer heraus und teilt ihnen ihre Aufgaben mit. „Ich sollte die Mauer beleuchten, die in großem Tempo hochgezogen wurde“, erzählt der heute 78-Jährige.

An diesem Abend beginnt Gerhardt nun, im Abstand von zehn Metern Scheinwerfer an Kränen zu befestigen und anzuschließen, damit die Arbeiten nachts weitergehen können. Die Lampen stammen aus dem Wohnungsbau-Kombinat, in dem er arbeitet – normale Bau-Leuchten. Außerdem müssen die Zement-Mischer mit Strom versorgt werden, den die Generatoren der Kräne liefern. Mehrfach sieht der 27-Jährige, wie Maurer die Kellen fortwerfen und flüchten. Groß ist die Versuchung, ihnen zu folgen, aber er denkt an seine Familie. „Ich war verheiratet, meine Tochter gerade drei Jahre alt.“

Noch einen Monat zuvor hatte er als Grenzgänger in Spandau gearbeitet. „Bis mir auf dem Heimweg ein Vopo auf der Oberbaumbrücke befahl, ich solle mich morgen im Funkhaus Köpenick zur Arbeit melden. Ich war wütend und sagte, ich dächte nicht daran. Was ich in der DDR in einem Monat verdienen würde, bekäme ich im Westen schließlich in einer Woche.“ Aber dann bot man ihm die Stelle im VEB Volksbau an. Auf einmal sollte er nicht nur doppeltes Gehalt, sondern auch noch eine Wohnung bekommen. Er nahm an.

Bei seinem Einsatz versucht der Elektriker nicht zu grübeln, ob das ein Fehler gewesen war. Die Arbeit ist immer gleich: „Wir waren nur nachts tätig.“ Morgens werden sie wieder eingesperrt. Unter ihnen sind Schweißer, zuständig für das Zusammenfügen der Eisenkerne in den Mauerplatten, und Installateure für die Wasserzufuhr der Beton-Mischer. Eine knappe Woche geht das so, eine Woche, in der auch die St.Michaels-Kirche von den „Grenzsicherungs-Maßnahmen“ nicht verschont bleibt. Gerhardt beobachtet, wie man den Erzengel vom First der Kirche holt. Der Schutzengel der Bedrohten soll sein Kreuz nicht länger kampfesmutig vor sich her tragen dürfen. Solche Symbole scheut das SED-Regime wie der Teufel das Weihwasser.

Mit einem Befehl wird der Elektriker schließlich ins Wochenende verabschiedet, die Arbeit am Engelbecken ist beendet. Am Montag hat er sich in der Tucholskystraße in Mitte zu melden. Was er dort tun soll, erfährt er wieder erst an Ort und Stelle: Telefonkabel durchtrennen, die in den Westteil der Stadt führen. Die DDR-Regierung macht keine halben Sachen. Total soll schließlich die Trennung der Menschen sein. Und tot die Telefonleitung zur Tante in Tegel und zur Mutter nach Mariendorf. Mitte September wird der Handwerker dann an verschiedene Grenzabschnitte geschickt, um Scheinwerfer und Kabel einzusammeln, die nicht mehr gebraucht werden. Diesmal muss er auf Abstand bleiben, darf sich der Mauer nicht mehr nähern.

Gerhardts Wut auf das Regime und der Wunsch, im Westen zu leben, werden mit der Zeit immer größer. 1980 stellt er den ersten Ausreiseantrag. Abgelehnt. Der zweite wird genehmigt – unter der Bedingung, dass sein 17-jähriger Sohn in der DDR bleibt. „Der müsse bald zur Armee, teilte man uns mit. Da blieben wir natürlich auch.“ Zwei Jahre später bekommt er einen Termin bei Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der auf Ausreisen spezialisiert ist. „Das Gespräch dauerte nur zwei Minuten: Es werde sich jemand bei uns melden. So wurden wir verabschiedet.“

Bald darauf kommt eine „Begleitperson für den genehmigten Umzug“, ein Stasi-Mann. Die Familie zieht 1983 nach Karlsruhe, seine Frau Rosmarie hat dort Verwandte. Am Fernseher verfolgen die Gerhardts am 9. November 1989, wie sich die Grenzen öffnen. Eine Woche später fahren sie nach Berlin, klopfen sich am Reichstag ein faustgroßes Stück aus der Mauer.

Langsam steht Wolfgang Gerhardt von der Bank auf, dreht sich um und sieht zufrieden zur Kirche. Da steht er wieder, der Erzengel. Über dem Eingangsportal. Dort, wo er hingehört.

Am heutigen Freitag um 19.30 Uhr berichtet Ursula Rahn in der „Abendschau“, was sie am 13. August 1961 am Brandenburger Tor erlebte.

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