50 Jahre Mauerbau

Republikflucht durch ein geräumtes Haus

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Peter Hertel flüchtete durch ein geräumtes Haus an der Bernauer Straße – praktisch unter den Augen der DDR-Posten und dennoch unbemerkt

Foto: Reto Klar

Peter Hertel blickt auf das Meer, als er seine Freiheit verliert. Am 13. August 1961 ist er an der Ostsee, zum Kurzurlaub bei seiner Freundin, die in einer Bar in Kühlungsborn arbeitet. Vor fünf Tagen ist der Elektromonteur aus Berlin hierher gekommen. Spät abends holt er sie ab, morgens frühstücken sie mit Blick auf das Wasser, hören Radio. An jenem Sonntagmorgen hören sie: „Starke Truppenbewegung an allen Grenzabschnitten zu West-Berlin.“ Peter Hertel will sofort zurück, zurück in die geteilte Stadt.

Denn er ist „Grenzgänger“. So jedenfalls nennt die SED Leute wie ihn. Wie 63000 andere Menschen, die im Westen ihr Geld verdienen, aber im Osten leben. Peter Hertel arbeitet beim Elektrounternehmen „Rogge & Co“ in Neukölln, verdient 400 Ostmark pro Woche, feiert danach gern mal in der „Melodie“, einer Bar im Keller des Friedrichstadtpalastes, bevor er nach Hause in die Wohnung an der Bötzowstraße in Prenzlauer Berg geht. Hastig verabschiedet er sich von seiner Freundin, eilt zum Bahnhof – doch zunächst bekommt er keinen Platz mehr in den überfüllten Zügen. Erst nach einer Woche kann Peter Hertel zurück. Inzwischen haben bewaffnete Einheiten der DDR entlang der Grenze Stacheldraht und Maschendrahtzäune errichtet. Sein Arbeitsplatz ist unerreichbar.

Peter Hertel fährt mit dem Fahrrad die Grenze ab, in einem Sicherheitsabstand von 50 Metern. Er muss ein Schlupfloch finden, er will „rüber“. Doch er findet keine Lücke mehr. Ihm bleibt nichts anderes übrig, er muss bleiben und die zugeteilte Arbeit beim „Büro für Erfindungswesen“ des staatseigenen Ost-Berliner Stromerzeugers am Alexanderplatz aufnehmen.

Der Gedanke an eine Flucht verlässt ihn nicht. Er hört, dass Menschen durch die Spree schwimmen, mit Lastkraftwagen Straßensperren durchbrechen. Und er sieht, wie die Fenster der Grenzhäuser an der Bernauer Straße nach und nach zugemauert werden, wie Männer, Frauen, Kinder aus den oberen Stockwerken springen. Über die Grenzhäuser will er fliehen, und zwar bald.

Peter Hertel feilt an seinem Fluchtplan. Er besorgt sich ein Seil aus einem Segelbedarfsgeschäft, schlingt alle 50 Zentimeter Knoten hinein, versteckt es in seiner Aktentasche. Dann stellt er sich am Morgen des 20. Oktober 1961 im Namen des Chefs einen fiktiven Auftrag aus: Prüfen von Stromzählern in den geräumten Grenzhäusern. Gegen 15.30 Uhr fährt er zur Schönholzer Straße, parallel zur Bernauer Straße. Er hofft, hier ein noch nicht vermauertes Fenster zu finden. Plötzlich steht er vor einem DDR-Grenzpolizisten.

„Ohne Passierschein geht hier gar nichts“, sagt dieser. Bis zur Schädeldecke hämmert Peter Hertels Herz. Er läuft die Schönholzer Straße entlang und versucht, Zugang zu einem der bewachten Häuser zu bekommen. Doch keiner der Grenzpolizisten von der Brunnen- bis zur Swinemünder Straße kauft ihm die Geschichte ab. Seine Hand krampft um die Aktentasche, in der das Seil steckt. Plötzlich, an einem Seiteneingang an der Swinemünder: keine Wache. Er huscht in den Hof. Und da steht doch ein Posten. Direkt vor dem Gartenhauseingang langweilt sich ein junger Vopo. Hertel stockt, dann macht er sich Mut, geht energisch auf den Vopo zu. Und hält ihm seinen Ausweis unter die Nase. „Ohne Passiersch...“ – „Ich weiß. Aber ich möchte dem Chef ein Ergebnis melden!“, lügt er. Er weiß nicht, ob in dem Haus noch Fenster offen sind. „Gut. Aber schnell, damit die Genossen auf dem Dach das nicht mitbekommen.“

Peter Hertel eilt die alte Holztreppe hoch, drückt sich an der Wand entlang, damit die Stufen nicht knarzen. Im Parterre ist alles dunkel, ebenso im ersten Stock. Dann der zweite: Tageslicht. Licht aus dem Westen, denkt er. Peter Hertel stößt die Tür auf – zwei Fenster. Eins schon vermauert, eins offen. Zement, Mörtel, Ziegel liegen auf dem Boden. Die Maurer müssen gerade gegangen sein, es ist 16 Uhr. Peter Hertel hastet zum Fenster. „Da will ja einer abhauen“, hört er von draußen, aus dem Westen. Erschrocken duckt er sich. Haben ihn auch die Grenzer bemerkt? „Werden sie gleich über die Treppe poltern, auf mich schießen?“ Nichts rührt sich. Also weiter. Er holt das Seil aus der Tasche, kriecht hinüber zum alten Kachelofen. Am gusseisernen Griff befestigt er das Seil, robbt auf Knien zurück, schlingt es zweimal um das Fensterkreuz. Das muss sein Gewicht halten. Dann springt er auf das Sims und klettert los.

Nur runter, denkt Peter Hertel. Nur helfen, denkt ein Gasag-Mitarbeiter, der in diesem Moment gegenüber, im Westen, Gaslaternen wartet und das Geschehen beobachtet. Hertels Seil reicht nur bis zum ersten Stock. Beherzt greift der Gasag-Mann zur Leiter und hilft Peter Hertel in den Westen. Menschen umringen ihn, schenken ihm Zigaretten, Obst, Geld. Ein Polizist leitet ihn aufs nächste Revier, direkt um die Ecke in der Pankstraße. Die Flucht ist geglückt.

Erst ein halbes Jahrhundert später kehrt Peter Hertel zurück an die Bernauer Straße, Ecke Swinemünder Straße. Die Häuser, von denen aus DDR-Bürger in den Westen sprangen oder sich abseilten, stehen nicht mehr. Die SED ließ sie für den Ausbau des Grenzstreifens abreißen. An das Haus, durch das er flüchtete, erinnert nur eine beschädigte Gedenktafel. Er blickt darauf. „Unvorstellbar, was damals in mir vorging“, sagt der heute 73-Jährige. „Meine Knie haben so geschlottert.“ In seiner Hand hält er einen Ausschnitt aus einer West-Berliner Zeitung, vom 21. Oktober 1961. „In der Bernauer Straße ermöglichte ein Gasag-Angestellter einem Ableser der Ost-Bewag die Flucht. Er konnte unbehindert und unbemerkt auf den Bürgersteig in West-Berlin klettern.“

Peter Hertel ist bewusst, welches Risiko er damals eingegangen ist. Nur einmal hätte jemand genauer nachfragen, in die Aktentasche mit dem Seil schauen müssen – er wäre aufgeflogen und wie Zehntausende andere gescheiterte „Republikflüchtlinge“ ins Gefängnis gegangen. Dank viel Glück ist ihm das erspart geblieben.

Den friedlichen Fall der Mauer am 9. November 1989 hat Peter Hertel gemeinsam mit seiner zweiten Frau Veronika daheim in Heiligensee erlebt, am Fernseher. „Siehst du, jetzt können die anderen auch endlich rüber“, hat er da gesagt. Der einstige „Grenzgänger“ Hertel hatte es schon vorher geschafft. Ohne Passierschein.

Am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr berichtet Monika Flindt in der „Abendschau“, wie sie in der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 von Osten nach Westen kam.