50 Jahre Mauerbau

Zeitzeugen berichten von ihren Erlebnissen

In der neuen Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen auf Morgenpost Online von den dramatischen Ereignissen rund um den 13. August 1961.

Es gibt Ereignisse, die niemand vergisst, der sie erlebt hat. Der 11. September 2001 gehört dazu, das Wochenende des Mauerfalls 1989, der Mord an John F. Kennedy am 22. November 1963 – und der 13. August 1961, jener Tag, an dem die DDR die innerstädtische Demarkationslinie in Berlin abriegeln ließ. In den kommenden Wochen bis zum 50. Jahrestag erinnern sich in einer neuen Serie mehr als 30 Zeitzeugen, wie sie die Zeit unmittelbar vor der Grenzsperrung erlebten, was ihnen an jenem sommerlich heißen Sonntag selbst widerfuhr und wie sie auf die bis dahin unvorstellbare Teilung einer ganzen Stadt durch einen Todesstreifen reagierten.

Die „Abendschau“ des RBB und die Berliner Morgenpost haben sich zusammengetan, um Zeitzeugen jener Ereignisse zu Wort kommen zu lassen. Immer am frühen Abend stellt die meistgesehene Informationssendung der Bundeshauptstadt in vier Minuten die Erinnerung eines Zeitzeugen vor; am folgenden Tag erscheint dann in der Morgenpost das Porträt des Zeitzeugen. „Vom Bau der Mauer am 13. August 1961 waren alle Berliner betroffen, egal, auf welcher Seite der Grenze sie lebten“, sagt „Abendschau“-Chef Peter Laubenthal: „Wir zeigen in unserer Serie, was die Schließung der Sektorengrenze konkret für einzelne Menschen bedeutete. Es sind tragische Geschichten und bisweilen auch skurrile Erlebnisse – beides im besten Sinne Geschichte von unten.“

Das Spektrum der Zeitzeugen ist groß: Es reicht von Grenzsoldaten oder Mitgliedern der SED-„Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, die oft ganz vorne am Grenzstreifen standen und mit ihren Körpern die erste „Mauer“ bilden mussten, über Flüchtlinge, die unmittelbar nach der Grenzschließung die letzte Möglichkeit nutzten, mit halbwegs überschaubarem Risiko in die Freiheit zu kommen, bis hin zu Menschen, die über eine Flucht nachdachten und sich dann doch dagegen entschieden, weil sie Angehörige und Freunde nicht zurücklassen wollten.

Erst Spaltung, dann Abriegelung

Gespalten war Berlin bereits vor dem 13. August 1961. Von den drei westlichen Sektoren der Stadt kam man bereits seit 1952 nicht mehr ins Umland; an allen Ausfallstraßen hatte die „Volkspolizei“ Kontrollposten aufgestellt, die einen Ring um ganz Berlin schlossen. Die Linie zwischen West-Berlin und dem sowjetischen Sektor der Stadt jedoch war noch passierbar. An vielen Stellen markierten Schilder oder sogar weiße Striche auf dem Asphalt die Grenze zwischen der demokratisch-liberalen und dem kommunistischen Block. Nirgendwo trafen die Interessengebiete der beiden Supermächte direkter aufeinander als in Berlin.

Seit der sowjetischen Blockade der Westsektoren und ihrer Versorgung durch Flugzeuge während der Luftbrücke 1948/49 gab es die meisten Institutionen in der Stadt doppelt: zwei Regierungen, zwei Polizeipräsidien, zwei Feuerwehren und zwei Verkehrsbetriebe.

Für die meisten Zeitzeugen der RBB-Morgenpost-Serie waren die Folgen dieser widersinnigen Teilung Alltag. Viele nutzten ganz selbstverständlich die praktischen Vorteile für sich: Man ließ sich preiswert im Osten die Haare schneiden oder ging Bier trinken, versorgte sich aber mit hochwertigen Lebensmitteln wie Schokolade und Fleisch im Westen – solange dafür das Geld reichte. Denn das gespaltene, aber noch nicht hermetisch geteilte Berlin hatte auch zwei Währungen. Unzählige Ost-Berliner arbeiteten in den westlichen Sektoren und wurden natürlich in DM bezahlt, während ihre Nachbarn DDR-Mark bekamen, die viel weniger wert war. Denn fast niemand in der Stadt tauschte zum offiziellen Kurs von eins zu eins – in der Umgebung des Bahnhofs Zoo bekam man für eine West- bis zu fünf Ostmark.

All diese weltweit einzigartigen Besonderheiten endeten am 13. August 1961. Allein das krempelte das Leben der Berliner um. Ein halbes Jahrhundert später lassen die Interviews der „Abendschau“ und die Porträts der Morgenpost viele dieser Geschichten wieder lebendig werden. „Die Menschen, deren Leben sich über Nacht grundlegend änderte, werden noch heute bei der Erinnerung an die Ereignisse vom August 1961 von ihren Gefühlen übermannt“, hat Laubenthal festgestellt: „Unsere Serie hat viele Facetten, und es ist gut, dass sie mal wieder ans Licht geholt werden.“

Dramatische Flucht eines Grenzers

Es gibt aber auch Schicksale, die ein halbes Jahrhundert später noch auf ihre Wiederentdeckung warten. Etwa die Geschichte von dem jungen Grenzposten, den ein Kameramann des Senders Freies Berlin, des Vorgängers des RBB, am 14. August 1961 zur Flucht überredete. Gunther Hahn war gerade dabei, die Grenzsperrung in der Bernauer Straße für die Dokumentation „Die Mauer“ des SFB-Chefreporters Matthias Walden zu filmen. Dem damals 23-jährigen West-Berliner war das unglückliche Gesicht des kaum jüngeren DDR-Soldaten aufgefallen, der auf der anderen Seite eines verrammelten Friedhofs-Tores Wache stehen musste. Hahn forderte ihn auf, hier und jetzt vor seiner Kamera die Chance zur Flucht zu ergreifen, und lud ihn zu einem Bier auf dem Kurfürstendamm ein. Nach kurzem Zögern kletterte der Uniformierte über das Gittertor.

Der Kameramann brachte den Deserteur sofort in Sicherheit, und zwei Stunden später strahlte der SFB das erste Interview mit einem geflüchteten DDR-Soldaten nach der Grenzsperrung aus. Danach bekam er erst neue Kleidung von Gunther Hahn und dann das versprochene Bier – bis in den frühen Morgen feierten der Kameramann und der ehemalige Grenzsoldat den gelungen Sprung in die Freiheit.

Leider hat Gunther Hahn nie erfahren, was aus dem jungen Soldaten geworden ist; er soll in die USA ausgewandert sein. Seine Geschichte wartet wie viele andere noch darauf, weitererzählt zu werden. Der RBB hat übrigens die beiden Dokumentationen von Matthias Walden und Gunther Hahn aus dem Jahr 1961 pünktlich zum runden Jahrestag als DVD neu aufgelegt. Eindringlichere bewegte Bilder als diese gibt es vom Mauerbau kaum.