Berlin. Die Beschäftigten sollen künftig drei Tage in der Woche frei haben. Doch das ist nicht die einzige Neuerung.

Gillette will in Berlin mit einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten attraktiver für Fachkräfte werden. Der Rasierklingen-Hersteller plant, im Sommer die Vier-Tage-Woche einzuführen. Das kündigte Werksleiter Christoph Reif am Mittwoch während eines Besuchs der Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) in der Tempelhofer Gillette-Fabrik an. Allerdings sollen die rund 750 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin 36 Stunden in der Woche arbeiten.

Möglich wird die Änderung durch ein neues Schichtsystem. Ab dem 1. Juli 2024 arbeiten die Beschäftigten in der Produktion im Zweischichtsystem. Arbeitsbeginn für die erste Schicht ist dann 5 Uhr am Morgen. Nach einem Zehn-Stunden-Tag werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dann abgelöst, die zweite Schicht endet um 1 Uhr nachts. Danach soll die Produktion vollautomatisch bis zum morgen weiterlaufen.

Gillette führt autonome Nachtschicht ein

Werksleiter Christoph Reif nennt das die „autonomen Schichten“ in der Nacht. Zwar seien in der ersten Zeit nach der Einführung noch einige Beschäftigte vor Ort. Das Ziel sei aber, dass nachts zwischen ein Uhr und fünf Uhr niemand mehr Schichten in der Produktion besetzen müsse, sagte Reif. „Wir erreichen dadurch eine größere Flexibilität“, betonte er. Gerade für einige der jüngeren Mitarbeitenden sei das Modell mit einem zusätzlichen freien Tag pro Woche attraktiv. „Das Modell wird von der Belegschaft mitgetragen“, betont Reif. Gleichzeitig bleibe der Standort produktiv.

Die Zahl der Arbeitsplätze soll trotz der automatisierten Schichten in der Nacht nicht sinken. „Wir werden damit attraktiver für Investitionen“, betonte Reif hingegen. Das Berliner Gillette-Werk ist das erste Werk des amerikanischen Konsumgüter-Konzerns Proctor & Gamble, das eine Vier-Tage-Woche einführt.

In den vergangenen Jahren war die Zahl der Beschäftigten am Berliner Gillette-Standort etwas gesunken. Die Zahl von 1000 Beschäftigten ist schon seit einigen Jahren unterschritten. Vor der Coronakrise hatte das Unternehmen angekündigt, eine Mach-3-Produktionslinie ins polnische Werk nach Łódź zu geben. Dennoch suche das Unternehmen fortwährend nach Fachkräften, berichtete Gabriele Hässig, die Geschäftsführerin für den Bereich Kommunikation und Nachhaltigkeit bei Procter & Gamble.

Gillette setzt weiter auf Ausbildung

Wirtschaftssenatorin Giffey sieht die Einführung der automatisierten Schichten bei Gillette positiv. Mit Blick auf den Fachkräftemangel sei das der richtige Weg, betonte die SPD-Politikerin. „Das Modell passt in diese Zeit“, sagte Giffey. Für viele Arbeitnehmer steige mit den drei freien Tagen in der Woche die Attraktivität des Arbeitsplatzes, sagte sie.

Sorge, dass die stärkere Automatisierung zu einem beschleunigten Abbau von Industriearbeitsplätzen führen könnte, hat Giffey nicht. Stattdessen verweist sie auf Wachstumspotenziale durch innovative Produktionen. „Dadurch können neue Wachstumspfade geschaffen werden“, betonte Giffey.

Neben der Fachkräftesuche bildet Gillette in Berlin auch aus. Aktuell beschäftige das Unternehmen 33 Auszubildende, berichtete Reif. Pro Jahrgang würden zehn neue Mechatronik-Azubis aufgenommen. „Wir wollen, dass die Hälfte Mädchen sind“, sagt Reif. Zuletzt sei das aber nicht immer gelungen. „Trotz großer Anstrengungen“, betonte Reif.

Gillette-Werk Berlin: Produktion von 4000 Rasierklingen pro Minute

Das Gillette-Werk in Tempelhof ist ein echtes Berliner Traditionsunternehmen. Seit den 30er Jahren werden dort Rasierklingen hergestellt. Heute produzieren die Beschäftigten im denkmalgeschützten Backsteinbau an der Oberlandstraße vorwiegend für den Export. Beim Fünf-Klingen-System produziere das Werk in Berlin einen Weltmarktanteil von 60 Prozent, berichtete Reif. Jede Minute produzieren die Beschäftigten im Werk etwa 4000 Rasierklingen. Darüber hinaus werden Handrasierer hergestellt. Außerdem stelle das Unternehmen auch viele der für die Produktion verwendeten Maschinen selbst her, berichtete Reif.

Aktuell arbeiten die Beschäftigten des Gillette-Werks fünf Tage in der Woche im Dreischichtsystem. Zu anderen Zeiten werde auch an sechs oder sieben Tagen in der Woche gearbeitet, so der Werksleiter, je nach Marktbedarf. Der Trend zum Bart ist seit Jahren ein Problem für Gillette. „Haare wachsen aber nicht nur im Gesicht“, betont Hässig dazu. Der Markt für Körperrasuren wachse rasant, sagte sie. Darüber hinaus sei der Konzern mit der Marke Braun auch bei Bart-Trimmern gut aufgestellt, berichtete Hässig.

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