Berlin. Ab Januar wird es weniger Behandlungstermine für Patienten geben. Das teilte die Kassenärztliche Vereinigung mit. Was der Grund ist.
Für Patientinnen und Patienten in Berlin wird es demnächst noch schwieriger, Termine bei Berlins 3000 Haus- oder den 4000 Fachärzten zu bekommen. Die Kassenärzte werden ab dem 1. Januar 2024 ihr Angebot einschränken, sodass weniger Behandlungstermine zur Verfügung stehen. Das teilte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) am Freitag mit.
Die Vertreterversammlung hatte den drastischen Schritt einstimmig beschlossen. Die Vertreter der niedergelassenen Ärzte einigten sich auf einen neuen Honorarverteilungsmaßstab. Dieser sieht zehn Prozent weniger Behandlungsfälle vor. Im Gegenzug sollen die Fallwerte, also das Honorar pro behandeltem Patienten, steigen. So soll das Gesamtbudget für jede Praxis bei weniger Behandlungsfällen gleich bleiben. „Vereinfacht dargestellt werden die Praxen ab Januar nur noch so viele Patientinnen und Patienten medizinisch versorgen und die Behandlungen abrechnen, wie sie von den Krankenkassen auch bezahlt bekommen“, schreibt die KV.
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Kassenärzte in Berlin: Konflikt um Abrechnung der Leistungen und Honorare
Hintergrund ist ein Konflikt um die Abrechnung der Leistungen und die Honorare. Die Ärzte klagen schon lange, dass sie für einen Teil ihrer Arbeit nicht mehr bezahlt werden. Die Ärzteschaft bemühte sich am Freitag darum, dass die Schuld für die Leistungskürzung nicht bei ihr abgeladen wird. „Dabei ist uns ganz wichtig, dass in der Öffentlichkeit nicht ankommt, dass die Berliner Praxen ihren Patientinnen und Patienten die medizinische Behandlung verweigern. Das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen mit diesem Schritt der Politik und den Krankenkassen klarmachen, dass etwas passieren muss, damit die ambulante Versorgung nicht an die Wand gefahren wird“, so die Vertreterversammlung und der KV-Vorstand. Die Zeit der Rabatte müsse vorbei sein. Man sei nicht mehr bereit, Leistungen zu erbringen, die nicht mehr voll bezahlt würden.
Die ambulante Versorgung müsse endlich ausreichend finanziert werden, so die Ärzte. Seit Jahren würden 20 Prozent mehr Leistungen erbracht, als mit den Kassen vereinbart. Das gehe so nicht mehr, weil die Ausgaben für Personal, Mieten, Energie und Ausstattung weiter steigen würden.
Laut der KV handelt es sich bei der Regelung um eine Empfehlung, um Anreize für die Praxen zu schaffen, wie viele Patienten sie für das Budget künftig behandeln können. Es sei weiterhin sichergestellt, dass Praxen, die über das Budget hinaus arbeiten, nicht schlechter gestellt würden. Allerdings gibt es für Mehrarbeit künftig noch weniger Anreize. Die KV hat die sogenannte Restquote reduziert. Diese erhalten Praxen, wenn sie über die Budgetgrenze hinaus Leistungen erbringen. „Nur so konnten wir erreichen, dass für Leistungen innerhalb des Budgets mehr Geld zur Verfügung steht“, erklärt die KV.
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Haus- und Facharzt: Vor allem im Berliner Osten ernsthafte Schwierigkeiten für Patienten
Nach Ansicht vieler Ärztevertreter steht die Stadt ohnehin vor einem massiven Mangel an Hausärzten. In Berlin drohe ein Praxissterben und eine medizinische Unterversorgung in mehreren Bezirken, warnt die KV. „Schon heute haben viele Menschen vor allem in den östlichen Bezirken ernsthafte Schwierigkeiten, eine haus- und fachärztliche Praxis zu finden“, sagte kürzlich KV-Vorstand Burkard Ruppert.
In Lichtenberg, Treptow-Köpenick und Marzahn-Hellersdorf stehe eine Unterversorgung demnach unmittelbar bevor. Von einer Notlage wird gesprochen, wenn die Versorgung von Hausärzten unter 75 Prozent des Bedarfs rutscht. Auch in Spandau und Reinickendorf ist die Lage laut KV angespannt.
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Die Situation wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Die Gründe für die drohende Unterversorgung sind laut KV vielfältig. Einerseits werden die Ärzte immer älter. Die Hälfte aller Hausärzte ist älter als 55 Jahre. Sie gehen in absehbarer Zeit in den Ruhestand, haben es aber laut KV immer schwerer, Nachfolger zu finden. Viele junge Mediziner scheuen den Sprung in die Selbständigkeit. 800 Hausärzte erreichen in den kommenden Jahren die Altersgrenze, 249 noch praktizierende Hausärzte sind bereits 70 Jahre oder älter.