Gewobag

Hochhaus in Kreuzberg: Kein Fahrstuhl seit zwei Jahren

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Der zu 100 Prozent behinderte Mieter Leonid Goustov an den Fahrstühlen des  Gewobag-Hochhauses Friedrichstraße 4 in Kreuzberg.

Der zu 100 Prozent behinderte Mieter Leonid Goustov an den Fahrstühlen des Gewobag-Hochhauses Friedrichstraße 4 in Kreuzberg.

Foto: Patrick Goldstein

In einem 17-stöckigen Gebäude in Kreuzberg können Bewohner einer Etage nicht den Fahrstuhl rufen. Alte und Behinderte sind hiflos.

Berlin.  Markus Liske erlebt den Niedergang des Mietshaus, in dem er lebt. Das Gebäude an der Friedrichstraße 4 verwahrlose zunehmend, sagt der 55-Jährige. Am schwersten trifft es die Menschen auf seiner fünften Etage, dass der Fahrstuhlknopf nicht funktioniert. Da gibt es Schwerbehinderte, eine Demenzkranke, viele alte; Menschen, die alle längst nicht mehr gut zu Fuß sind. Hilfeersuchen an die Eigentümer bleiben seit fast zwei Jahren vergeblich. Dabei handelt es sich nicht um skrupellos gewinnorientierte Heuschrecken aus fernen Steueroasen, sondern die landeseigene Wohnungsgesellschaft Gewobag.

Betroffen ist beispielsweise Leonid Goustov. Der 72-Jährige leidet unter einer Sehbehinderung. Zudem ist er in seiner Beweglichkeit eingeschränkt, denn in Folge einer Krebserkrankung musste sein Kiefer mit Knochenmasse aus einem seiner Beine neu modelliert werden.

Berlin-Kreuzberg: Mancher kommt nur mit Hilfe aus der Etage

Am Tag des Besuchs der Berliner Morgenpost will er seinen Sohn im Krankenhaus besuchen. Der Fahrstuhl lässt sich aber seit Frühjahr 2021 nicht mehr rufen. Also muss der zu 100 Prozent als behindert ausgewiesene Rentner zwei schwere Brandschutztüren zum Treppenhaus öffnen, ein Stück unter freiem Himmel zurücklegen, wo Bewohner bei Minusgraden mit Eis rechnen müssen, Treppen hinunter nehmen, weitere zwei Türen öffnen, um im vierten Stock dann in den Lift zu steigen.

Eine Schwerbehinderte am Ende des Ganges ruft in ähnlichen Fällen bei ihrer Mutter im Obergeschoss an oder verständigt irgendwie die Nachbarn auf dem Gang. Sie holen ihr dann aus einem anderen Geschoss den Lift, indem sie auf ihre Etage fahren.

Die Hausverwaltung sagt: „Das geben wir so weiter“ – aber nichts passiert

Seine 81-jährige Nachbarin – zu 60 Prozent behindert – sagt, sie habe schon mehrmals bei der Hausverwaltung angerufen. „Dort heißt es: Wir leiten das so weiter“, so die einstige kaufmännische Angestellte einer Berliner Spedition. „Aber es hat sich nie etwas getan.“

Mit viel Gegenwehr muss die Gewobag da nicht rechnen. Die 81-Jährige hat nicht einmal eine Mietminderung beantragt. Sie ist alleinstehend, manchmal kommt jemand vom Roten Kreuz.

Nachbarn beantragten Mietminderung

Markus Liske zahlt schon seit 2021 fünf Prozent weniger. Familie Simic eine Tür weiter hat fünf Prozent Mietminderung erwirkt. Da gehen der Gewobag über die Monate erhebliche Einnahmen verloren. Die Investition in eine Reparatur des Fahrstuhlknopfs bleibt dennoch seit fast zwei Jahren aus.

Dabei berichtet Familie Simic, man sei vor wenigen Tagen im Haus auf einen Handwerker getroffen. Der habe erklärt, das Ersatzteil für den Lift habe man schon seit Monaten. Die 42 Jahre alte Dalibork Simic, gebürtige Serbin und heute Chefin von 15 Mitarbeitern einer Bau- und einer Reinigungsfirma, spekuliert, die Gewobag wolle die Bewohner aus dem Haus ekeln, um höhere Mieten nehmen zu können. Und: „Meinen Mann erinnert das hier an die Zeit des Niedergangs von Jugoslawien.“

Drogenszene im Haus

Bezüglich des Bauteils stellte die Gewobag dies auf Anfrage der Berliner Morgenpost so dar: Aufgrund einer defekten Komponente konnten die beiden Aufzüge nicht in der fünften Etage halten. „Es stellte sich heraus, dass der Fehler komplexer war als anfangs gedacht – wegen der Lieferengpässe durch den Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie verlängerten sich die Lieferzeiten teilweise enorm“, so das Unternehmen.

Mieter Liske spricht von einer „dysfunktionalen Verwaltung“ der Gewobag. Oft sei im 17-stöckigen Haus am Mehringplatz nur einer der beiden Fahrstühle in Betrieb. Seit die Security abgeschafft wurde, lägen regelmäßig Drogensüchtige in den Fluren.

Sie hinterließen Spritzen oder benutzten das Treppenhaus als Toilette. Den dieser Tage operierten Wirbelsäulenschaden seines drei Jahre alten Hundes schreibt der Schriftsteller und Journalist dem Umstand zu, dass dieser seit 2021 Treppen laufen muss. „Ein 16 Kilo schweres Tier kann ich nicht drei Mal pro Tag heruntertragen“, so Liske.

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