Tumult & Prügel

Chaos auf dem Weg zum BER: Meine Flughafen-Odyssee

| Lesedauer: 5 Minuten
Dirk Krampitz
Die S-Bahnlinie S9 gehört zu den zuverlässigeren Verkehrsmitteln, um den Flughafen BER zu erreichen. Aber auch bei der Berliner S-Bahn kommt es immer wieder zu chaotischen Zuständen.

Die S-Bahnlinie S9 gehört zu den zuverlässigeren Verkehrsmitteln, um den Flughafen BER zu erreichen. Aber auch bei der Berliner S-Bahn kommt es immer wieder zu chaotischen Zuständen.

Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Schoening

Tumult, Geschrei und Prügel für den S-Bahn-Fahrer: Ein Morgenpost-Reporter erlebt eine chaotische Anreise zum Flughafen BER.

Berlin.  Immer, wenn ich zum BER muss, bekomme ich das Zittern. Das liegt nicht daran, dass ich Flugangst hätte. Es liegt daran, dass ich jedes Mal überlege, was diesmal schief geht. Oft ist es der Flughafenexpress, der so kurzfristig ausfällt, dass man es erst vor Ort in der App oder auf den Displays sieht. Mal sind es die überraschenden Gleiswechsel am Ostkreuz oder die lange Schlange an der Sicherheitskontrolle im Flughafen. Am Samstag hat dann auch der letzte bisher zuverlässig erlebte Weg zum BER versagt: die S-Bahnlinie 9.

Eigentlich kann man aus der Berliner Innenstadt für 3,80 Euro direkt ins Terminal 1 des BER fahren. Doch gleich nach dem S-Bahnhof Warschauer Straße kam die Durchsage des S-Bahn-Zugführers: „Dieser Zug fährt nur bis Bahnhof Terminal 5. Bitte nehmen Sie von dort den nächsten Zug.“

Auf der Website der S-Bahn war etwas von Signalstörung zu lesen. Und sofort machte sich eine böse Ahnung breit. Denn der alte Flughafen Schönefeld ist zwei S-Bahn-Stationen oder knapp sechs Kilometer Fußweg vom Terminal 1 und 2 entfernt.

Berlin macht es Lokalpatrioten schwer

Ich begegne dem BER und der S-Bahn mit genau so viel von Lokalpatriotismus getragener Hoffnung und Fröhlichkeit wie meiner Heimatstadt Berlin und Hertha BSC. Leider gibt es bei all diesen Themen nicht so oft Grund für Jubelstürme.

Am Samstag hielt die Bahn am alten Flughafen Schönefeld. „Der nächste Zug kommt in fünf Minuten“, tröstete eine automatisierte Frauenstimme. Dann Tumult, Geschrei: „Komm doch her, wenn Du Dich traust“. Dann viel weiteres Geschrei. Dann ein paar Minuten Ruhe. Schließlich kam ein Mann in S-Bahnführer-Kleidung den Bahnhof entlang gelaufen und fragte aufgeregt. „Haben Sie gesehen, wie er mich geschlagen hat?“ Es war der S-Bahnführer, der Zeugen suchte unter den Reisenden, die wiederum einen Zug suchten.

Prügel in der S-Bahn: „Unvermittelt und mit Fäusten“

Ich möchte in aller Deutlichkeit sagen: Kein Verkehrschaos der Welt rechtfertigt Gewaltanwendung. Wenn ich aber einen Grund vermuten müsste, warum ein Fahrgast „unvermittelt mit Fäusten“, wie es später von der Bundespolizei heißt, auf einen Zugführer losgeht und ihn beleidigt, würde ich trotzdem auf Unzufriedenheit mit dem Öffentlichen Personennahverkehr tippen.

Der Zugführer verschanzte sich zum Schutz vorübergehend im alten Abfertigerhäuschen, das er erst wieder verließ, als die Bundespolizei vor Ort war. Kurz danach kam dann auch die angekündigt Folge-S-Bahn auf dem anderen Gleis. Erwartungsvoll sprangen die Fahrgäste auf. Aber der Zug hielt nicht, er fuhr einfach durch.

Eine Sprecherin der S-Bahn stellte es am Montag so dar, als wäre das Verkehrschaos allein durch den Angriff des Fahrgastes begründet: „Am Samstagabend wurde ein Lokführer der Linie S9 von einem Fahrgast tätlich angegriffen, woraufhin die Bundespolizei eingeschaltet wurde. Aufgrund des Polizeieinsatzes blieb der Zug am Terminal 5 stehen, während die folgenden Züge auf polizeiliche Anweisung hin den Halt auslassen bzw. bereits in Altglienicke wenden mussten.“ Dabei wurde der Stopp am Terminal 5 ja schon lange vorher angekündigt und diverse Züge hatten laut Website Verspätung am Samstagabend.

Reisende betteln die Polizei an

Das war den Reisenden am Samstag aber erstmal egal, als die Bahnhofs-Displays anzeigen, dass der Zugverkehr ausgesetzt ist. Fluchtartig verließen sie den Bahnsteig. Übers Netz fand man, dass der X71-Bus zum Terminal 1 fuhr. Schilder im Bahnhof zeigten Busse an jedem der vielen Bahnhofs-Ausgänge, allerdings keine Busnummern oder Hinweise wie „Richtung Terminal 1“.

Und so irrten die Fluggäste, sowohl Berliner und Touristen darunter, von Haltestelle zu Haltestelle an der Bundesstraße 96a. Reisende bettelten die Polizisten an, ob sie sie nicht fahren können. („Könn’ wa nich.“) Ob sie denn wissen, wo die Haltestelle ist? („Weiß ich nicht.“) Einige Fluggäste in größter Eile griffen zum Handy und bestellten sich ein Uber-Fahrzeug. Servicetipp: Die Haltestellen befinden sich übrigens vor dem ehemaligen Flughafen, nicht an der Straße.

Am Montag dann Nachfrage beim BER. Nachdem ein Sprecher lange erklärt hatte, warum er zu Bahnverspätungen nichts wisse, und selbst, wenn er etwas wüsste, nichts dazu sagen könnte, musste er dann doch etwas lachen bei der Frage, ob denn alles super läuft mit dem Transport zum Flughafen. Sein hochprofessionelles Statement: „Wir arbeiten ständig mit allen Partnern und im engen Austausch weiter zusammen, um die Anreise für unsere Fluggäste zu optimieren.“ Aber die Reisevorbereitung fange bereits zu Hause an. „Ein zeitlicher Puffer ist immer empfehlenswert.“

Der Lokführer musste seinen Dienst beenden

Die S-Bahn schreibt: „Der Polizeieinsatz hat von 19.58 Uhr bis 20.14 Uhr gedauert, danach rollte der Verkehr wieder. Der Lokführer musste seinen Dienst beenden.“

Die gute Nachricht: Die Gepäckkontrolle sollte laut Display zehn Minuten dauern. Es wurden nur neun. Flug bekommen.