Feuerwache Wittenau

Bundesverdienstkreuz für 70 Jahre im Dienst der Feuerwehr

| Lesedauer: 5 Minuten
Dirk Krampitz
Horst Kahm (88) war der erste Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Wittenau. Seine ehemaligen Helme bewahrt er auf dem Schrank auf.

Horst Kahm (88) war der erste Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Wittenau. Seine ehemaligen Helme bewahrt er auf dem Schrank auf.

Foto: Dirk Krampitz

Vor der Übergabe erzählt Horst Kahm, warum er den Absturz des französischen Militär-Flugzeugs in Tegel nie vergessen kann.

Berlin.  Auf dem Schrank liegen seine zwei Feuerwehrhelme, voller Scharten und Schrammen von den Einsätzen. Und in einem Vitrinenschrank ist alles voller Feuerwehr-Memorabilien und Auszeichnungen. Irgendwo dazwischen wird er dann das Bundesverdienstkreuz legen. „Ich muss erst einmal Platz dafür schaffen“, sagt Horst Kahm (88).

Kahm ist Gründungswehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Wittenau und maßgebender Initiator zur Etablierung von Freiwilligen Feuerwehren auf Standorten der Berufsfeuerwehr. Für seine langjährigen Dienste wurde er bereits im vergangenen Oktober durch den Bundespräsidenten mit dem Verdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Am Samstag überreicht ihm nun Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) persönlich am 70. Jahrestag seines Eintritts in die Dienste der Freiwilligen Feuerwehr die Ehrung bei einem festlichen Akt in der Feuerwache Wittenau.

Tagsüber Blechschlosser, nachts Feuerwehrmann

Kahm wurde in Breslau geboren, kam mit zehn Jahren nach Reinickendorf. Er lernte Blechschlosser und heuerte mit 18 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr Reinickendorf West an. Am 7. Februar 1972 gründete er dann mit sechs weiteren Kameraden die Freiwillige Feuerwehr Wittenau. Ihr Funkname: „Florian 82A“. Er wurde ihr erster Wehrleiter. Bis 1985 hatte er den Posten inne. Dann der Schock: Ein Bandscheibenschaden und „nicht mehr dienstfähig“. Für ihn ein Schlag, das merkt man noch heute. „Man hätte mich ja auch als Freiwilliger woanders einsetzten können“, sagt er. Aber gram war er der Feuerwehr nie.

Er blieb immer Mitglied und in Kontakt. Und durchschlafen war ja auch zur Abwechslung mal etwas Schönes. „Wenn man als Feuerwehrmann im Bett lag und die Sirene hat durch die Stadt geheult, am Anfang waren es noch die alten Fliegeralarmsirenen, hieß es rein in die Klamotten und losrennen. Egal, ob man schlief oder sonst was gemacht hat“, sagt er schmunzelnd. Sein Motto als Chef bei der Freiwilligen Feuerwehr: „Der Eintritt ist freiwillig und der Austritt ist freiwillig, aber was dazwischen liegt, ist Pflicht.“ Damit habe er seine Leute gequält sagt er stolz.

Einsätze, die er nie vergessen wird

Es gibt Einsätze, die er nie vergessen wird. Die Erfahrungen reichen von lustig bis grauenhaft: In einem trockenen Sommer erreichte sie ein Hilferuf des Försters im Grunewald. Er hatte Bäumchen gepflanzt und sie drohten zu vertrocknen. „Wir brauchten viel Wasser. Und als unser Wasser alle war, habe ich einen Schlauch über die Havel in die Havelchaussee gelegt.“ Als ihm seine Frau abends erzählte, dass die Nachrichten berichtet haben, dass es einen riesigen Stau auf der Havelchaussee gegeben habe, sagte er lachend „Das war ich.“

Sein kuriosester Fall: Kahm und seine Kameraden wurden zu einem Tiergeschäft gerufen, Affen hatten sich aus den Käfigen befreit. „Ich weiß gar nicht mehr genau wie wir sie eingefangen haben. Aber irgendwann hatten wir sie alle wieder beieinander.“

Sieben Menschen starben in den Flugzeug-Trümmern

Seinen schrecklichsten Einsatz hatte er schon ganz früh in seiner Karriere: Zwei Startversuche hatte die Beechcraft am 17. Februar 1953 abgebrochen, danach hob das französische Kurierflugzeug ab, aber kurz nach dem Start vom Flughafen Tegel fing es wegen eines Motorschadens Feuer. „Wir Kameraden waren gerade am Karnevalfeiern, da ging die Sirene. Wir also los. Es war schrecklich. Ich hatte zuvor schon Tote gesehen. Aber in der Jungfernheide musste man die Körperteile einzeln mit dem Eimer aufsammeln.“ Sieben französische Militärangehörige sind in den Trümmern gestorben. Ein Gedenkstein erinnert noch heute an den Absturz.

Psychologische Betreuung gab es damals nicht für die Feuerwehrleute, auch nach solch traumatischen Einsätzen nicht. „Wir sind danach noch weiter zu Bränden und am nächsten Morgen wieder zur Arbeit.“

Der Kirschlikör vermasselte ihm die Karriere

Einmal hat Kahm Anlauf genommen, um Berufsfeuerwehrmann zu werden. Zum Ende der Gesundheitsprüfung hat ihm der Arzt Urin abgenommen. „Und als er die Suppe dann gekocht hat, ist sie trübe geworden, und er sagte: ‘Junge, Du hast Zucker.’“ Da war Kahm 22 und topfit. Er zweifelte an der Diagnose. Weitere Untersuchungen bei anderen Ärzten gaben ihm Recht. Doch die Feuerwehr war nicht umzustimmen. „Ich habe bis heute noch kein Diabetes, aber der Feuerwehr war das zu risikoreich.“ Ein anderer Arzt äußerte übrigens später die Vermutung, dass es am Kirschlikör gelegen haben könne, den Kahm am Vorabend vor der Untersuchung mit einem Kameraden getrunken hatte. „Der war da wohl noch nicht abgebaut.“ Aber genau diese Abende mit Freunden, das Familiäre, war und ist es, was ihn auch auch nach 70 Jahren noch bei der Freiwilligen Feuerwehr hält.

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