Soziales

Freie Träger: „Wir sind systemrelevant“

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Jens Anker
Die Corona-Pandemie, Energiekrise und Inflation treiben immer mehr Menschen in die Schuldenfalle. Die Sozialverbände fordern daher mehr Unterstützung vom Senat.

Die Corona-Pandemie, Energiekrise und Inflation treiben immer mehr Menschen in die Schuldenfalle. Die Sozialverbände fordern daher mehr Unterstützung vom Senat.

Foto: Angelika Warmuth / dpa-tmn

Erst Corona, dann Energiekrise und Inflation: Der Liga-Verband der freien Wohlfahrtspflege fordert vom Senat mehr Anerkennung und Geld.

Berlin.  Die Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege haben vom Senat mehr Flexibilität und deutlich mehr Engagement für die soziale Infrastruktur gefordert. „Die Verwaltung arbeitet noch so wie vor Corona“, sagte die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Gabriele Schlimper, die zugleich Vorsitzende des Liga-Verbandes der großen Wohlfahrtseinrichtungen ist. „Die Erbsenzählerei muss aufhören.“

Während sich die Sozialverbände in den Krisen der vergangenen zwei Jahren flexibel gezeigt hätten, sei das bei der Berliner Verwaltung nicht der Fall. „Berlin ist gut darin, in Krisenzeiten schnell Lösungen zu finden“, sagte Schlimper. „Aber das Stolpern von einer Krise zur anderen ist nicht sinnvoll.“

Die Wohlfahrtsverbände fordern von der Landesregierung verlässliche Rahmenbedingungen, um die Herausforderungen bewältigen zu können. „Die Politik kann sich auf die Wohlfahrtsverbände verlassen, es wäre schön, wenn wir uns auch auf die Politik verlassen könnten.“

In der Liga sind sechs große Wohlfahrtsverbände vereint

Im Ligaverband sind die Sozialverbände Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Rotes Kreuz, Parität sowie der Sozialverband der Jüdischen Gemeinde vertreten, die zusammen 107.000 hauptamtliche und 53.000 ehrenamtliche Mitarbeitende beschäftigen.

Die soziale Lage in der Stadt hat sich nach den Erfahrungen der Liga-Verbände in den vergangenen beiden Jahren verschärft. Alle Beratungsstellen seien überlaufen, Hilfesuchende müssten lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Ganze Bevölkerungsgruppen seien durch die multiplen Krisen von Armut bedroht.

Nach den Corona-Beschränkungen sei vor allem auch die Sozialarbeit in Kitas und Schulen wichtig, um die Kinder wieder aus der Isolation zu holen. Das könnten Erzieher und Lehrer nicht zusätzlich leisten.

Die Sozialverbände fordern Planungssicherheit

Gleichzeitig schotte sich die Verwaltung hinter überkommenen Arbeitsstrukturen ab. Es sei ein Alarmsignal, wenn 60 Prozent der Berechtigten einen Anspruch auf Hilfsleistungen nicht wahrnehmen würden, weil sie entweder nichts davon wissen oder sich im „Sozial-Dschungel“ nicht auskennen würden.

Die Sozialverbände fordern für ihre Arbeit vom Land zudem langfristige Planungssicherheit. „Mit unseren Angeboten in der Pflege, in Krankenhäusern und Obdachlosenunterkünften sind wir systemrelevant“, sagte die Vorständin des Diakonisches Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Andrea Asch. Das Diakonische Werk übernimmt in den kommenden beiden Jahren die Federführung im Liga-Verband.

„Leider scheint diese Lehre aus der Pandemiezeit schon wieder in Vergessenheit zu geraten“, sagte Asch. „Die Finanzierung nachhaltiger Strukturen ist jetzt wichtiger denn je, denn die Energiekrise ist nicht in sechs Monaten vorbei, die Obdachlosigkeit nicht in elf Monaten beendet, die Migration orientiert sich nicht am neuen Wirtschaftsjahr. Wir brauchen langfristige und auskömmliche Planungen für unsere Mitgliedseinrichtungen.“

Auch in den Sozialberufen fehlen Fachkräfte

Eine langfristige Perspektive sei zudem notwendig, um die dringend benötigten Fachkräfte für die Arbeit in der freien Wohlfahrtspflege gewinnen zu können. „Wir können es uns nicht mehr leisten, die Mitarbeitenden nicht nach Tarif zu bezahlen“, sagte Asch.

Auch die Praxis, öffentliches Geld je nach Zuweisung für einzelne Projekte zu erhalten, muss aus Sicht des Liga-Verbandes geändert werden. Andauernde Befristungen seien für Fachkräfte nicht attraktiv. Schon jetzt müsste das Beratungsangebot mangels Mitarbeitenden eingeschränkt werden, obwohl der Bedarf stark gestiegen sei.

Dramatisch sei die Situation gegenwärtig in der Jugendhilfe. „Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge werden nicht nach unseren Standards betreut“, sagte Asch – weil Mitarbeiter fehlten. Aber man könne 15- oder 16-Jährige nicht in den Sammelunterkünften sich selbst überlassen. „In der jetzigen Koalition ist das Problem verstanden worden, wir hoffen, dass das auch nach der Wiederholungswahl der Fall sein wird.“

Etablierte Zuwendungen in Regelfinanzierung übernehmen

Um die Situation spürbar zu verbessern, sei es notwendig, das Zuwendungswesen grundsätzlich zu überarbeiten. „Wir sollten uns alle Bereiche der Zuwendung ansehen und prüfen, was sich bewährt hat. Das muss dann in die Regelfinanzierung übernommen werden“, forderte Diakonie-Vorständin Asch.

Auch hier seien der Senat und die Verwaltung gefordert, überkommene Arbeitsweisen aufzugeben. Anders als Teile der Verwaltung würde die Liga ihr Angebot nicht zeitweise schließen, weil sich ein Bearbeitungsrückstand angehäuft habe, sagte die Liga-Vorsitzende Gabriele Schlimper mit Blick auf das Sozialamt Neukölln, das Mitte November für zwei Wochen geschlossen hatte, um Arbeitsrückstände aufzuholen.

„Leider haben wir keinen Zuwendungsbescheid für die Übernahme der Berliner Verwaltung erhalten. Das würden wir machen“, sagte Schlimper. Sie sei sich sicher, dass spätestens nach einem Jahr eine spürbare Verbesserung zu bemerken wäre, wenn die Liga dafür zuständig wäre.

Der Liga-Verband besteht seit 100 Jahren. Die Sozialverbände bieten Hilfe für Bedürftige an, dafür erhalten sie staatliche Unterstützung. Sie betreuen und organisieren derzeit rund 300 gesamtstädtische Projekte und ambulante Hilfsangebote, darunter die Schuldner- und Drogenberatung. Sie beraten Hilfesuchende in allen Notlagen.