Talk-Runde

„Das Wahldebakel hat Urvertrauen zerstört“

| Lesedauer: 8 Minuten
Andreas Abel
Talkrunde mit Leserinnen und Lesern der Berliner Morgenpost: Christine Richter und Hajo Schumacher in der CLB-Galerie am Moritzplatz in Kreuzberg.

Talkrunde mit Leserinnen und Lesern der Berliner Morgenpost: Christine Richter und Hajo Schumacher in der CLB-Galerie am Moritzplatz in Kreuzberg.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Chefredakteurin Christine Richter diskutiert mit Hajo Schumacher, Chefkolumnist der Funke Mediengruppe, über Landespolitik und Medien.

Berlin.  Zu einem Gipfeltreffen der besonderen Art hat die Berliner Morgenpost am Freitagabend Leser und Leserinnen eingeladen: Chefredakteurin Christine Richter und Hajo Schumacher, Chefkolumnist der Funke-Mediengruppe, diskutierten in der Kreuzberger CLB-Galerie am Moritzplatz über Berliner Landespolitik sowie über aktuelle Herausforderungen im Journalismus. Anlass war die Ausstellung „Das ist Berlin“ mit Morgenpost-Werbemotiven, die noch bis Sonntag in der Galerie zu sehen ist.

Die erste Frage von Christine Richter galt dem Wahldebakel vom September vergangenen Jahres. „Wie sehr hat sich Berlin blamiert?“, wollte sie von ihrem Gesprächspartner wissen. „Das ist schon mehr als Blamage“, antwortete er, „das Funktionieren von Demokratie ist, gerade in Berlin, das A und O“. Dabei sei das Abhalten von Wahlen „das kleine Einmaleins“, um Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen. „Wie kann man den Gegnern der Demokratie solches Futter bieten?“, fragte Hajo Schumacher. Das Wahldebakel habe immensen Schaden angerichtet und Urvertrauen zerstört. Er sei allerdings eher ratlos als empört.

„Erstaunlich, was sich die Menschen in Berlin alles gefallen lassen“

Schumacher zitierte einen Morgenpost-Leser, der ihm kürzlich sagte, es sei faszinierend, was sich die Menschen in Berlin alles gefallen lassen. Darauf stieg Christine Richter sofort ein. Sie habe den Eindruck, dass viele Berliner und Berlinerinnen das Wahldebakel mit einem Schulterzucken abschütteln. Das gipfele in der Haltung des damaligen Innen- und heutigen Bausenators Andreas Geisel (SPD), der zwar angebe, politische Verantwortung zu spüren, aber einen Rücktritt ablehnt.

Nun empörte sich auch der Chefkolumnist, dass der „Selbstreinigungsprozess der Demokratie“ an dieser Stelle nicht funktioniere. Geisel hätte zurücktreten müssen, wie damals Willy Brandt nach der Enttarnung des DDR-Spions im Kanzleramt, Günter Guillaume. Dann hätte er irgendwann „erhobenen Hauptes“ auf die politische Bühne zurückkehren können. Die „Wurschtigkeit“ in der Beurteilung der Pannenwahl hätten auch viele Medien an den Tag gelegt, monierte Schumacher. Die Rücktrittsforderung an Geisel sei nirgendwo so konsequent vertreten worden wie in der Berliner Morgenpost.

Wie weiter nach der Wiederholungswahl?

Weiteres Thema war die Digitalisierung der Verwaltung und die Terminlage in den Bürgerämtern. Hier zeigte sich Christine Richter wesentlich weniger optimistisch als ihr Gesprächspartner, dass der jetzige Senat auf diesem Feld seine Ziele umsetzen kann. Noch immer hätten Bezirke und Senatsverwaltungen zu viele nicht kompatible IT-Systeme.

Und natürlich musste bei einem solchen Talk zum Thema Landespolitik auch erörtert werden, wie die Wiederholungswahl des Abgeordnetenhauses und der Bezirksverordnetenversammlungen wohl ausgehen könnte. Die Gäste machten mit großer Mehrheit deutlich, dass sie sich nicht die Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch als Regierende Bürgermeisterin wünschen.

Christine Richter hält Grün-Schwarz für grundsätzlich möglich, Schwarz-Grün indes nicht. Beide Gesprächspartner waren sich einig, dass die SPD nicht freiwillig in die Opposition gehen werde. Die Stärke der FDP beurteilten sie indes unterschiedlich. Während Hajo Schumacher die Liberalen im Parlament sieht, ist Christine Richter angesichts des Bundestrends skeptischer, ob die Partei in Berlin die Fünf-Prozent-Hürde überwinden kann.

Giffey-Sieg nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich

Der Chefkolumnist hält einen Sieg von Franziska Giffey (SPD) zwar nicht für unmöglich, aber für sehr unwahrscheinlich und befürchtet eine geringe Wahlbeteiligung. Die Chefredakteurin hofft dagegen auf viele Briefwähler, auch der „kurze und knackige Wahlkampf“ werde der Wahlbeteiligung nutzen. Beide teilten aber die Befürchtung, dass die Wiederholungswahl einen politischen Stillstand bis Ostern auslösen könnte.

Der zweite Teil der Diskussion befasste sich mit dem Thema Medien. Christine Richter und Hajo Schumacher waren sich einig, dass die Bedingungen, guten Journalismus zu machen, heute erheblich schwieriger geworden sind als noch vor wenigen Jahren. Die Chefredakteurin nannte ein Beispiel: Früher habe die Polizei Pressemeldungen herausgegeben, die die Redaktion gewichten, verarbeiten und vor allem neu formulieren musste. Heute beschäftige die Berliner Polizei 30 Mitarbeiter im Social-Media-Team und produziere selbst Geschichten. Für Redaktionen sei es schwer, die Inhalte zu überprüfen. Auch viele Politiker nutzten sehr stark die sozialen Medien, zum Beispiel die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey. (SPD).

Diskussion über Veränderungen im Journalismus

Hajo Schumacher ergänzte einen zweiten Punkt: die Schnelligkeit. Als er am Beginn seiner Karriere Sportreporter in seiner Heimatstadt Münster war, habe es vom Auftrag, etwa über ein Fußballspiel zu berichten, bis zum Erscheinen des Textes drei bis vier Tage gedauert. „Heute passiert das in Echtzeit.“ Journalisten müssten zudem heute technisch viel mehr bedienen können als eine Schreibmaschine und einen Fotoapparat, müssten nicht nur Texte schreiben, sondern beispielsweise auch Videos drehen und schneiden.

Gleichzeitig gebe es heute viel mehr Kanäle, über die Nachrichten einlaufen. Journalisten seien gefordert, den Überblick zu behalten. „Management von Informationen ist die Kernkompetenz der Zukunft“, betonte Schumacher. Gerade Zeitungen hätten die Aufgabe, in der Nachrichtenflut Wichtiges von weniger Wichtigem zu trennen. Zudem müsse auch die Zeitung der digitalen Transformation folgen. Es sei gut und unabdingbar, dass die Berliner Morgenpost mittlerweile eine Fülle von Podcasts und Newslettern anbiete.

Plädoyer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Weiteres Medienthema war der Skandal um den RBB. „Hat der Sender eine Zukunft?“ fragte die Chefredakteurin ihren Kollegen. Er brach eine Lanze für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dieser dürfe nicht abgeschafft, müsse aber reformiert werden. Das aus den Sendern selbst heraus zu vollziehen, sei aber sehr schwer. Der RBB in seiner jetzigen Struktur sei nicht haltbar. Und schließlich fragte Hajo Schumacher, wieso sich Deutschland mit ARD und ZDF zwei öffentliche Programmanstalten leiste.

In der anschließenden Diskussion mit den Gästen wurden die beiden Themen Landespolitik und Medien zusammengeführt. Mehrere Leserinnen und Leser äußerten ihre Unzufriedenheit mit der „politischen Kaste“, die sich zunehmend von der Bürgerschaft und ihren Problemen entferne und teilweise geradezu abschotte. Hajo Schumacher stimmte zu: „Die Parteien bilden nicht mehr die Stadt ab.“ Er wünsche sich eine Bürgerbewegung, wie sie vor einigen Jahren Emmanuel Macron in Frankreich ausgelöst hat.

Wie kann man die Bürgerschaft stärker aktivieren?

CLB-Galerist Sven Sappelt engagiert sich in der „Stiftung Zukunft Berlin“, die sich „für ein besseres Berlin“ einsetze. Er fragte, wie man die Bürgerschaft stärker aktivieren könne und welche Rolle die Medien dabei spielen könnten? Hajo Schumacher meinte, nach seiner Überzeugung gebe es nur einen Weg: sich selbst in der Politik zu engagieren. „Politik ist eine Mitmachveranstaltung, kein Dienstleistungsformat.“

Die Leidenschaft für Berlin sei auch der Antrieb der Morgenpost, sagte die Chefredakteurin. „Wir wollen, dass es der Stadt und den Berlinern und Berlinerinnen gut geht. Deshalb sage ich auch, dass ich besser regiert werden will und kritisiere die Landesregierung so oft.“ Trotz aller Probleme appellierte sie, optimistisch zu bleiben. Einen Lichtblick konnte sie den Gästen zum Abschluss mit auf den Weg geben: Im kommenden Jahr feiert die 1898 gegründete Berliner Morgenpost ihren 125. Geburtstag.

Die Ausstellung „Das ist Berlin“ mit den Werbemotiven der Berliner Morgenpost ist noch am Sonnabend und Sonntag, jeweils 11 bis 19 Uhr, in der CLB-Galerie im Aufbau-Haus am Moritzplatz zu sehen (Eingang Oranienstraße). Die Motive können danach im Internet auf www.berlin-ist-wenn.de als Plakate erworben werden. Die Erlöse der Auktion kommen zu 100 Prozent der Weihnachtsaktion „Schöne Bescherung“ unseres Vereins „Berliner helfen“ zugute.